Bernhard Keiser, geboren im Januar 1674 in Teuchern bei Weißenfels, gestorben am 12. September 1739 in Hamburg, von 1703 bis 1707 Direktor der Hamburger Oper. Der Händel-Forscher Chrysander nannte ihn „dem Luxus äußerst ergeben, brünstig verliebt, leichtsinnig und eitel“, der Hamburger Kritiker Johann Adolph Scheibe hingegen „das vielleicht größte Original-Genie, das Deutschland jemals hervorgebracht hat“. Als Zwanzigjähriger war er „Cammer-Komponist“ am Hof in Braunschweig und debütierte mit einer ersten Oper, in Hamburg spielte man in den Jahren 1698 und 1699 je vier Opernuraufführungen von ihm, insgesamt soll er 80, vielleicht sogar 116 ganze Opern und Serenaden, (nur konzertant aufgeführte Opern), Opernteilstücke (Pasticcios), Prologe oder auch nur Rezitative komponiert haben.

Bach schleppte eine Abschrift von Keisers Passionsvertonung mit sich herum, und die Oper „Hamburger Schlachtzeit oder Der mißlungene Betrug“ (1727), in der Keiser den selbst bei der Hamburger dominierenden Geschäftssinn der Hamburger Oberschicht aufspießte, fiel gleich nach der Premiere der Zensur der damaligen Kulturbehörde zum Opfer: „Kein besser Mittel ist auf Erden / Geschwinde grosz und reich zu werden / Als kuppeln by dem Freyn / Die Müh ist leicht und klein / Ein Biszchen ungewissenhaft / Und ausverschämt zu seyn / Und trägt uns doch ein grosses ein.“

Im Juli 1717 komponierte Keiser für die Hamburger Oper „Die großmütige Tomyris“, ein aus 41 Musiknummern und dazwischenliegenden des zitativen bestehendes Werk auf ein Libretto des Hamburger Textdichters Joachim Hoë, der wiederum ein italienisches Opernlibretto – „L’Amor di figlio non conosciuto“ (Die Liebe zu dem nicht wiedererkannten Sohn) – verwendete. Dieses schonungslose Ausschlachten einer durcherfolgreichen Vorlage war zu jener Zeit durchaus üblich, es führte unter anderem – Bachs eigene liefert da gute Beispiele – dazu, daß eigene Arbeiten ohne Hemmungen wieder verwertet wurden. Bei Keiser schlägt das Vierzehn sche Original immer wieder durch: Vierzehn Arien sind italienisch übernommen und sogar in einem entsprechend anderen Stil vertont.

Ein Stück Kultur- und Zeitgeschichte also, ein Dokument aus dem Kapitel „So war Oper früher einmal“. Es bietet, was man in Hamburg mochte zu einer Zeit; da – nach dem Tode des Operngründers Schott – unter dem Direktor Johann Heinrich Sauerbrey das Institut langsam auf seinen ersten Tiefpunkt zusteuerte.

Eine Haupt- und Staatsaktion: Tomyris, die „verwittibte“; Königin der Messageten (eines iranischen Hirtenvolks), hat im Krieg den Perserkönig Cyrus getötet; dessen Tochter Meroë will ihn mit Hilfe ihres Verlobten, des an Tomyris’ Hof dienenden Prinzen Tigranes, rächen. Tomyris wiederum – erste Verwicklung – liebt Tigranes, wird aber ihrerseits von den beiden rivalisierenden Königen Policares und Doraspe bedrängt. Tigranes versucht – zweite Verwicklung – Meroë zu schützen, indem er deren Mordversuch an Tomyris auf sich nimmt; Ende der verwickelten Geschichte: Tigranes ist der verschollene Sohn der Tomyris, kriegt die begnadigte Meroë, die Königin nimmt den Policares. „Treu und Liebe herrschet, lebet auf der Scythen, Perser Thron!“ jubelt alles in Form einer Air en Gavotte.

Darin ein paar skurrile Albernheiten und herzerfrischende Sentimentalitäten, zartes Schmachten und wildes Rasen, Verzweiflung kurz vor dem Selbstmord und Racheschwüre von hysterischen Furien. Und als Hamburgische Spezialität, offenbar von den „Bürgern“ in der Bürger-Oper besonders geschätzt, ein paar deftige Einlagen in hanseatischer Mundart:

Vor allem aber hochartifizielle Gesangskunst. Die Schwierigkeit der Arien in der „Tomyris“ läßt einen sicheren Schluß darauf zu, daß man um 1717 in Hamburg einige hochkarätige Sänger engagiert hatte – zu vermuten ist, daß eine Madame Margaretha Susanna Kayser bei der Uraufführung wie bei späteren Wiederholungen die Titelpartie sang; sie muß außer einer blendenden Höhe (c und d) auch einen Umfang von zweieinhalb Oktaven bewältigt und eine unglaublich flinke und flexible Koloraturstimme besessen haben. Daß zu alldem noch ein aufregendes und sehenswertes szenisches Spektakel kam – mit dem abgeschlagenen Kopf des Cyrus und dem Bad der Königin im See, mit einem blutrünstigen Gericht, und einer Geistererscheinung, mit Säbeltanz und höfischem Zeremoniell, mit Maschinentricks und Dekorationszauber –, steht außer Frage; zeitgenössische Berichte und Skizzen gehen, wenn nicht für dieses Stück, so für die ganze Epoche bis in die Details.