Die Untersuchungen der Schußwunden und der Erhängung Das Rätsel der Todeszeiten (II)

Von Karl-Heinz Janßen

Aus dem Nebel über Stammheim krochen am 18. Oktober Falschmeldungen. Wie immer nach Katastrophen hatten weder Behörden noch Zeugen oder Journalisten sofort einen vollständigen Überblick. Nur wirkte sich die Häufung der Fehlinformationen hier besonders fatal aus. Es hieß:

  • Baader und Raspe hätten sich beide mit einer 7,65-mm-Pistole der Marke Heckler und Koch erschossen – in einem Falle stimmten Kaliber und Marke, im anderen nicht.
  • Fingerabdrücke an Tatwaffen habe man nicht gefunden, weil beide blutverschmiert seien – tatsächlich war Raspes Waffe frei von Blutspuren;
  • die Zellen von Baader und Ensslin seien am Morgen vom Gefängnispersonal nicht betreten worden – tatsächlich waren Justizbeamte, Gefängniswärter, Sanitäter und Arzt hineingegangen;
  • Gudrun Ensslin sei zum letztenmal um 16 Uhr gesehen worden – tatsächlich wurde sie erst gegen 17 Uhr in ihre Zelle gebracht.
  • Irmgard Möller habe sich mit einem Brotmesser Stichwunden beigebracht – tatsächlich wurde in ihrer Zelle ein (blutverschmiertes) Besteckmesser gefunden, wie es zum Stullenschmieren benutzt wird.
  • Ein „internationales Ärztegremium“ habe die Leichen der drei Gefangenen autopsiert – tatsächlich wurden die ausländischen Ärzte nur als Beobachter hinzugezogen.

Ein Gutteil Schuld an dieser Verwirrung ist dem bald danach zurückgetretenen Justizminister von Baden-Württemberg, Traugott Bender, anzulasten. Er ließ sich am Nachmittag des Tattages – um 15 Uhr – hilflos und leichtfertig auf eine Pressekonferenz ein, obschon zu dieser Zeit die Zellenbesichtigung in der Vollzugsanstalt noch nicht einmal begonnen hatte.

Erst um 15.45 Uhr wurden Zellen und Leichen zur Besichtigung freigegeben. Kriminalbeamte rückten mit Stereophotogeräten an, um den Tatort zu vermessen; andere fingen an, die mit Büchern, Kisten, Unrat vollgestopften Zellen zu durchwühlen. Unter Aufsicht einer Richterin vom Amtsgericht Stuttgart-Bad Canstatt begaben sich auch die Gerichtsmediziner an die Arbeit. Baaders Leiche wurde etwas aus der Zelle herausgezogen, damit der Kopf geröntgt werden konnte.

An den Eingängen hatten sich nach und nach die Verteidiger der vier betroffenen Häftlinge versammelt: Otto Schily (für Ensslin), Hans-Heinz Heldmann (für Baader), Karl-Heinz Weidenhammer (für Raspe) und Jutta Bahr-Jendges (für Möller) – sie durften allerdings die Zellen nicht betreten. Gründlichkeit hat ihren Preis: Leichenschau und gerichtsmedizinische Untersuchung in den Zellen dauerten bis 21 Uhr, die Polizei arbeitete bis nach Mitternacht. Sie ahnte noch nicht, daß wochenlange Arbeit auf sie wartete.