Mit der „Minox“ fing der Skandal an. Am späten Abend des 12. September 1977, eine Woche nach der Entführung Hanns-Martin Schleyers, verlangte der Häftling Andreas Baader plötzlich, hohe Gefängnisbeamte zu sprechen. Amtsinspektor Horst Bubeck und Anstaltsleiter Hans Nusser mußten sich also nach 22 Uhr von ihren Wohnungen ins Gefängnis begeben. Er habe, eröffnete ihnen Baader, von sympathisierenden Gefangenen in den unteren Stockwerken Nachrichten gehört, es liefen dieser Tage Ultimaten ab, und er habe in Sachen Schleyer einem Beamten der Bundesanwaltschaft Dringendes zu sagen.

Was Baader trotz der Kontaktsperre erfahren haben wollte, war schon alarmierend genug. An diesem Tage hatte das „Kommando Siegfried Hausner“ an die Bundesregierung ein auf 24 Stunden befristetes Ultimatum gerichtet; die nachmittags veröffentlichte Meldung der Agence France Presse sollte aber auf Bitten des Bundespresseamts nicht in der Bundesrepublik verbreitet werden. Hatten die Stammheimer Häftlinge vielleicht Funk- oder Sichtzeichen von außen erhalten? Oder hatte Baader einen ausländischen Rundfunksender abgehört? Auf diese Möglichkeit tippten die Justizbeamten: Sie vermeinten, aus Baaders Zelle Radioklänge vernommen zu haben. Darum ordneten sie für den nächsten Tag, den 13. September, eine Durchsuchung an.

Schon um 9 Uhr vormittags setzten sich ein Bundesanwalt und ein Beauftragter des Bundeskriminalamts mit Baader im Besuchsraum zu einem Gespräch zusammen, während drei oder vier Beamte seine Zelle durchstöberten. Hernach wurde Baader, da die Durchsuchung länger dauerte, in die leere Zelle 715 eingesperrt. Kurze Zeit darauf läutete er in der Wachstube, man möge ihm Kaffee aus seiner Zelle bringen. Einer der Fahnder holte bereitwillig den Karton mit den Filtertüten, bemerkte ein verdächtiges Scheppern und entdeckte – eine „Minox“-Kleinbildkamera mit Batterien und 36er Filmkassette.

Sonderlich entsetzt waren die Gefängnisbeamten nicht. „Da hat doch der Baader vergessen, sie besser zu verstecken“, entfuhr es einem Hauptsekretär; der stellvertretende Anstaltsleiter konstatierte sogar rundum „eine gewisse Schadenfreude“ – da hatten die Herrschaften vom Landeskriminalamt auch mal was übersehen. Engstirniges Kompetenz- und Konkurrenzdenken herrschte in einem Moment, in dem die Sicherheit des Gefängnisses und der Ruf der Republik auf dem Spiele standen.

Aber diese Reaktion war nur zu verständlich. Hatten nicht 25 Beamte des Landeskriminalamts eine Woche zuvor, in der Nacht nach der Entführung Schleyers, die vier Zellen im Terroristentrakt auf den Kopf gestellt? Oberstaatsanwalt Bidera von der Bundesanwaltschaft, der diese Durchsuchung leitete – übrigens ohne Gerichtsbeschluß, weil „Gefahr im Verzuge“ –, erinnert sich, daß „jeder Gegenstand bewegt“ wurde: Die Beamten durchwühlten, rührten in jedem Topf, jeder Tüte, nahmen jedes der vielen Bücher aus den Regalen. Unter Baaders Matratze lag ein Schraubenzieher, sogar ein Transistorgerät – von einem Kriminalbeamten später als „alter Volksempfänger“ deklariert – wurde aufgestöbert. Es hätte eigentlich gar nicht mehr da sein dürfen, denn Stunden zuvor hatte die Anstaltsleitung bereits alle Rundfunk- und Fernsehgeräte beschlagnahmen lassen. Als die Beamten am Morgen des 6. September ihre mühselige Sucherei beendet hatten, freute sich Anstaltsleiter Nusser: „Jetzt sind wir wieder einmal wirklich richtig durch und sind sicher: Da ist nichts.“ Nur hinter die Fußleisten hatte keiner geschaut.

In der Hosentasche kann Baader die „Minox“ kaum verwahrt haben – alle Gefangenen mußten sich umkleiden, ehe sie vor Beginn der Großrazzia in andere Zellen gebracht wurden. Daß es – die Kamera gab, hatten die Gefängnisbeamten längst gewußt. Ende November 1976, am Tage, da der in den Untergrund abgewanderte Anwalt Siegfried Haag der Polizei ins Netz schlüpfte, hatten Kriminalbeamte eine Mitarbeiterin des Stuttgarter Rechtsanwaltsbüros Croissant vorübergehend festgenommen: Elisabeth von Dyck – in ihrer Wohnung fanden sie einen belichteten Negativfilm, der aus einer „Minox“ stammte, dazu entwickelte Bilder von Baader, Ensslin und Raspe und Aufnahmen von den Zellenfenstern.

