Meine Angst, sehr geehrter Herr Senator, ist dadurch vergrößert worden, daß die Reform an dieser Universität Stück für Stück und unter Hinweis auf staatliche Rahmengesetze zurückgenommen wurde. Es wird mir unter diesen Umständen immer klarer, daß gegenwärtig nur solche Vorschläge größeres Gehör finden, die auf eine Verstärkung von Law-and-Order-Prinzipien hinauslaufen. Hierfür sind der sog. Radikalenerlaß, die Ironie, mit der der Hinweis auf Recht auf Arbeit bedacht wird, die jüngsten Gesetzesänderungen im Zusammenhang mit dem Prozeßablauf und der Ruf nach effektivem Erfassen bestimmter Denkrichtungen eindeutige Hinweise, die ihre Fixierung z. T. in den Bestimmungen des neuen Hochschulgesetzes finden. Alle diese Forderungen nach weiteren Einengungen werden als staatsbildend und -erhaltend angesehen. Ich dagegen wollte nicht mehr in diesem Sinne "staatserhaltend" sein und bekenne es mit meinem Weggang.

G. G. Hanna, Professor für Sozialphilosophie an der Universität Bremen, in einem Offenen Brief an den Bremer Kultursenator Franke. Hanna geht an die Universität Damaskus.

Urlaub von der DDR: Jurek Becker

Eine neue Variante bei der Trennung der DDR von ihren Intellektuellen: Nach befohlener Ausweisung, nach geduldeter Ausreise, verweigerter Wiedereinreise gibt es jetzt den Urlaub von der DDR, und Jurek Becker hat ihn in West-Berlin angetreten. Einer der bekanntesten Schriftsteller der DDR, dessen Romane auch im Westen geschätzt werden ("Jakob der Lügner", 1969; "Irreführung der Behörden", 1973; "Der Boxer", 1976), ist seit seiner öffentlichen Kritik an der Ausweisung Reiner Kunzes und nach der Unterzeichnung der Biermann-Petition bei seinen ehemaligen Parteifreunden von der SED in Ungnade gefallen. Seinen neuen Kurzroman mit dem vielsagenden Titel "Schlaflose Nächte" mochte Beckers DDR-Verlag nicht drucken. Das Buch erscheint nun im Frühjahr bei Suhrkamp (wie schon Beckers andere Bücher). Mit Genehmigung der Behörden und mit einem Reisepaß der DDR darf Becker nun im Westen wohnen, um "in Ruhe" ein neues Buch zu schreiben. Anfang 1978 wird er als "weiter in residence" an das Oberlin College in Ohio (USA) ziehen und anschließend in der Bundesrepublik seinen Erzählungsband zu Ende schreiben. "Daß der nächste DDR-Autor (der Name ist sogar schon bekannt) kommt, ist gewiß", schrieb DIE ZEIT in der Ausgabe der letzten Woche. Jetzt ist der Name publik. Aber der Satz behält seine drohende Wahrheit: Wer kommt als nächster? Selbst die kommunistischen Parteien schauen dem makabren Exodus der DDR-Künstler mit wachsendem Widerwillen zu. Das Parteiorgan der französischen Kommunisten, "L’Humanité", übt in einem vierspaltigen Artikel scharfe Kritik am kulturellen Klima in der DDR.

Karolingische Kostbarkeit-

Selbst im Rahmen des nicht Alltäglichen bei Sotheby, dem ältesten und größten Kunstauktionshaus der Welt, war dieses Versteigerungsergebnis außergewöhnlich: Eine Elfenbeinarbeit aus dem 9. Jahrhundert, Provenienz Aachener Hofschule, wurde für 255 000 Pfund verkauft. Geschätzt war das Relief, das den Evangelisten Johannes mit Adler und Bibel zeigt und das als Buchdeckel diente, auf 150 000 Pfund; aber die Tatsache, daß nur rund vierzig solcher Arbeiten bekannt sind und die Qualität der meisten Exemplare nicht sehr hoch ist, ließ den Preis für das 18 mal 10 Zentimeter kleine, sehr gut erhaltene Täfelchen während der Auktion in die Höhe gehen. Das Londoner Kunsthaus Partridge, dem das Elfenbein zugeschlagen wurde, mußte inklusive Steuer sogar 280 500 Pfund zahlen.

Film als Film

Eigenhändig nagelte Peter Kubelka die Zelluloidstreifen seiner berühmten strukturellen Filme "Adebar" und "Arnulf Rainer" an eine Wand im Kölnischen Kunstverein am Neumarkt. Bis zum 15. Januar findet dort, von Birgit Hein und Wulf Herzogenrath konzipiert, eine Ausstellung mit dem Titel "Film als Film" statt: Sie dokumentiert die Entwicklung des nicht-erzählerischen (avantgardistischen, abstrakten, strukturellen) Films von Walther Ruttmanns "Opus 1" (1921) bis in die siebziger Jahre. Querverbindungen zur bildenden Kunst (Bauhaus/Kandinsky) werden ebenso dokumentiert wie die revolutionären Arbeiten der amerikanischen "Westcoast"-Filmer. Zu den Reliquien der Ausstellung zählen die Filmkamera von Marcel Duchamp, Skizzen von Viking Eggeling und Oskar Fischinger, aber auch das von Valie Export entwickelte Tapp- und Tast-Kino, das dem Publikum einen direkten Zugang zum Künstler ermöglicht. Installationen zum Beispiel von Peter Weibel ("Das magische Auge") und Taka Iimura demonstrieren die vielfältigen Möglichkeiten des aus den Zwängen des Erzählens befreiten Mediums, dazu stehen dem Besucher Videokassetten mit Filmen von Fernand Léger und Man Ray bis zu Andy Warhol zur Verfügung. Nach Köln wird die Ausstellung, deren Katalog (270 Seiten, 25,– DM) ein wichtiges Materialien-Buch ist, in Berlin, Essen und Stuttgart zu sehen sein.