Von Marlies Menge

Die Demokratie haben wir nicht erfunden, keine anständige Revolution haben wir zuwege gebracht, aber eines hat von Deutschland aus seinen Siegeszug um die Welt angetreten, worauf wir wirklich stolz sein dürfen: das stimmungsvolle, sentimentale, deutsche Weihnachten. Die DDR hat uns da allerdings etwas voraus, was wir kaum einholen können: das Erzgebirge, jenes Gebiet unterhalb von Karl-Marx-Stadt, vom Elbsandsteingebirge bis zum Vogtland, 125 Kilometer lang und halb so breit. Hätte der Weihnachtsmann eine Heimat, sie wäre hier. Wie sie es auch für hölzerne Nußknacker, kerzenbestückte Weihnachtspyramiden oder Weihrauchduft verströmende Räuchermännchen ist.

Eine gute Gegend, sie mit Kindern in der Vorweihnachtszeit zu besuchen, sie geraten ins Staunen. Sehnsüchtige Reise auch in die eigene Kindheit. Schon die erzgebirgischen Fenster, beleuchtet durch Weihnachtslaternen, Lichter-Bergmänner und Lichter-Engel, lassen gewahr werden, daß Weihnachten etwas anderes sein kann als nur die schon seit Oktober installierten, kauffördernden Weihnachtsilluminationen in unseren Großstädten und der Wunsch nach einem Kassettenrecorder.

Wir, drei Kinder samt Mutter, machten erste Station in Annaberg. "Glück auf", begrüßten uns junge Leute auf unserem Parkplatz, und es dauerte keinen Tag, bis wir uns an diesen neuen Gruß gewöhnt hatten. Das Erzgebirge war vor allem Bergwerksland. Die dortige Weihnacht ist ganz mit dem Bergmannsleben verbunden. Eben jene Männer, die den Hauptteil ihres Lebens unter Tage verbrachten, sehnten sich mehr als andere nach Licht. So schnitzten sie in der Freizeit Bergmänner. und Engel, die zur Adventszeit mit Kerzen in den Händen in den Fenstern standen, sie erfanden die Pyramide, die sich durch Kerzen angetrieben dreht und die hellen Weihnachtslaternen.

Im Annaberger Museum führte uns der freundliche Museumswärter exklusiv. 1492 wurde in der Nähe des heutigen Annaberg zum erstenmal Silber geschürft. Das war der Beginn des Silberrausches im Erzgebirge, dem amerikanischen Goldrausch durchaus vergleichbar. "Berggeschrey" hieß es. 80 Prozent der Silberproduktion kamen aus Deutschland, ein Drittel davon allein aus Annaberg, der damals zweitgrößten Stadt Sachsens. Die Häuser am Markt, die St.-Annen-Kirche künden heute noch von jener prächtigen Zeit. Sie dauerte kaum hundert Jahre, dann wurde das deutsche Silber durch das mexikanische verdrängt. Das Erzgebirge verarmte. Zwar blieb es Bergwerksland – nach dem 2. Weltkrieg gab es zum Beispiel einen Uran-Boom, und auch heute noch wird im Erzgebirge gefördert –, doch die große Zeit des "Berggeschreys" ist wohl für immer vorbei. Vielleicht wäre die Weihnachtstradition des Erzgebirge nie über dieses Gebiet hinausgelangt, wären nicht damals die Bergleute aus Not gezwungen gewesen, das, was sie bislang zum eigenen Spaß gemacht hatten, zum Geldverdienen auszunutzen. So schnitzten und drechselten sie Nußknacker, Räuchermännchen, Lichterengel nicht mehr nur für die eigene Wohnung, sondern zum Verkauf. In Annaberg war es das Klöppeln, an dem sich die ganze Familie zum Broterwerb beteiligte. Durch das Posamentiergewerbe erlangte Annaberg sogar noch mal Weltgeltung. "Von 1879 bis 1909 war das Konsulat der USA nicht in Dresden, nicht in Leipzig, sondern in Annaberg", verkündete uns stolz der Mann im Museum.

