Kempten/Allgäu

Ein Abend im Einödhof "Burgstall" im Allgäu: Neun Jugendliche sitzen rund um den massiven Küchentisch und löffeln Kartoffelsuppe; ein Junge hantiert am Kohleherd, einer am Radio, zwei Mädchen stricken Wollsocken, und nebenan im Stall poltert der vierzehnte der Gruppe auf der Suche nach einem verlorengegangenen Stemmeisen. Am Tisch schiebt ein Esser seinen Teller beiseite und hebt die Hand: "Also das Arbeitsprogramm von morgen: Da wäre der Traktor zu reparieren, der Stall zu streichen; wer will zum Verkaufsstand nach Stuttgart, und wer übernimmt nächste Woche den Küchendienst?" In der "Europäischen Genossenschaftsbewegung", Sektion "Burgstall" hat die abendliche Planungskonferenz begonnen.

Auf diesem einsamen Allgäuer Bauernhof im Hügelgelände hinter Wiggensbach bei Kempten proben junge Arbeitslose zwischen 18 und 27 Jahren das Leben außerhalb des üblichen Berufskarrieresystems. Weil die Gesellschaft für sie keine sinnvolle Beschäftigung hatte, zogen sie sich aufs Land zurück, um bei der Schafzucht Auskommen und Zufriedenheit zu finden. Romantische Träumer, die vom Leben "am Busen der Natur" schwärmen, sind sie nicht. "Wir wollen keinen, der auf psychologischen Ebenen rumflippt und theoretische Häusle baut, wir brauchen Leut’, die Schafmist kehren."

Ein Schreiner, ein Schlosser, ein Chemielaborant und eine Erzieherin, alle vier ohne Zukunftschancen im erlernten Beruf in ihrer Heimatregion Isny, sind der Kern der "Genossenschaft". Ein alter Bauernhof, den keiner mehr bewirtschaften wollte, drei geschenkte Schafe und die – wenig bezahlte – Aufgabe, die Naturschutzpflege in einem nahe gelegenen Moorgebiet zu übernehmen, waren die ersten Grundlagen.

Mit der Zeit stockten die vier ihre Herde auf, schafften sich eine Kuh an, reparierten ein altes Backhäuschen zum Brotbacken und retteten durch ein kurzfristig organisiertes Arbeitscamp gleichgesinnter Jugendlicher ein altes Sägewerk im Ort, das eigentlich niedergebaggert werden sollte. Sie halfen den Bauern in der Umgebung, und bald hieß es: "Das sind welche, die was tun, und nicht nur schwätze!" Die Anerkennung brachte ihnen "mal eine Kiste Obst, ein paar Hühner, kostenlose Wurstreste vom Metzger und zuletzt auch ein Darlehen des örtlichen Sparkassendirektors von 10 000 Mark ein".

Mit diesem Startkapital schaffte sich die "Europäische Genossenschaftsbewegung" – die auf keinen Fall als "Kommune" bezeichnet werden möchte, "weil man bei uns darunter nur Cliquen von Gammlern, Haschern und Utopisten versteht" – eine solide Grundlage. Nachdem ihr alter Hof in Isny endgültig zum Abbruch freigegeben worden war, mieteten sie den abgelegenen "Burgstaller Hof" bei Kempten und bauten die Schafzucht aus.

Heute gehören 280 Schafe, vier Hunde, eine Katze und zwei Dutzend Hennen zum "Kibbuz" der Arbeitslosen, der immer neue Bewerber anlockt. Marion kam, eine Goldschmiedin aus Stuttgart, die keinen Arbeitsplatz finden konnte; Monika, eine Werbephotographin, die sich nicht in die Knipsschablonen der Verlockungsindustrie pressen lassen wollte, und Hanns, der eigentlich Psychologie studieren sollte, aber angesichts der Numerus-clausus-Hürden monierte: "Wenn ich zu Ende gewartet hab’, bin ich ein alter Mann." Ihnen folgten der kaufmännische Lehrling Dick, der durch einen schweren Verkehrsunfall den Anschluß an seine Ausbildung verloren hatte; Waltraud, eine abgebrochene Germanistikstudentin, die mit einem Blick auf die arbeitslose Akademikerschar jedes Weiterlernen für sinnlos hielt; und Barnie, der Kraftfahrzeugmechaniker, der lieber mit einem Traktor auf dem Feld schuftet, als an Luxuskarossen Beulen ausbessert.