Von Helmut Schödel

Neulich habe ich einen sehr bekannten Film mit James Cagney und Humphrey Bogart gesehen: "The Roaring Twenties". Cagney hatte als Eddie Bartlett eine sehr zwiespältige Persönlichkeit zu zeigen: Er war der böse Gauner, der Alkohol schmuggelt und dabei über Leichen geht, und er war der gutmütige, bis über beide Ohren Verliebte, der seinem Mädchen die Sterne vom Himmel holt. Er war bedingungslos in ein Mädchen verliebt, das ihn nicht liebte, und verletzte dabei eine Frau, die unsterblich in ihn verliebt war. Am Ende, als er für seine Geliebte gemordet und sich dabei tödlich verwundet hatte, zeigte sich: Er spielte den Gauner, er war der Liebhaber. Bartlett war plötzlich eine ziemlich eindeutige Person. Er starb auf den Stufen einer Kirche, und die Frau sagte dazu: "He used to be a big shot." In der Stunde des Todes schien durch Bartletts Opfer seine unerfüllte Liebe erfüllt. Cagney hatte seinen Zuschauern gezeigt, was Liebe ist: eine tragische Verstrickung, höchste Hingabe. Man könnte auch sagen: Selbstverlust. Den Tod als Grenze für die Romanze schien es nicht mehr zu geben. Durch den von Cagney vorgeführten (mörderischen) Exzeß, der sich um den Tod nicht kümmerte, erhob er seine Liebe und zerstörte sie zugleich.

Cagneys Liebesgeschichte war eine Liebesgeschichte mit Goldrand. Eddie Bartlett hat den Traum von der Zweisamkeit mit seinem Mädchen auf eine sehr gewaltsame Weise zu lebenslänglicher Dauer verholfen. Er hat sich damit einen Traum wahr machen wollen: den Traum, daß die Liebe ewig sei. Das fabula docet seiner Geschichte war: daß Liebe bedingungslos ist, daß sie nicht einmal den physischen Vollzug voraussetzt; und daß Liebe und Opfer Synonyme sind. Cagneys Liebesideale waren Ewigkeit, Bedingungslosigkeit, Opferbereitschaft. Eine Liebesgeschichte mit Goldrand ist immer also auch eine Tragödie.

Es wäre sehr einfach, diese Tragödien beiseite zu schieben: der Stoff sei banal; der Film ein Trivialfilm; dieser Aufsatz kein Aufsatz über die Schwarze Serie. Doch damit ist die Rede von so einer Liebe nicht abzuwürgen. Humphrey Bogart und Lauren Bacall etwa, sind Metastars, die uns beschäftigen. Herbert Achternbusch schreibt in seinem Buch "Die Stunde des Todes": "Und wenn die letzten Wellen aus meinem Kopf weichen, oszillieren sie hoffentlich noch irgendwie Bilder aus der ‚African Queen‘ von John Huston. Katherine Hepburn möge dann bitte noch einmal zu Humphrey Bogart ,Charly‘ sagen." Der Pop-Lyriker Christoph Derschau wählte Achternbuschs Testament als Motto für seinen ersten Gedichtband. Die sentimentalen Liebesgeschichten haben wieder ihr Publikum, nicht nur unter den Literaten.

Noch eine Liebesgeschichte: Sie spielt im Zweiten Weltkrieg, der Liebhaber heißt Andreas, ist deutscher Soldat und hat vor der Katastrophe davon geträumt, Pianist zu werden. In einem polnischen Bordell lernt Andreas Olina kennen, die dort ihr Geld verdient und vor der Katastrophe davon geträumt hat, Pianistin zu werden. Olina erscheint als eine merkwürdig gespaltene Persönlichkeit. Sie ist zuerst die Hure mit dem "bösen Gesicht" und wird dann zum gefallenen Engel mit dem traurigen Schicksal. Andreas sieht plötzlich das "reine, sanfte müde, kleine, blasse Mädchengesicht, das im Glück des Schlafes nun ganz unmerklich lächelt Seit Olina in die Bordellromanze mit Andreas eingetreten war, zeigte sich: Sie spielte die böse Hure, sie war der gefallene Engel. Liebe, sagte sie, ist "immer bedingungslos". Dann fährt sie mit Andreas in den Tod. So wird auch diese Liebe, die den physischen Vollzug nicht kannte, zur ewigen Liebe. Ewigkeit, Opferbereitschaft, Bedingungslosigkeit sind ihre Ideale. In grauer Zeit war auch das eine Liebe mit Goldrand, also eine Liebestragödie.

Diese Geschichte von Olina und Andreas erzählt Heinrich Böll in seinem 1949 erschienenen Kurzroman "Der Zug war pünktlich".

Geschichten wie diese liest man immer wieder bei Böll. Im Schatten der großen Katastrophe des Krieges ereignet sich das ganz andere. Während die Welt zusammenkracht, geschehen, im Abseits der Zweisamkeit, die Wunder zwischen den Liebenden. Das: ist auch in dem 1971 erschienenen Roman "Gruppenbild mit Dame" noch so: Das Gegengift gegen die Katastrophe ist die Romanze. Die Love-Story zwischen Leni Pfeiffer und Boris Lvović Koltowski, einem jungen Sowjetsoldaten von "geradezu überirdischer Sensibilität ist auch wieder die große Liebe unter Kriegsbedingungen, eine durch die Militärgeschichte abgewürgte Romanze. Am Ende des Krieges findet Leni nach lebensgefährlichen Suchaktionen Boris in einem lothringischen Kaff begraben. Von da an ist Leni ganz allein auf der Welt: "Seitdem ist sie nun wirklich zur Statue geworden..."