Den Weg zum Frohnauer Hammer, einem frühen Ahnherrn heutiger Stahl- und Walzwerke und erstes Beispiel dafür, warum sich das Erzgebirge so sehr für den Besuch mit Kindern eignet, wies man uns so: "Den Berg hinunter, bis er alle ist, dann links..." Dort angekommen, wurde uns der Frohnauer Hammer vorgeführt und erklärt. Ein Schnitzer ließ uns dann bei der Arbeit zusehen (ein von ihm geschnitzter Kerzenständer kostete uns sieben Mark). Wir durften die Wohnung des letzten Hammerbesitzers besuchen, mit Familienphotos an der Wand, einem schönen Kachelofen, einer Spieldose, die für uns aufgezogen wurde; eine Frau zeigte uns das Klöppeln: "Ganz einfach: drunter – drüber, drüber – drunter, drunter – drüber, drüber – drunter." Heute gibt es staatliche Klöppelzirkel, Klöpplerinnen, die in Heimarbeit für Genossenschaften klöppeln, gar klöppelnde Arbeitsgemeinschaften für Kinder.

Auf dem Wege nach Seiffen sieht die Landschaft aus, daß man dauernd "Oh Täler weit, oh Höhen, oh schöner deutscher Wald" deklamieren möchte. Dazwischen stille Dörfer mit Schildern, die grundsätzlich aus Holz geschnitzt sind, meist bemalt, wie jenes, worauf ein Mann ein Auto schiebt, darunter steht: Zur Reparaturwerkstatt. Seiffen kommt vom Wort "ausgeseifft", hier wurde Zinn gewonnen und von den Bergleuten ausgewaschen, "ausgeseifft". Als es kein Zinn mehr gab, stellten die Bergleute sich an die Hobelbank. 1881 verdienten von 100 Spielzeugmacherfamilien 64 weniger als zehn Mark wöchentlich. Das große Geld machten, wie auch beim Klöppeln, die Verleger, die arbeiten ließen und verkauften. Erschrocken lasen die Kinder im Seiffer Spielzeugmuseum: Vor dem ersten Weltkrieg mußte eine Spielzeugfamilie ein Schock kleiner unbemalter Holztiere für fünf Pfennige hergeben, "Pfengvieh" hießen sie deshalb. Nur durch dauernde Arbeit von früh bis in die Nacht, auch der kleineren noch nicht Schulpflichtigen, konnten sie ein äußerst bescheidenes Leben fristen. Winterhilfsabzeichen (Hitlers Art, die Arbeitslosigkeit im Erzgebirge zu bekämpfen), das Pfengvieh, viele Variationen des Nußknackers, schöne hölzerne Hängeleuchter, Puppenstuben, kostbare Weihnachtspyramiden sind im Seiffener Spielzeugmuseum zu bewundern. Den Kindern hatte es besonders die durch zwei Hausgeschosse ragende Weihnachtspyramide angetan, der Riesen-Nußknacker, das Modell des Dorfes Seiffen im Winter. Noch lieber allerdings war ihnen die Schauwerkstatt der PGH "Seiffener Volkskunst", weil sie hier wieder sehen konnten, wie etwas gemacht wird: Der Reifendreher drehte Ringe, die im Querschnitt das Profil eines Tieres zeigen. Ist der Reifen fertig, werden aus ihm 50 bis 60 Teile, also Tiere, gespalten. Wir sahen, wie Nußknacker bemalt, wie die kleinen Spanbäumchen geschnitzt werden. Am Ausgang kauften wir das Stück eines Reifens mit einem Schnitzmesser, um das Schnitzen von Tieren zu Hause selbst zu probieren. In einem Laden erstanden wir ein hölzernes Dorf in einer Schachtel, einen hölzernen Hampelmann, kleine hölzerne Autos, ein Räuchermännchen, eine Art Krippe. Erzgebirgler klagen immer wieder, daß das, was im Erzgebirge hergestellt wird, so selten in ihren Läden zu finden ist. Das meiste erzgebirgisch Holzgeschnitzte, das ich je auf einem Haufen zum Verkauf ausgestellt sah, war denn auch im westdeutschen Rothenburg ob der Tauber.