Ich kenne mehrere gehemmte und schüchterne Jugendliche und muß bekennen: einerseits tun sie mir leid, andererseits können sie mir aber auch verdammt auf die Nerven gehen. Wie oft erlebe ich, daß jemand, anstatt seine eigene Meinung zu vertreten, sich lieber anpaßt und duckt, um Unannehmlichkeiten zu vermeiden. Natürlich ist Schweigen einfacher und bequemer, besonders wenn es sich um eine Auseinandersetzung mit Lehrern oder Vorgesetzten handelt. Mein Ideal von einem Jugendlichen aber ist der Gesprächspartner und Kamerad, mit dem man über vieles reden kann, der einen ohne Feigheit unterstützt, der,sich traut, sich auch mal gegen Lehrer zu behaupten und sich nicht immer widerstandslos bevormunden läßt.

Wenn ich mir überlege, daß Schüchternheit den Mädchen früher bewußt anerzogen wurde, weil dieses Verhalten als weiblich und schicklich galt, bin ich wirklich froh, heute zu leben, wo doch die Schlagworte Initiative, Verantwortung, Selbständigkeit und Selbstbewußtsein großgeschrieben werden und sich die Erziehung auch in diesem Sinne positiv gewandelt hat.

Dorothée Knipp 17 Jahre

Sicherlich ist das Zusammenleben mit Menschen, die von sich überzeugt sind, ungleich anstrengender und unbequemer als die Begegnung mit jemandem, dem sowieso alles egal ist. Nur meine ich, daß gerade die Beschäftigung mit der eigenen Persönlichkeit unabdingbar ist, wenn man überhaupt irgendwann den Zustand der Zufriedenheit erreichen will. Allein ein solcher Zustand befähigt uns, Rückschläge und depressive Phasen zu überstehen. Und was kann schließlich eine bessere Garantie für das Funktionieren der Demokratie sein, als im Grunde zufriedene Bürger, die trotzdem den Mut haben, den Mund aufzumachen? Allerdings marschieren wir im Augenblick in die entgegengesetzte Richtung: Der Jugendliche gelangt während seiner Schul- und Ausbildungszeit ausschließlich zu ernüchternden und sein Selbstbewußtsein schwächenden Einsichten. Hermann Stabenow, 19 Jahre

Ein Leben inmitten enthemmter und von starkem Selbstbewußtsein erfüllter Menschen muß schlimmer sein als die Hölle. Jeden Tag von neuem höbe ein Kampf um Vormachtstellungen an. Rücksichtnahme würde kleingeschrieben, die eigenen Interessen in den Vordergrund gestellt. Die Gemeinschaft zerbräche, weil das, was alle gemeinsam hätten – nämlich abgebaute Hemmungen und starkes Selbstbewußtsein –, sie gerade voneinander trennen würde. Die einzelnen Psychologiegeschädigten litten unter übersteigertem Selbstbewußtsein und würden von ihrer normalen Umwelt abgelehnt werden, auch wenn sie Erfolg hätten. Da bleibe ich lieber bei meinen Hemmungen und dem schwachen Selbstbewußtsein, dann werde ich wenigstens kein unmenschliches Monster.

Ulrich Keding, 20 Jahre

Ich habe mich vor einiger Zeit einer Gruppe angeschlossen, welche gruppendynamische Spiele durchführt. Kernpunkt dieser Treffen ist: Gefühle so zeigen, wie sie sind; in der Gruppe über seine eigenen Ängstesprechen; sich seinen Mitmenschen preisgeben, um mehr über sich selbst zu erfahren. Ursachen von Haß und Neid konnte ich dadurch bei mir selbst aufspüren, etwas dagegen unternehmen. Nach den Wochenendseminaren mußte ich allerdings die Maske des Alltags wieder aufsetzen. Als Ergebnis eines längeren Zusammenlebens in solcher Gruppe könnte ich mir erheblich weniger Angst und Streß vorstellen. Außerdem glaube ich, daß ein Leben in einer solchen Gemeinschaft zwar nicht konfliktfrei, aber sinnvoll und intensiv ist und daß man nicht so ziellos vor sich hinlebt, wie es bei vielen Jugendlichen heute der Fall ist. Bernd Meding, 16 Jahre