Aus Anlaß des Maidanek-Prozesses: Diskussion vor dem Mikrophon

Von Dietrich Strothmann

Düsseldorf

Manchmal war Carmen Thomas richtig froh – immer dann, wenn sie den Hörern in Nordrhein-Westfalen, die ihre Sendung "Hallo Ü-Wagen" eingeschaltet hatten, ankündigen konnte: "So, jetzt machen wir mal ein bißchen Musik!" Und dann rockte es vom Tonband in den Äther.

Froh war die Carmen, die sich mit ihrem fahrbaren Studio an jedem Donnerstag zu einem anderen Thema an anderer Stelle zwischen Rhein und Ruhr postiert, weil sie es diesmal besonders schwer hatte und weil sie es sich besonders schwer gemacht hatte: Es ging um den Düsseldorfer Maidanek-Prozeß, und es waren außer geladenen und ungeladenen Alt-Nazis auch eine Hundertschaft demonstrierender Studenten auf dem engen Platz an der Mühlenstraße vor dem Landgericht erschienen. Zu allem Überfluß rammte nebenan noch ein Kran Rohre in die Straße. Zwischendurch verkaufte der eine den Arbeiterkampf, der andere die Rote Fahne, verteilte der eine Flugblätter gegen den "großen Schwindel" mit Anne Franks Tagebuch, der andere Handzettel gegen die "Verräter an den Interessen der Arbeiterklasse, die DKP".

Bekannte oben auf der Studio-Empore einer freimütig, er sei mit 16 Jahren zur Waffen-SS gegangen, habe später, als FDP-Mitglied, mit Theodor Heuss an einem Tisch gesessen, im übrigen seien auch die "DDR-Grenzer junge arme Schweine", die nicht wüßten, was Demokratie eigentlich sei, dann brüllten die Studenten von unten zurück: "Schöne Demokratie" oder sie sangen aus kalten Kehlen: "Schließt euch fest zusammen!" Manchmal war vom Thema, dem Prozeß gegen die 13 Angeklagten im Maidanek-Verfahren, kaum noch die Rede. Und wenn es besonders brenzlig zu werden schien, Studenten von Carmen Thomas das Richtmikrophon ergattern wollten, oder ein Unverbesserlicher im Loden-Look nichts zu sagen wußte, lief das nächste flotte Pop-Stück vom Musikband.

So jedenfalls war das längst überfällige, rühmenswerte WDR-Regionalfunk-Unternehmen nicht geplant: daß Jungakademiker von der Düsseldorfer Fachhochschule für Sozialwesen zur Stelle waren (zur selben Zeit fand eine Verhandlung gegen drei Kommilitonen statt, die den Göttinger Buback-Nachruf in ihrem Blättchen Lupe nachgedruckt hatten); daß zur Übertragungszeit nebenan Baumaschinen ratterten; daß die Schüler aus Wissen vom Westerwald, die extra zur Sendung angereist waren, kaum zum Zuge kamen. Wie sie waren ein Professor (Eugen Kogon), ein Fachautor (Hermann Langbein), ein rechtsradikaler Ex-SS-Untersturmführer (der Agrarjournalist Thies Christophersen) und ein ebenso rechtsradikaler "Historiker und Verleger" (Udo Walendy, Autor von "Wahrheit für Deutschland") aufgeboten worden, um für oder gegen diesen letzten großen NS-Prozeß Stellung zu nehmen: Ob man nach über dreißig Jahren überhaupt noch ein gerechtes Urteil fällen könne; ob die täglichen Gerichtskosten in Höhe von 20 000 Mark nicht "rausgeschmissen" wären; ob die Richter nicht gegen die Gesinnungsfreunde der Angeklagten einschreiten sollten, die auf dem Gerichtsflur jugendliche Prozeßbesucher umzudrehen versuchten. Das alles kam dann nur nebenbei zur Sprache – unterbrochen von Rock und Pop.