Einmal im Jahr, zu Weihnachten, verzichtet Tiffany ganz darauf, im Fenster Juwelen auszustellen. Wo alle anderen Auslagen um die Wette glitzern, wäre schon ein einziger Brillant, dekorativ auf einem Kohlstrunk plaziert, eine zu große Konzession an den Trend. Der erste Juwelier am Platz hält sich an schlichte Märchenfiguren aus Pappmaché ein fülliger Bischof vor einer Kathedrale, Weihnachten bei einer Bärenfamilie. Auch ohne eitle Werbung ist der Laden voll.

Understatement ist rar im vorweihnachtlichen Kommerzfestival. Alljährlich geben die großen Kaufhäuser an der Fifth Avenue Millionen für ihre Dekorationen aus. Mit Musik und Lautsprechermärchentante zeigt man Nikolaus’ Individualreise ins Märchenland. Lord und Taylor, New Yorks traditionsreichstes Kaufhaus, erwartet zwei Millionen Besucher, die die Szenen aus dem New Yorker Weihnachtsleben – mit beweglichen Figuren – besichtigen wollen. Die Mehrheit der geduldig Anstehenden sind Erwachsene.

Für den Europäer ist es mit der New Yorker Weihnacht ein bißchen wie mit Disneyland. Er bringt seine Arroganz, vielleicht auch seine Abscheu mit, findet viele Vorurteile bestätigt und ist doch fasziniert von der Vitalität, mit der sich die Amerikaner in die Holiday Saison, die Feiertage, stürzen. Thanksgiving, die traditionelle Familienfeier Ende November, die mindestens so wichtig ist wie Weihnachten, gibt den Auftakt für die Kauforgie, die Weihnachtsfeiern im Betrieb, die Schaufensterenthüllungen. Das Bedürfnis nach Ruhe oder Familie wird vorher abgefeiert.

Bei Hallmark, der führenden Einkaufsquelle für Glückwunschkarten, gibt es die amerikanische Weihnacht, mit ihren Sentimentalitäten, aber auch ihrem Witz, ausgedruckt. Die Karten sind in dreißig Unterabteilungen geordnet, zum Beispiel "religiös, humorvoll, Gruppen, Paare, Mutter (extra Rubrik: Mom), Vater, Nichte, Großeltern. Es gibt Karten mit den Peanuts und mit anhängender Papiertasche für Geldgeschenke.

Man braucht nicht zu überlegen, wie man einen Glückwunsch schreibt; und auch das Schmücken des Weihnachtsbaums wird einem abgenommen: Bei Macy gibt es sie in verschiedenen Plastikausführungen, fix und fertig zu kaufen, vom Fuß bis zum Rauschgoldengel, der ebenfalls aus Plastik ist und unterm Rock eine Glühbirne hat.

Die Fertig-Weihnacht findet reißenden Absatz. Andererseits stehen die Menschen in Trauben vor dem Büro der Japan Airlines, wo ein Baum ganz mit Papierfiguren geschmückt ist. Drinnen drängeln sich Passanten, um von einer streng aussehenden Lady "Origami" zu lernen, das heißt die Kunst, aus einem Blatt Papier ohne Schere und Klebstoff Häuser, Elefanten und Autos zu falten.

Für Millionen Amerikaner hat Weihnachten in New York etwas Magisches – die Bäume, die Schaufenster, die Eisläufe am Rockefeller Center, die nie soviel Publikum haben, wie zu dieser Zeit.