Die Chance des Dialogs zwischen Politikern und Studenten braucht Geduld und Redlichkeit der Politiker und ein Mindestmaß an Bereitschaft zum Zuhören bei den Studenten. Alle Parteien tun sich schwer an den Hochschulen wieder Fuß zu fassen, am schwersten haben es dabei CDU und CSU. Die von Tumulten begleiteten Auftritte des CDU-Generalsekretärs Heiner Geißler an der Bremer Universität und des CDU-Vorsitzenden Helmut Kohl an der Technischen Universität (TU) Berlin haben das gezeigt. Geißler kam nicht zu Wort, weil rund 150 Extremisten gewaltsam in den Saal eindrangen, ihn hinderten zu reden und außerdem noch andersdenkenden Studenten mit Fäusten und Füßen traktierten.

Das sind glatte Rechtsbrüche, und der CDU-Generalsekretär hat mit dieser Beurteilung recht. Überzogen ist jedoch seine Behauptung (laut dpa): "Das war schlicht und einfach Terrorismus." Sachbeschädigung, Nötigung und Körperverletzung sind Straftaten, die jeden Tag in jeder Großstadt x-mal geschehen. Man darf sie freilich auch keinem Studenten durchgehen lassen. Es sind weder Kavaliersdelikte noch Lappalien, die mit jugendlichem Überschwang zu entschuldigen wären. Bloß: Terrorismus ist das nicht.

Der pauschale Terrorismus-Vorwurf gegenüber den Hochschulen ist bei der Union im Schwange: Der Stuttgarter CDU-Ministerpräsident Hans Filbinger hat den "Sumpf des Terrorismus", der hessische CDU-Vorsitzende Alfred Dregger den "geistigen Sumpf des Anarchismus" an den Universitäten geortet, der Hamburger CDU-Vorsitzende Jürgen Echternach brandmarkte die Uni der Hansestadt als "Trainingscamps der Terroristen". Dies belastet die Beziehung zwischen vielen Studenten und den beiden christlichen Parteien. Auch Studenten, die mit extremistischen K-Gruppen und Chaoten nichts im Sinn haben, fühlen sich diffamiert und reagieren gegenüber CDU/CSU-Politikern mit aggressiver Ablehnung. Zu einer zusätzlichen Verschärfung hat der CSU-Vorsitzende Franz Josef Strauß mit seinen Äußerungen in und über Chile beigetragen. Der Gesundbeter der Militärdiktatur in Chile urteilte höhnisch über den Militärputsch 1973, bei dem Tausende von Menschen ermordet wurden: "Wenn die Militärs eingreifen, ist das etwas anderes, als wenn Franziskaner Suppe verteilen."

Der Zynismus des CSU-Vorsitzenden hat den christlichen und sozialen Demokraten ihre Glaubwürdigkeit genommen, wenn sie in den Hochschulen auftreten. Es paßt nicht zusammen, die Hochschulen in den Geruch des Terrorismus zu bringen und gleichzeitig die Taten eines Terrorregimes wie in Chile nicht unmißverständlich und eindeutig zu verurteilen.

Das alles sind Gründe, warum der ohnehin schon mühsame Versuch eines neuen Dialogs zwischen den Politikern und den Studenten für die Christdemokraten am mühsamsten ist. Gleichwohl: Die Chance der Diskussion müssen Studenten auch CDU/CSU-Politikern einräumen. Nötigung, Sachbeschädigung und Körperverletzung sind kein Mittel politischer Auseinandersetzung. Die christdemokratischen Politiker können freilich nicht erwarten, daß Jugendliche entweder cool wie alte Polit-Profis mit ihnen diskutieren oder ihnen wie Klosterzöglinge lammfromm zuhören.

Die Christdemokraten machen es sich zu einfach, wenn sie den Protest von Studenten gegen ihre Politik als linksradikal oder als kommunistisch gesteuert abtun. Denn damit schaffen sie es nicht, die Sperre der Studenten gegen CDU-Auftritte und -Argumente abzubauen. Mit jener unnachgiebigen Härte wie sie Filbinger mit seinem Landeshochschulgesetz demonstriert und wie sie Dregger in Hessen nach einem CDU-Sieg bei den nächsten Landtagswahlen nachvollziehen will, sind weder die politisch aktiven Studenten für einen Dialog zu gewinnen noch die viel zitierte "schweigende Mehrheit" zu mobilisieren. Im Gegenteil, so wird die Kluft zwischen vielen Studenten und den Christdemokraten nur noch breiter. Claus Voland