Hannover hat wieder eine Kröpcke-Uhr. Und als die gefühlige Melodie vom alten Försterhaus erklang, übertextet mit dem anbetenden „Du alte Kröpcke-Uhr“, zuckte es in den Gesichtern der Hannoveraner. Hat man ihnen die Atmosphäre der Innenstadt auch graukalt zubetoniert, können die traditionsbewußten Bürger hier und dort dennoch Erinnerungen pflegen. Das Zentrum ist dazu nun, so meinen die Planer und Bauer, bestens eingerichtet. Kröpcke wird immer mehr Kröpcke, findet man im Rathaus, jetzt, wo die Uhr wieder da ist.

Was den Neu-Bewohnern Hannovers zumeist nur eine Bezeichnung ist, „Kröpcke“, ein Kennwort für den Schnitt von Verkehrsachsen und Einkaufswegen, bleibt für die Alteingesessenen ein Name, den das Gedächtnis gern, gut und gegenständlich bewahrt. „Das Kröpcke“, eine gewiß häufig verklärte Zusammenfassung des Cafés und der alten Uhr, ist der Mittelpunkt Hannovers. Das war immer so, niemand wird das ändern. Im November 1885 hatten hannoversche Bürger und Vereine für 2800 Goldmark ein respektables Stück ins Stadtbild fügen können. Vor das damalige Café Robby, später und unvergessen Kröpcke genannt, stellte man eine Uhr. Wichtiger, darauf verweisen Chronisten auch heute, war das meteorologische Inventar des hohen Kastens. Sieben Meß- und Registriergeräte arbeiteten zwischen Normaluhr und Straßenpflaster, drei Aushänge sagten das Wetter voraus. 1954 bewegten die Zeiger der Uhr sich ein letztes Mal; die Zeit kam gegen den Rost nicht mehr an.

„An der Uhr“ – das galt als Verabredung wie der Abschiedsruf „Unterm Schwanz“. Wer hier nicht, meist vom Bahnhof kommend, den anderen traf, am Standbild des berittenen Regenten Ernst August, lief bis zum Kröpcke. Zwischen den rauchblassen Scheiben des Cafés und der stummen Uhr wurden Hunderttausende von Zigaretten nervös verpafft, Zeitungen zerknittert, Hände gerungen, Taschentücher zerknüllt und Rosen zerdrückt.

Heute zieht es am Kröpcke. Das Zifferblatt der neuen Uhr ist schön; es ist römisch. Das Gehäuse bekam die Patina in der hessischen Kunstgießerei. Die Sternbilder, das goldene hannoversche Kleeblatt, das durchsichtige Gestell der Uhr, alles ist so wenig imposant wie das Gewicht von sieben Tonnen. Ein Sammelsurium von 143 Einzelteilen, mit 183 000 Mark von den Bürgern bezahlt, einfach nachgemacht. Die „gute alte neue Kröpcke-Uhr“ paßt sich dem neuen Innenstadt-Bild hervorragend an. Schräg unter ihr der zeitweise belebte U-Bahn-Zugang, dann das ruinöse Kröpcke-Center, ein Betonbau von hannoverschsprichwörtlicher Häßlichkeit, und direkt vis-à-vis das Ding, das sich Café Kröpcke nennt.

Die Alten fragen: „Wo ist Kröpcke?“ Sie haben recht. Sie finden es nicht mehr. Das Herz Hannovers ist jetzt aus Beton. Seinen Schlag im neuen Grauguß-Gehäuse kann niemand mehr hören.

Schon am Eröffnungstag merkten das viele, gleich nach dem Zeigersprung von zwölf auf zwölf Uhr eins. Sie kauften ein Papp-Plakat. Daheim konnten sie daraus die Kröpcke-Uhr schneiden. Nur 39 Zentimeter groß, doch ohne die Umgebung. Für die eigene Erinnerung.

Joachim Holtz