Hannover: "Christo – The Running Fence"

Nach der ersten deutschen Station im Rheinischen Landesmuseum Bonn und vor einer fast zweijährigen Wanderschaft durch Museen und Ausstellungsinstitute in Dänemark, Norwegen, der Schweiz, Belgien, Frankreich und England macht der "Running Fence", der hell schimmernde Nylonzaun, den Christo im vergangenen Herbst vierzig Kilometer lang durch das sommerversengte Kalifornien legte, in der Kestner-Gesellschaft Karriere: Die von den Besuchern mit Neugierde und Interesse aufgenommene Ausstellung ist verlängert worden, und das ist gut so, denn es ist die letzte Chance, sie in der Bundesrepublik zu sehen. Läßt sich das überhaupt ausstellen: ein Kunstwerk auf Zeit (von 1972 bis 1976 dauerte die Vorbereitung des "Running Fence", vom 7. bis 21. September 1976 existierte er), eine Arbeit, deren Essenz darin liegt, daß sie alle Vorstellungen von der Beschaffenheit der Kunst, ihrer Größe, ihrem Ewigkeitsanspruch konterkariert? Zum Kunstwerk gehört für Christo nicht nur die fertige Arbeit, sondern alles, was mit der Realisierung der Idee zu tun hat, Mensch und Material; Größe mißt sich für ihn nicht nur in materieller Monumentalität, sondern im Aufwand von Zeit, Energie und Phantasie, die nötig waren; und Ewigkeit ist das, was von der Vergänglichkeit bleibt: Filme, Photos, Bücher, Dokumentationen. Erstaunlicherweise läßt sich das wirklich ausstellen, will sagen, mit einer Ausstellung auch eine Vorstellung geben von dieser Idee. Ein maßstabgerechtes Modell des Projeks, ein Stück Nylontuch (von den 150 876 Metern), ein Stahlmast (von 2050 Exemplaren), ein Stück Stahlkabel (von 144 Kilometern), die grandiosen Zeichnungen von Christo und die peniblen der Ingenieure, die kleinen schwarzweißen Dokumentarphotos und die riesigen Farbstimmungsphotos allein könnten aber möglicherweise zu Souvenirs eines großen Abenteuers verkommen. In Ergänzung mit dem halbstündigen Film jedoch, der die Mühsal und den Triumph des Unternehmens zeigt, den kleinen Mist des Behördenkriegs, der technischen Probleme und die große Schönheit und wunderbare Überzeugungskraft der vollendeten Arbeit, gewinnt das Abenteuer wieder die Dimension der Utopie (Kestner-Gesellschaft bis zum 15. Januar 1978, Katalog 18 Mark).

Petra Kipphoff

München: "Simplizissimus"

Der zähnefletschende rote Kettenhund, das Wappentier des Simplizissimus, hat gefährlicher ausgesehen als er war. Die Karikaturen in dem schlicht "Illustrierte Wochenschrift" genannten Blatt (es hatte einen durchaus anspruchsvollen literarischen Teil) waren fast immer gut gezeichnet, trafen die Angegriffenen auch, aber selten an der wirklich verwundbaren Stelle. Leo Tolstoi hat der Zeitschrift 1901, sie war damals gerade fünf Jahre alt, "das große Verdienst, daß sie nicht lügt", bescheinigt – die ganze Wahrheit hat sie keineswegs gesagt. Das liberale und konservative Blatt hatte nichts gegen deutschnationale Größe, es mochte nur die chauvinistische Großmannssucht nicht. Seine Satire rechnete im Vertrauen auf bürgerliche Vernunft nicht mit dem Ernstfall, sie hat den Wilhelminischen Militarismus nur lächerlich gemacht (dafür wurde der "Simpl" mit einem Verkaufsverbot auf preußischen Bahnhöfen bestraft), das Säbelrasseln jedoch als infantile Imponiergeste mißverstanden; München war von Berlin doch weit entfernt. 1914, der Ernstfall war da und die Redaktion ratlos, schwenkte die Zeitschrift mit Hurra über ins nationale Lager. Dem Kettenhund wurde eine Pickelhaube aufgesetzt, die Satire stand stramm, die frühere Kritik war nur noch Makulatur. Karikatur stellte sich in den Dienst der Demagogie, ein Sündenfall, von dem sich der "Simpl" nicht mehr erholt hat. Er fand sich in der Weimarer Republik sowieso nicht richtig zurecht, die Zustände hatten sich verändert, seine Reaktion darauf war unsicher. Man war sozial, man war demokratisch, deswegen beileibe aber nicht sozialdemokratisch – die Republik war gut, vorausgesetzt sie blieb bürgerlich. Und wieder hat der Simplizissimus einen Gegner unterschätzt – er hielt den Trommler mit dem Bärtchen für eine Witzblattfigur, solange, bis es zu spät war. Diesmal war der Irrtum tödlich: 1933 wurde das Blatt, dem der bayerische Kultusminister bereits 1928 vorgeworfen hatte, es verhöhne und untergrabe fortgesetzt die staatlichen Einrichtungen, unter Kuratel gestellt: Der "Simpl", gleichgeschaltet, marschierte mit, (Haus der Kunst bis zum 15. Januar 1978; Katalog 22 Mark) Helmut Schneider

Wichtige Ausstellungen

Baden-Baden: "Antoni Tàpies – Handzeichnungen, Aquarelle, Gouachen, Collagen, 1944–1976" (Staatliche Kunsthalle bis 15. Januar 1978, Katalog 17,50 Mark)