Baader wurde durch einen "Nahschuß mit aufgesetzter Mündung" getötet. Kein Mensch würde sich auf diese Weise umbringen lassen, ohne Widerstand zu leisten, es sei denn, man machte ihn vorher wehrlos, etwa durch Fesselung oder Schlag auf den Kopf oder durch ein Betäubungsmittel. Spuren körperlicher Gewaltanwendung wurden aber nicht festgestellt, auch keine blaue Flecken, Hautabschürfungen oder Kratzer, die von einem erbitterten Kampf zeugten. Obwohl Baader in den letzten Wochen vor seinem Tod eine erschreckend hohe Menge an Medikamenten eingenommen hat (siehe Kasten auf der nächsten Seite), reichte die Dosis, die bei ihm nachgewiesen wurde, keinesfalls aus, sein Bewußtsein zu trüben oder zeitweilig auszuschalten.

Bei den Zweiflern liegen zwei Versionen im Widerstreit – die einen lassen Baader in Stammheim sterben, die anderen im Wüstensand von Mogadischu. Letztere Behauptung knüpft an das Rätsel um den Sand an, der angeblich an Baaders Schuhen haftete. Die Füße des Toten steckten in ziemlich neuen, braunen Schnürschuhen mit Kreppsohle. Man brauchte darüber kein Wort zu verlieren, wäre nicht bekannt, daß die Gefangenen im siebenten Stock gewöhnlich in Sandalen oder Turnschuhen, noch lieber auf Strümpfen oder barfuß gingen – sie waren es bei den dauernden Kontrollen leid geworden, sich jedesmal die Schuhe zwecks Sprengstoff- und Kassibersuche ausziehen zu müssen.

Sand an den Schuhen?

Der umsichtige Professor Holczabek aus Wien machte bei der Zellenschau die Beamten und Rechtsanwälte darauf aufmerksam, daß an den Schuhen etwas hafte, das wie Sandkörner aussehe. Man möge diese Anhaftungen doch genau untersuchen. Rechtsanwalt Heldmann will es genau gesehen haben: an beiden Sohlen "einen sehr intensiven Belag mit einem hellen, feinkörnigen Sand". Stimmt die ausländische Behauptung also doch, Baader sei eigens nach Somalia, wohin auszureisen er sich ja ohnehin bereit erklärt hatte, gebracht, worden, um den Entführern der "Landshut" einen bevorstehenden Austausch der Geiseln vorzugaukeln? Hatte nicht Staatsminister Wischnewski dunkel von Informationen gesprochen, die in das Gespräch mit den Palästinensern "eingefüttert" wurden? Gegen diese abenteuerliche Geschichte läßt sich etliches einwenden.

Erstens: Das veröffentlichte Protokoll des Funkspruchverkehrs zwischen dem Flughafen-Tower von Mogadischu und dem Anführer des Entführerkommandos, "Captain Martyr Mahmud", enthält lediglich den (falschen) Hinweis, die elf Gefangenen seien freigelassen worden, könnten aber nicht vor dem Morgen in Somalia sein. Auf diese Kunde hin, sie wurde etwa gegen 17 Uhr vermittelt, verlängerte das Kommando sein Ultimatum bis 1.30 Uhr; die Geiseln in der Lufthansa-Maschine wurden von ihren Fesseln befreit.

Zweitens: Über eine auch nur zeitweilige Verlegung Baaders aus Stammheim ist dem Zellenbelegungsplan nichts zu entnehmen.

Drittens: Auch die Besucherlisten sprechen dagegen. Noch am frühen Nachmittag des 17. Oktober – nach 14 Uhr – sprach Baader in der Besucherzelle des 7. Stocks mit Ministerialdirigent Hegelau vom Bundeskanzleramt und Kriminalhauptkommissar Klaus vom Bundeskriminalamt siebzig Minuten lang über seine Freilassung.