Eine öffentliche Mißachtung der Öffentlichkeit

Von Rainer Frenkel

Otfried Lieberknecht bringt ein Kunststück fertig: Er gibt sich gleichermaßen lässig und pathetisch. Im Tone dessen, der den Lieblingsschüler auf Abwegen sieht, sagt er: "Herr Klaue, Sie sind da einer privaten Interessengruppe aufgesessen." Und dann lehnt er sich zurück mit der Bemerkung, gleichwohl sei "legitim", was Herr Klaue tut.

Was Herr Klaue tut: einer "öffentlichen Anhörung" Vorsitzen. Siegfried Klaue nämlich ist Leiter der 8. Beschlußabteilung des Bundeskartellamts. Und als solcher, keineswegs als emotionsbegabter Mensch, wirft er nun dem größten deutschen Stromverkäufer, dem Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerk (RWE) vor, seine Marktmacht mißbraucht zu haben. Er tut das in sehr wohl abgewogenen Worten, die Penibilität erkennen und Sachkenntnis vermuten lassen.

Bevor es aber soweit ist, erklärt er erst einmal der Öffentlichkeit, die in Gestalt von rund hundert Personen einen viel zu kleinen Saal füllt, was das ist, eine öffentliche Anhörung: ein Gerichtsverfahren mit anschließendem Urteilsspruch keineswegs, sondern Bestandteil eines Amtsverfahrens.

Da mag es wohl Leute im Saal geben, denen der Sinn ihres Dabeiseins noch etwas undeutlich bleibt. Ihnen hilft auch der Einleitung zweiter Teil nicht weiter. Otfried Lieberknecht nämlich, ein durchaus nicht mehr unbekannter Kartellrechts-Anwalt, der heute die RWE-Interessen vertritt, fordert, den Fernsehleuten die Tür zu weisen. Schlechte Erfahrungen hat er mit denen gemacht. Außerdem mag er’s nicht, wenn "einem die Lampen ins Gesicht scheinen", überhaupt ist ihm die TV-Technik zuwider, weil sie "die Subtilitäten des Industriellen stört".

Zur Erinnerung: Eine öffentliche Anhörung ist das. Doch im Saale findet sich niemand, der diesen Umstand zum Anlaß nähme, die Aufgaben des Fernsehens energisch zu vertreten. Schließlich einigt man sich, den Leuten vor und hinter der Kamera eine Schonfrist zu gewähren, und als die verstrichen ist, verschwinden sie auch klaglos. Vermutlich haben sie sich gelangweilt. Das Industrielle ist aber auch gar zu subtil.