Den meisten Journalisten ist er nur allzu wohl bekannt: der Ruck, den sich die Wirklichkeit gibt, sobald sie auf dem Plan erscheinen. Auf der Stelle wirft sie sich in Positur. Gering die Hoffnung, sie sozusagen im Naturzustand zu ertappen. Das gilt selbst für harmloseste Bereiche: Wer etwa als Reisejournalist in einem Feriendorf auftaucht, für den wird leicht ein Potemkinsches Dorf daraus; gibt er sich dagegen als Tourist Meier aus, so erfährt er ein Stück unpräparierter Realität. Es ist wohl keine Frage, welcher Bericht den Lesern mehr nützt.

Manche Journalisten ziehen die Konsequenz daraus. Am spektakulärsten Günter Wallraff. Seine Methode, sein Markenzeichen: Er verschleiert seine Identität, er "schleicht sich ein", er. beobachtet die, die sich unbeobachtet glauben. Die unbestreitbaren Erkenntnisvorteile dieser Methode sind an sich natürlich noch keine Garantie für unverzerrte Berichterstattung. Zudem wirft sie ein überaus heikles Problem auf.

Einerseits nämlich ist die Täuschung über die eigene Identität, mit der die Informationen erlangt werden, moralisch nicht eben schön. Selbst wenn sie nicht mit strafbaren Handlungen (Urkundenfälschung, Hausfriedensbruch oder ähnlichem) verbunden ist; selbst wenn das ausgekundschaftete Innenleben von öffentlicher Bedeutung ist und keine private Intimität, die keinen etwas anzugehen hat; selbst wenn keine geschützten Berufsgeheimnisse (etwa die des Arztes, des Anwalts, des Geistlichen) ausgeplaudert werden (und nichts davon ist bei Wallraff geschehen): Es ist verdammt unangenehm, bei jedem Wort mit einem Spion rechnen zu müssen. Gut für den, der Auskundschafter nicht zu scheuen hat.

Andererseits haben wir ein berechtigtes Interesse daran, zu erfahren, wie es in bedeutsamen Bereichen der Gesellschaft wirklich zugeht: wie die Berufungen an der Skandaluniversität X wirklich Zustandekommen, wie der Partei- oder Gewerkschaftsvorstand Y miteinander redet, was in dem suspekten Altersheim Z los ist – und auch, wie eine Zeitung gemacht wird. Ohne Vertrauensbruch geht das fast nie. Wen er trifft, den wird er natürlich schmerzen, um so mehr, je unvorteilhafter er sich dargestellt findet. (Gegen unwahre Darstellungen stehen ihm Paragraphen zur Verfügung.) Sollen darum aber solche Vertrauensbrüche grundsätzlich geächtet und gerichtlich verboten werden? Journalisten sollten am meisten dagegen sein, sofern ihnen noch daran liegt, mehr weiterzugeben als das offiziell Verlautbarte.

Wallraffs mehrmonatiger pseudonymer Aufenthalt bei "Bild" in Hannover hat das Buch "Der Aufmacher" zur Folge gehabt, seit gut einem Vierteljahr ein Bestseller, in diversen abgewandelten Auflagen in mehreren hunderttausend Exemplaren verbreitet. Es hat auch die Justiz mobil gemacht: Niemand zählt mehr die Schriftsätze und Begehren. Ein Teil der Streitpunkte wurde Ende Oktober durch einen Vergleich bereinigt. Übrig blieben im wesentlichen drei Verfahren, in denen die Springer-Seite die Tilgung von knapp 50 Einzelformulierungen und ganzen Seiten verlangte. Am 6. Januar hat das Landgericht Hamburg entschieden: In etwa vier Fünfteln der strittigen Punkte bekam die "Bild"-Seite Recht.

Aus welchen Gründen das Gericht der Springer-Seite zu diesem Sieg verholfen hat, wird sich erst zeigen, wenn die schriftlichen Urteilsgründe da sind. Verboten nämlich wurden höchst unterschiedliche Punkte. Etwa darf Wallraff nicht mehr behaupten, jeder dritte "Bild"-Journalist sei geschieden (und wenn das unbeweisbar ist, ist das Verbot billig). Er darf nicht mehr sagen, jemand habe einen "stieren, jagdlüsternen Blick" bekommen (und wenn das aus dem Persönlichkeitsrecht begründet werden sollte, dann wäre künftig schon jede negative äußere Personenbeschreibung unmöglich). Und er darf den Verlauf einer Redaktionskonferenz nicht mehr schildern, offenbar auch dann nicht, wenn die Schilderung wahr ist. Und das bedeutet denn wohl: Das Gericht will dem inneren Zustand eines Gewerbebetriebs, einer Institution oder Organisation wie der privaten Intimsphäre das schützende Dunkel des Geheimnisses sichern.

Und wenn das so ist und in den höheren Instanzen bestätigt wird, dann wäre nicht etwa nur Wallraff, dann wäre jeder "investigative Journalismus" in diesem Land hart, ja eigentlich tödlich getroffen. Dieter E. Zimmer