Von Uwe M. Schneede

Nach dem scharfen Wind auf der Brühlschen Terrasse, Dresden, und dem Schlangestehen an der Kasse des Albertinums – Ort der VIII. Kunstausstellung der DDR – nicht gleich die Treppe rauf ins Gewimmel der Bilder und Brigaden, erst mal ins Museumscafe. Der Kaffee ist gerade ausgegangen, warten. Gegenüber dem Café im Gang derweil ein erster, noch unbeteiligter Blick auf Werke der VIII. Dresdner, Graphiken und Zeichnungen, von Stelzmann, Ruddigkeit, Hachulla, Wunsch, Gille, zwei Selbstporträts, surreale Landschaften, still, einfühlsam, sensibel – Sozialistischer Realismus?

Die Frage läßt einen nicht los, nicht in der VIII. Dresdner, nicht bei der Lektüre der jüngsten theoretischen Erörterungen von DDR-Kunstwissenschaftlern, offenbar auch nicht in der Mattheuer-Ausstellung des Hamburger Kunstvereins. Sie läßt einen wohl vor allem deswegen nicht los, weil man Vorstellungen mit sich herumträgt, Vorurteile, die sich mit den entscheidenden Werken der mittleren und der jüngeren Künstlergeneration der DDR überhaupt nicht mehr zur Deckung bringen lassen. Die DDR-Kunst der siebziger Jahre ist anders. Wo sind auf diesen Bildern die zuversichtlichen, appellativ am vorderen Bildrand aufgestellten Arbeiter, wo ist der Fortschrittsoptimismus, wo die kämpferische Geste? Es gibt sie, aber nur an der Peripherie; die Studenten, die in Dresden führen, lassen diese Werke aus.

Die Entwicklung, die sich auf der VII. Dresdner 1972/73 ankündigte und die bei uns fortgeschleppten Vorstellungen vom Sozialistischen Realismus in Frage stellt, wäre mißverstanden und bagatellisiert, wollte man sie von hier aus zu einer Sache von Dissidenten oder gerade noch geduldeten Abweichlern machen: Sie entspricht den veränderten offiziellen Vorstellungen und damit auch den Erwartungen.

In den Ateliers zumal der jüngeren Generation – das sind die um 1940 Geborenen – vollzog sich die Wende über die Jahre hinweg, die Kunstwissenschaftler, in der DDR stark an der Praxis orientiert, reagierten darauf mit modifizierten Überlegungen zur Theorie und Praxis, und die Politiker prägten die neuen Formeln, Sozialistischen Realismus. Entscheidend aber war jenes Diktum von Kurt Hager, zuständig für kulturelle Belange im Politbüro des ZK, die Kunst sei als Kunst zu nutzen. Übersetzt: Aufgabe der Kunst ist nicht mehr die Illustration und didaktische Aufbereitung vorgegebener politischer und ideologischer Thesen und Absichten. Kunst hat vielmehr mit den ihr eigenen ästhetischen Gesetzmäßigkeiten und mit – früher negiertem – ästhetischen Gesetzmäßigkeiten und mit – früher negiertem – ästhetischem Reichtum komplex auf Wirklichkeit zu reagieren, schöpferisch Anteil an der Wirklichkeit zu nehmen. Sie kann dabei durchaus beunruhigenden Charakter haben, scheinbar Selbstverständliches in Frage stellen, und sie hat die Aufgabe, zum Nachdenken zu provozieren. In der künstlerischen Praxis fallen insbesondere zwei Dinge ins Auge: die Privatheit vieler Bilder und die subjektive Verschlüsselung, der metaphorische Zug, der mit platter Abschilderung und simpler Identifikation nichts mehr im Sinn hat, gleichwohl auf Verallgemeinerung zielt.

Der Hang zum Privaten läßt sich in der DDR-Malerei der siebziger Jahre ablesen an einer bemerkenswerten Fülle von Porträts und Selbstporträts, skeptischen, bohrenden, kritischen Beobachtungen, vor allem in Bildern von Günter Glombitza, Ulrich Hachulla, Eberhard Löbel, Wolfgang Peuker, Horst Sakulowski, Volker Stelzmann. Alle diese Künstler wurden in Leipzig an der Hochschule für Graphik und Buchkunst ausgebildet, wo zumal Bernhard Heisig, Wolfgang Mattheuer und Werner Tübke (die mittlere Generation) über Jahre hin einen fruchtbaren Einfluß ausübten.

Diese Privatheit, scheinbar unpolitisch, schließt jedoch Reaktionen auf gesellschaftliche Zustände nicht aus. Horst Sakulowskis "Porträt nach Dienst" ist dafür ein (in der DDR viel diskutiertes) Beispiel. Dargestellt ist eine Ärztin, die erschöpft in ihrem Sessel hängt, unfähig, nach der beruflichen Anstrengung noch gesellschaftliche Aufgaben oder kulturelle Ereignisse oder persönliche Bindungen wahrzunehmen.