Ein Familienbetrieb stemmt sich gegen die „Praktiken“ des Paulaner-Salvator-Konzerns

Bier ist in Bayern ein besonderer Saft. Es ist deshalb kein Wunder, daß der seit Menschengedenken erste Konkurs einer Brauerei im weiß-blauen Freistaat Wirbel verursachen würde. Bisher ist es zu solchen Pleiten deshalb nicht gekommen, weil die Brau-Bosse ständig auf der Lauer liegen und sich überall dort einzukaufen suchen, wo mittleren und kleinen Biersiedern der Atem ausgeht. Der unrentable Betrieb wird dann rasch und lautlos stillgelegt, in ein Depot des neuen Besitzers umgewandelt. Man kauft nicht das Sudhaus, sondern den Hektoliter-Umsatz, also die Kunden.

So hatte es sich die expansivste, ausstoß- und ertragsstärkste Münchner Bierfabrik, die Paulaner-Salvator-Thomas Bräu AG, auch vorgestellt, als ihr Vorstandssprecher Rudolf Scheßl im Oktober mit dem ihm seit vielen Jahren bekannten Hans Haemmerle, Inhaber des hochverschuldeten Kronen-Bräu in Altenmünster bei Augsburg, ins Gespräch kam. Paulaner wollte die Brauerei, die bereits fast pleite war, mit ihren nur noch 20 000 Hektolitern in der üblichen Manier „übernehmen“. Doch ehe die Verhandlungen recht in Gang kamen, starb überraschend der 56jährige Haemmerle.

Da Paulaner sofort erkannte, daß „nicht zuletzt durch den Wegfall der Persönlichkeit von Herrn Haemmerle“ eine Weiterführung des Betriebs keine Chance hatte, konzentrierte man sich darauf, den Kundenstamm für das eigene Bier zu gewinnen. Paulaner heuerte einen Expedienten von Kronen-Bräu an und setzte ihn offenbar mit Erlaubnis der Witwe Lola Haemmerle, einer gebürtigen Spanierin, in einen Büroraum, in dem sich auch die Telephonzentrale befand. Der Sinn war klar: Kunden, die anriefen, sollten auf Paulaner „umgestellt“ werden.

Doch da kreuzte ein Rivale auf und „über Nacht änderte sich die Situation“ (Scheßl). Als Gerd Borges, der Geschäftsführer der mittelständischen Familienbrauerei Sailer im über hundert Kilometer entfernten Marktoberdorf im Allgäu, in der Zeitung las, Paulaner habe der in Konkurs gegangenen Haemmerle-Firma „Hilfe“ angeboten, da war er „erschüttert“, als er merkte, worin die Hilfe bestand. So wenigstens begründete er in der letzten Woche sein Eingreifen. Borges, der inzwischen den Betrieb in Altenmünster für zunächst sechs Monate vom Konkursverwalter gepachtet und wieder mit dem Biersieden begonnen hat, um. die gut zwanzig Arbeitsplätze zu erhalten, erhob schwere Vorwürfe gegen die „Praktiken“ von Paulaner. („Leider gibt es noch kein Reinheitsgebot für Biervertrieb“): Man habe die arme Frau Haemmerle, die nicht ein noch aus wisse, zu den Kunden mitgenommen und damit für Werbezwecke ausgenutzt, so daß bereits an die 6000 Jahreshektoliter von Paulaner verkauft worden seien. Borges: „Wir rechnen dreißig Mark für einen Hektoliter. Frau Haemmerle stehen dafür 180 000 Mark zu.“

Der offenbar vom Landesverband Bayerische Mittelstandsbrauereien wohlpräparierte Borges drückte auf die Tränendrüse: Nicht nur die Witwe stehe vor dem Nichts. Die 86jährige Mutter Haemmerles lebe jetzt von der Sozialhilfe, und nicht viel besser gehe es der 65jährigen Schwester des Verstorbenen. Den drei Damen stünden schlimme Weihnachten bevor.

Paulaner seinerseits hatte schnell geschaltet und den Journalisten bereits vor der Sailer-Pressekonferenz eine eingehende Stellungnahme ins Haus geschickt, um die Attacke aus dem Allgäu abzufangen. Darin werden Sailer-Bräu allerlei „unrechtmäßige Handlungen“ mit dem Ziel, „vollendete Tatsachen zu schaffen“, vorgeworfen.