Barmherzigkeit in Deutschland: Die Nächstenliebe e. V. funktioniert / Von Aloys Behler

Die Adresse ist – sehr beziehungsreich – Trostbrücke 1. Der Paternoster in der Halle des gepflegten hanseatischen Kontorhauses hebt den Besucher in den vierten Stock. Von dort geht es über eine gewundene Treppe noch ein Stückchen höher zu einem Stübchen, an dessen Tür "Flüchtlings-Starthilfe e. V." steht. Ungezählte Hilfesuchende haben an diese Tür geklopft, und die Reihe reißt nicht ab: Rund vierhundert Bitten um Hilfe erreichen die Damen, die – abgesehen von einer hauptamtlichen Kraft und wenigen Stundenhilfen – ehrenamtlich arbeiten, in jedem Monat.

Die Flüchtlings-Starthilfe ist ein privater Verein, zu dem sich 1953 zwölf Frauen aus der Hamburger Gesellschaft zusammenschlössen, um Flüchtlingen aus dem Osten den Start in der neuen Umgebung zu erleichtern. Heute hat der Verein (ZEIT-Lesern bekannt durch die Rubrik "Barbara bittet") achtzig Mitglieder, ausschließlich Frauen und fast alle aktiv, die ihre Aufgabe darin sehen, zu helfen und Hilfe zu vermitteln, wobei ihnen die persönliche Anteilnahme mindestens so wichtig ist wie die rein finanzielle Unterstützung. Die Damen haben sich einen ganz bestimmten Abschnitt an der Front der Nächstenliebe gesucht und dabei eine überraschend hohe Meinung von der Hilfsbereitschaft des Bundesbürgers gewonnen.

Sie erleben zum Beispiel, daß Briefe kommen wie dieser, den Geschäftsführerin Levsen auf dem Schreibtisch hat: "... überwies ich Ihnen einen kleinen Beitrag, klein unter anderem auch, weil ich keine Beziehung zu dieser Art von Hilfe hatte. Durch Ihr Dankschreiben und Ihre Broschüre ist mein Interesse und die Bereitschaft zu helfen, gewachsen. Natürlich kann ich nun öfters finanzielle Hilfe leisten, die für Sie vielleicht wertvoller ist als mein Angebot, das ich Ihnen jetzt darlege. Ich möchte Ihnen – zeitweilig – als Übergang für eine Familie, die anfangs nicht weiß, wo sie unterkommen kann, für wen auch immer, der sich an Sie wendet, unser Haus an der Mosel anbieten..."

Es hat nicht jeder ein Haus anzubieten, aber Briefe, in denen vergleichbar verblüffende Angebote der Hilfe gemacht werden, kommen in Fülle. In gleicher Fülle allerdings stellen sich die Notfälle ein, und es ist natürlich nur ein schmaler Sektor der Hilfsbedürftigkeit, der über Trostbrücke 1 abgedeckt werden kann. Aus Dankbriefen von Leuten, denen geholfen werden konnte, mag man erkennen, wie sehr Hilfe nottut: "... In der ersten Zeit in unserer neuen Heimat hatten wir das Gefühl, daß keine Seele (und das auch von den staatlichen Stellen) für unsere Situation Verständnis zeigte. So sind wir besonders dankbar, daß wir durch Sie einen menschlichen Kontakt erfahren ..."

Der menschliche Kontakt, wesentliches Kriterium unmittelbar praktizierter Nächstenliebe, stellt sich heute nicht so leicht von selber her. Finanzielle Unterstützung findet ein Bedürftiger heute allemal eher als einen Zeitgenossen, der Zeit hat, ihm zuzuhören. So sind die Anstöße zu mitmenschlicher Begegnung, die ein organisierter Kreis von Hilfswilligen geben kann, wichtiger als der gewiß auch notwendige materielle Beistand. Aber daß solche Hilfe organisiert werden muß, ist auch ein Symptom für den Zustand unserer Gesellschaft.

Freuen wir uns, daß es sie gibt: die "Grünen Damen", Hausfrauen, die nach angelsächsischem Vorbild in Krankenhäusern und Altenheimen all jene Dienste tun, für die Ärzte und Schwestern keine oder zu wenig Zeit haben; die Rebekka-Schwestern, die sich um spastisch gelähmte Kinder und milieugeschädigte Jugendliche kümmern; den Verein "Zuflucht", in dem sich Rechtsanwälte, Ärzte, Sozialarbeiter und Therapeuten in ihrer Freizeit um straffällig gewordene Mitbürger bemühen; den "Weißen Ring", der sich der Opfer von Gewaltverbrechen annimmt – um nur einige der Initiativen aus jüngerer Zeit zu nennen. Sie alle erfüllen, ob sie nun bei ihrer Tätigkeit Jesu Gleichnis vom barmherzigen Samariter vor Augen haben oder sich einfach vom Gefühl verdammter Pflicht und Schuldigkeit leiten lassen, neben ihrer humanitären auch eine sozialhygienische Funktion: Sie verschaffen uns ein Alibi, indem sie uns die beruhigende Gewißheit vermitteln, daß es gottlob noch Leute gibt, die hingehen und desgleichen tun.