Von Erwin K. Scheuch

Die Progressiven packen ihre Brotrezepte und Drillichkleidung (vulgo Jeans) ein; wieder einmal befinden sie sich im Aufbruch nach einem Worpswede mit Sylt-Komfort. Oder: Die undögmatische Linke ist die Rückentwicklung des Sozialismus von der Wissenschaft zur Utopie. Solche Ironisierungen treffen zwar die gegenwärtige Stimmung unter Progressiven; die aber sollte als bloße Symptomatik weniger interessieren als eine Erklärung des Symptoms.

Die letzte Metamorphose des "Progressismus" in diesem Lande wurde von ihren Vertretern während dieses Jahres vielfach als Aussage von einzelnen formuliert. Inzwischen verfügen wir auch über zwei Gruppenbilder: Das neue Grundsatzpapier der SPD "Grundwerte in einer gefährdeten Welt" und die Äußerungen auf der Recklinghausener Tagung "Was ist heute links?" der neuen Zeitschrift L 76.

Carola Stern meint, links sein heiße den Status quo sichern, Johano Strasser sieht als zentrales Ziel das Bewahren einer menschenfreundlichen Umwelt, und Carl Amery, der sich selbst zu einem radikalen Konservativismus bekennt, fühlt sich unter Linken am wohlsten. Deutlicher noch als in Recklinghausen wird das aktuelle Selbstverständnis des progressiven Establishments in dem wesentlich von Erhard Eppler beeinflußten Grundwerte-Papier für die SPD formuliert. Auf eine Skizze gegenwärtiger Probleme der Weltwirtschaft, wie sie auch in einem Wirtschaftsmagazin stehen könnte, folgt eine Abrechnung mit der Fortschrittsgläubigkeit der Aufklärung. Die Aufklärung als Hoffnung auf die Befreiung des Menschen durch Wissenschaft und Technik sei gescheitert und könne sich nur noch verstehen als Vervollkommnung des Menschen. Diese Neubestimmung "progressiver" Vorstellungen ist verbunden mit einer Konservativen-Schelte. Eppler versuchte, deren Tenor durch die Unterscheidung zwischen Wert- und Strukturkonservativismus zu bestimmen. Hiernach ist heute der wahre Progressive im Hinblick auf Werte ein Konservativer, der abzulehnende Konservative aber halte an Strukturen fest und befördere hierdurch die Veränderung von Werten.

Für die Neuen Linken der verschiedensten Schattierungen war der Glaube an die Machbarkeit eines geschichtslosen Zustandes allgemein. Demgegenüber wirkten die Versprechungen selbst sehr linker Politiker bescheiden.

All dies mutet heute sehr naiv an und ist offensichtlich mit den jetzigen Mitteln nur teilweise zu verwirklichen. Warum jedoch dieser tiefe Pessimismus in den Vorstellungen der Progressiven über unsere Gesellschaft – bis hin zum Widerruf des Fortschrittsglaubens? Immerhin

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