"In Paris mit Jim", Erzählungen von Mario Szenessy, mit einem Nachwort von Peter Wapnewski. 1930 im serbischen Teil Jugoslawiens geboren, in Ungarn aufgewachsen und als Russichlehrer tätig, 1963 in die Bundesrepublik übergesiedelt und zu einem an Thomas Mann und Kafka geschulten deutschen Schriftsteller geworden – das sind die äußeren Marken im Leben von Mario Szenessy, der 1976 an Krebs starb, in der Kreisstadt Pinneberg in Schleswig-Holstein. "Wahrhaftig, es ist weder eine Ehre noch eine Freude, in Dünneberg/Schleswig-Holstein zu leben. Im Gegenteil; man muß hier auf alles gefaßt sein, vor allem auf das Schlimmste", beginnt eine der Erzählungen dieses Bandes, der dankenswerterweise aus dem Nachlaß Szenessys herausgegeben wurde. Sechzehn Erzählungen, teilweise mit früheren Werken von Szenessy verknüpft, teilweise noch skizzenhaft, schwer auf einen Nenner zu bringen, es sei denn auf den der ihnen allen gemeinsamen elegant federnden, wohlgeformten Satzperioden. Einiges sind Studien aus dem unbesonnten Alltag der Bundesrepublik: über Sperrmüllsammler, einen Berliner Flipperhallenbesitzer, eine von einem Herrn Tod unzulänglich verwaltete, zusammenbrechende Kleinwohnung in Dünneberg. Anderes sind Fluchtträume oder Parabeln. Geschichten von den ruinösen Anpassungskünsten, die der Wechsel der Zeitläufte den Menschen abverlangt. Geschichten über die Geschichte: von dem gewaltigen Oberlebensbunker, der dennoch nicht mehr sein kann und will als ein der Sinnlosigkeit der Zeit entsprechendes Monument der Sinnlosigkeit. Das ist alles leicht und wie im Scherz erzählt, so als habe Szenessy zeigen wollen: Auf das Schlimmste gefaßt zu sein ist keine Kunst, sondern einfach das Normale; die Kunst besteht in der Anstrengung, angesichts des Schlimmsten nicht in Wehleidigkeit zu verfallen, sondern einen Rest von Heiterkeit aufzubringen. Dies Buch ist nun leider die letzte Gelegenheit, ihm bei diesem Trick zuzusehen. (Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, 1977; 227 S., 24,– DM.)

Dieter E. Zimmer