Eine Entführung auf Zypern, eine geschwächte Regierung in Athen, Zerbröckeln der Mehrheit in Ankara – der politische Horizont im östlichen Mittelmeer-Konflikt hat sich wieder verdüstert.

Am Mittwoch voriger Woche war der Sohn des zypriotischen Präsidenten, Spyros Kyprianou, vor seiner Kaserne in der Nähe von Nikosia entführt worden. Die Täter, Mitglieder der faschistischen Untergrundbewegung EOKA-B, verlangten die Freilassung aller ihrer Mitglieder, die seit dem Putsch vom Juli 1974 verhaftet oder gesucht oder angeklagt wurden.

Präsident Kyprianou lehnte die Forderungen der Kidnapper ab, die mit der Hinrichtung seines Sohnes drohten, aber dreimal ihr Ultimatum verlängerten: "Ich bin bereit, meinen Sohn zu opfern, aber niemals mein Land." Seine emphatischen Worte machten Eindruck – auf die Bevölkerung und offenbar auch auf die Entführer. Am Sonntag morgen ließen sie den jungen Leutnant frei.

Der glückliche Ausgang des Dramas hat politische Auswirkungen. Damit ist die Wiederwahl des 45jährigen Kyprianou, der nach dem Tode des Erzbischofs Makarios Anfang August zyprischer Staatspräsident wurde, im kommenden Februar praktisch gesichert. Kyprianous Gegenkandidat Glafkos Klerides, Führer der prowestlichen "Demokratischen Sammlung", zog daraus die Konsequenzen und verzichtete auf eine Kandidatur.

Der neutralistische Kyprianou, Chef der Demokratischen Partei, die ein Volksfrontbündnis mit Kommunisten und Sozialisten eingegangen ist, wird also weiterhin den politischen Kurs angeben. Die Frage ist: Wird es eine Variante des "langen Kampfes" der Inselgriechen gegen die Inseltürken sein, wie ihn Makarios eingeleitet hatte, oder eine Hinwendung zu sinnvollem Verhandeln? Um zweierlei geht es dabei: die Territorialfrage (wieviel Prozent der Insel sollen türkisch bleiben?) und die Verfassungsfrage (wieviel Befugnisse für die Zentralgewalt in einer bikantonalen Republik Zypern?).

Die Türkei hatte noch während der Entführung einen weiteren Truppenabzug – 700 Mann – angekündigt, weil es lange keine Verletzung des Waffenstillstandes gegeben habe und die Aussichten auf eine friedliche Regelung in den Volksgruppen-Gesprächen gewachsen seien. Wenige Tage zuvor hatten sich der griechische Außenminister Papaligouras und sein türkischer Amtskollege Cäglayangil bei der Brüsseler Nato-Tagung darauf verständigt, wieder Expertengespräche über die Rechte im Ägäischen Meer und die Lufthoheit aufzunehmen; eine Friedensregelung auf Zypern solle im direkten Dialog der Volksgruppen angestrebt werden.

Zugleich aber sind die Dinge in Ankara ins Rutschen gekommen. Der türkische Ministerpräsident Demirel hat nach dem Frontwechsel von fünf Abgeordneten – veranlaßt durch einen Erdrutschsieg der Opposition bei den Kommunal- und Provinzwahlen – seine Regierungsmehrheit verloren: Seine Dreierkoalition aus Gerechtigkeitspartei, Nationaler Heilspartei und Nationaler Aktionspartei verfügt nur noch über 223 der 450 Mandate. Die Opposition, Ecevits Volkspartei, wartet auf ihre Chance. Die Regierung oder das Heft in einer Großen Koaliton mit Demirel, könnten die Chancen einer einvernehmlichen Zypernregelung steigen. Zwar befahl Ecevit 1974 die türkische Invasion der Mittelmeerinsel; aber der Kriegsheld möchte seit langem zum Friedenshelden werden. Demirel: war an einer entgegenkommenden Zypernpolitik vor allem durch steine rechten Koalitionspartner gehindert: wor den.