Von Andreas Kohlschütter

Staatsmänner spielen nicht nach Noten. Sie handeln, "als ob ihre Intuitionen schon Erfahrung wären", so der Geschichtsprofessor Henry Kissinger: "Meist offenbart sich daher ihre Größe erst im Rückblick."

Vor vier Wochen begab sich Anwar el-Sadat auf "heilige Mission" nach Jerusalem. In der Hauptstadt des zionistischen Erzfeindes rief er zum gemeinsamen Kampf für einen gerechten und dauerhaften Frieden im Nahen Osten auf. Es war ein epochaler Auftritt, dem sich die Geschichtsbücher nicht verschließen werden; ein politisches Naturereignis zugleich, mit Eruptionen, deren Tragweite und Reichweite noch nicht abzusehen sind.

Ist Sadat nur ein Akrobat oder auch ein Architekt? Ist der ägyptische Präsident, wie seine Kritiker behaupten, ein blind Besessener – oder besitzt er jene hellseherische Kraft, von der Victor Hugo einst schrieb: "Es gibt etwas, das stärker ist als alle Armeen der Welt, nämlich eine Idee, deren Stunde gekommen ist."

Der Theatercoup von Jerusalem wird zur Zeit auf drei Bühnen weitergespielt: in Kairo, in Washington, in der arabischen Welt.

In Kairo üben israelische und ägyptische Unterhändler aus dem dritten Glied den großen Frieden vorderhand zu zweit. Die für Syrien, Jordanien, den Libanon, die PLO und auch die Sowjetunion bereitgestellten Sessel blieben leer. Aber die Rumpfpartie symbolisiert die von Sadat und Begin in Jerusalem angehobene Schranke, die Juden und Araber bisher unerbittlich voneinander trennte. Sie reflektiert die enorme und plötzliche Verbesserung des politischen Klimas. Prinzip Hoffnung: das ist die Kairoer Konferenz.

In Washington laufen die Drähte wie eh und je zum eigentlichen Nahost-Stellwerk zusammen. Die Sadatsche Gleisverlegung nach Jerusalem und Kairo hat daran im Grunde nichts verändert. Das zeigte sich gleich in der Startphase des neueröffneten ägyptisch-israelischen Dialogs. Während die Menahouse-Statisten Freundlichkeiten und Prinzipienerklärungen austauschten, flog Begin schnurstracks zu Jimmy Carter, um dem amerikanischen Oberschiedsrichter ein Autonomie-Statut für die Westbank-Palästinenser zu unterbreiten. Und Präsident Carter hielt Sadat, der seinerseits via US-Television eine baldige Amerikareise ankündigte, per Telephon ständig auf dem laufenden. Die Signale werden weiterhin in Washington gestellt. Und im Moment stehen sie auf Weiterfahrt.