Was für ein Spaß! Was für ein Kopfsprang! Der Enthusiasmus, das bare Entzücken, mit dem Clarissa Dalloway (eine reiche, routinierte und sich der Vergänglichkeit bewußte Fünfzigerin) sich ihrer Jugendzeit erinnert, der frischen Luft am Morgen ("wie der Klaps oder der Kuß einer Welle"), der unbekümmerten Gespräche und des unkalkulierten, von keinem testen Lebensplan beengten Sich-gehen-Lassens: Das Entzücken der vom Hochgefühl glücklicher Erinnerungen gepackten Clarissa überträgt sich beim Wiederlesen von Virginia Woolfs Roman auf den Leser.

"Mrs. Dalloway": Das liest sich, in der Verbindung von Poesie und Exaktheit, von impressionistischer Heiterkeit (alles ganz locker, angedeutet, hingetupft) und kompositorischer Präzision, wie eine Paraphrase von James Joyce über ein Bild von Manet, Ein Geschenk des neunzehnten an das zwanzigste und des zwanzigsten an das neunzehnte Jahrhundert: Als ob Proust seinen Flaubert und Stendhal seinen Freud ehren wollte. Da geht Konventionelles beinahe spielerisch ins Hochmoderne über, die Impression in die Gedanken, der Gedanke ins Bild, da werden Handlungen, flüchtig (aber genau!) beschriebene Aktionen in Klammern gesetzt und Impressionen für wichtiger als Worte genommen: Das Tun und Reden als Funktion von Empfindung, Gedanke, Traum und Erinnerung.

Ein Juni-Tag, Bond-Street, St.-James’-Park, Strand und ganz Westminster mit Blechmusik und Big Ben, mit den drolligen Hunden und den lachenden Mädchen, mit den Invaliden, dem Premierminister und den Verkäufern, die in ihren Läden die Waren zurechtrücken, ein Frühlingstag in London, vom Blumeneinkauf am Morgen bis zur Party spät in der Nacht, ein Tag, den Big Ben zerteilt ("die bleiernen Ringe zergingen in der Luft") und den die Uhren anknabbern, rings in der Stadt ("Die Zeit hängt schlaff am Mast"): Der Tag ist der Held eines Romans, der ursprünglich – höchst konsequent – "The Hours heißen sollte. Nicht was Clarissa von ihrem Jugendfreund Peter Walsh, nicht was Peter von Clarissa denkt, nicht die Träume des wahnsinnigen Septimus Warren Smith, die Zwiegespräche des Selbstmörders mit einem Toten, oder die Gedanken einer Zukurzgekommenen, die ihren Trost in Fresserei und Frömmeln sucht – nicht die Personen mit ihren knappen und konventionellen Aktionen und ihren ausufernden Träumen, sondern die Stunden sind die eigentlichen Protagonisten dieses Romans: die Zeit, deren Verrinnen Virginia Woolf mit Hilfe von genau ausbalancierten, aufeinander bezogenen Impressionen darstellt: Vergänglichkeit analysiert am Beispiel einer Gesellschaft, der Oberschicht, die sich selbst überlebt hat – beschrieben in zarten und lebhaften Farben. Der "Ullysses" ins Lyrische übertragen; weniger gelehrt und vertrackt, aber nicht minder intelligent – und dazu, dank der Grazie im Atmosphärischen, weit amüsanter – das ist "Mrs. Dalloway".

Modernes Erzähl-Raffinement überträgt ein Bild Edouard Manets vom Raum in die Zeit, indem sie das Sichtbare zum Schwingen bringt und damit – zu Gehör. Welch ein Spaß! Was für ein Kopfsprung! (Aus dem Englischen von Herberth und Marlys Herlitschka; FT 1982, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt, 1977; 241 S., 5,80 DM.) Walter Jens