Fragt man Minister und Beamte in Dublin, in welchem Ausmaß die Republik Irland finanziell von der Mitgliedschaft in der Europäischen Gemeinschaft (EG) direkt profitiert hat, dann heißt die Antwort meist: in einem sehr bescheidenen. Verwunderlich ist das nicht, denn am Brüsseler Verhandlungstisch macht sich jeder gern arm.

Aber niemand in Dublin bestreitet die positive Wirkung der Mitgliedschaft auf Handel, Landwirtschaft, Politik und insbesondere auf das Selbstverständnis der Nation. Für die Iren war immer ein vorrangiges Motiv für den Beitritt, sich aus dem Schatten des übermächtigen Nachbarn Großbritannien zu lösen und größere Unabhängigkeit und Handelsspielraum zu gewinnen.

Im letzten Jahr wurde eine Wendemarke passiert. Zum erstenmal nahm Großbritannien weniger als die Hälfte der irischen Ausfuhren ab. Für 1980 wird ein Anteil von nur noch 42 Prozent vorausgesagt. Der Rest der EG erwies sich demgegenüber als wesentlich aufnahmebereiter. Die Anteile kletterten von mehr als elf auf 27 Prozent, und in drei Jahren sollen es 32 Prozent sein.

Irland will sich auch von der Landwirtschaft unabhängiger machen. 1980 sollen zwei Drittel der Exporte Industrieprodukte sein gegenüber etwas mehr als die Hälfte heute. Daher rühren die Anstrengung gen, mit einem einzigartigen Paket von finanziellen Anreizen ausländische Investoren anzuziehen. Gelegentlich kommt es zu einem Rückschlag, wie jetzt durch die Schließung des Stahlkord-Werkes des holländischen Konzerns Akzo in Limerick. Dabei gingen 1400 Arbeitsplätze verloren, ein schwerer Schock für die Industriebewerber und eine Trübung des Industrieimages der Insel, da Arbeits- und Gewerkschaftsprobleme neben Managementschwächen Gründe für die Schließung waren.

Die formelle Gleichberechtigung des Landes im Brüsseler Rat hat das Selbstvertrauen gestärkt. Ein Beispiel ist die gegenwärtige geldpolitische Diskussion: Nicht, daß eine Loslösung des irischen Pfundes vom britischen bevorstünde; aber die Tatsache, daß Dublin sie für den Fall erwägt, daß die britische Inflationsrate der irischen davonlaufen sollte, ist schon bemerkenswert.

Irland ist in Europa sicherlich das Land, das mit dem größten Optimismus ins nächste Jahr geht. Die Iren müssen sich Mut zusprechen, denn in den nächsten Jahren müssen Jobs für die schnell wachsende Bevölkerung gefunden werden. Emigration, das traditionelle Ventil für den Bevölkerungsüberschuß seit über hundert Jahren, gibt es nicht mehr. Irland ist das Land mit der höchsten Geburtenrate in Europa. In vier Jahren wird die Republik über 3,3 Millionen Einwohner haben, 200 000 mehr als heute.

20 000, manche sagen 30 000, neue Arbeitsplätze pro Jahr sind nötig, um die Arbeitslosigkeit auf ein mitteleuropäisches Niveau herabzudrücken. Sie wird mit zehn Prozent angegeben. Zwölf bis fünfzehn Prozent gelten jedoch als verläßliche Ziffer, wenn vergleichbare Maßstäbe angelegt werden.