Die Verantwortlichen in Stammheim gaben sich mit dem Gedanken zufrieden, Kamera und Film seien wohl von einem Anwalt herausgeschmuggelt worden. Die Verteidiger wurden nämlich nach ihren Besuchen nicht mehr kontrolliert. Aber wie war der Apparat ins Gefängnis hineingekommen? Schmuggelei durch die Anwälte schied man als Möglichkeit aus, da die Kontrollen als bombensicher galten. Noch vor ein paar Wochen vermutete ein hoher Beamter, die Kamera habe vielleicht im Gepäck der Gefangenen Ingrid Schubert gelegen, die erst nach dem Tode Ulrike Meinhofs im Sommer 1976 von Frankfurt nach Stammheim verlegt worden war, um der vereinsamten Gudrun Ensslin Gesellschaft zu leisten.

Hätte nicht spätestens jetzt ein Warnlicht in den Köpfen der Verantwortlichen aufleuchten müssen? Wo eine „Minox“ in der Zelle versteckt wird, da könnten auch Pistolen sein. Als der Leiter der Strafvollzugsabteilung im Landesjustizministerium von dem Fund „beiläufig“ am Telephon erfuhr, tröstete er sich mit der Vorstellung, die „Minox“ sei ja an einem Ort gefunden worden, der jeder Kontrolle zugänglich war. Er machte sich noch nicht einmal eine Aktennotiz – heute meint er, die Hiobspost sei wohl in ein Ohr rein und zum andern wieder raus gegangen. Auch die Gefängnisleitung ließ sich Zeit – erst nach zwei Tagen fertigte sie einen Aktenvermerk an; der schriftliche Bericht landete erst nach weiteren sieben Tagen – am 22. September – auf dem Tisch des Ministeriums. Mit einem Kurier aus Stammheim hätte sie binnen einer Stunde da sein können.

Dafür stand die Sensation am 21. September in der Welt. Man darf fragen, wer die Nachricht der Zeitung gesteckt hatte. Landesinnenminister Schiess hatte die Fundmeldung wohl schon am 14. September im täglichen Lagebericht gesehen; nach seinen Aussagen hat das Landeskriminalamt sogleich auch das Bundeskriminalamt und die Bundesanwaltschaft informiert. Bis zum Bonner Krisenstab oder auch nur zum Generalbundesanwalt ist aber das Alarmwort „Minox“ nicht durchgedrungen. Bundesjustizminister Vogel und Generalbundesanwalt Rebmann erfuhren es zuerst aus der Welt.

Durcheinander in den Zellen

Als Vogel bei seinen Nachforschungen die Entschuldigung hörte, wegen des Durcheinanders in den Stammheimer Zellen sei eine erfolgreiche Durchsuchung außerordentlich erschwert, war es mit seiner Geduld vorbei. In ungewöhnlich kühlsachlichem Ton bat er seinen Stuttgarter Kollegen Bender per Fernschreiben, künftig doch für bessere Bedingungen bei den Zellenkontrollen zu sorgen und außerdem zu verhindern, „daß solche oder ähnliche Gegenstände unbeachtet in die Zellen dieser Gefangenen gelangen können“.

Aber ach, sie waren längst drin. Generalbundesanwalt Rebmann hat am Donnerstag voriger Woche enthüllt, wie Kamera, Pistolen, Sprengstoffpakete hereingekommen sein können – im Akten-„Container“ eines Verteidigers. Freilich wird man abwarten müssen, ob Rebmanns Informanten – ehemalige Mitarbeiter des Büros Croissant – als Kronzeugen vor Gericht noch zu ihrer Aussage stehen, mit der sie Croissants einstige Kompagnons, die Rechtsanwälte Arndt Müller und Armin Newerla, schwer belastet haben.

Die beiden Anwälte, die nach der Flucht Croissants ins französische Nachbarland seine Praxis weiterführten, sitzen seit den Wochen der Entführung Schleyers in Untersuchungshaft; sie werden verdächtigt, eine kriminelle Vereinigung unterstützt zu haben. Noch ist ungeklärt, ob sie in jedem Falle wußten, was sie in die Anstalt hineintransportierten. Denn die Container mit den Pistolen und die in der Unterhose versteckten Briefe mit Sprengstoff wurden von den jungen Anwaltsgehilfen des Büros präpariert.

Der Generalbundesanwalt aber fühlt sich in seinen Ahnungen glänzend bestätigt. Im November, als die Ermittlungen noch liefen, belehrteer den Landtags-Untersuchungsausschuß, es habe von Anfang an „zwei Schwachstellen“ in den Kontrollen gegeben: „den Intimbereich und die Prozeßakten der Anwälte“. Der Ausschuß fand bei seinen Vernehmungen noch eine dritte schwache Stelle: das Mehrzweckgebäude in Stammheim, in dem der Prozeß gegen die Baader-Meinhof-Gruppe abgehalten wurde. Anders als nach den Besuchen ihrer Verteidiger im siebenten Stock des Gefängnisses wurden nämlich die Gefangenen nach ihrer Rückkehr aus dem Prozeßgebäude nicht noch einmal durchsucht (die Gefangene Irmgard Möller will es allerdings „mindestens einmal“ anders gesehen haben).

Mit der „Minox“ fing der Skandal an. Im Herbst 1976, als die Stammheimer Angeklagten, nach wochenlangen Hungerstreiks und internationalen Propagandakampagnen ihrer Verteidiger und Genossen durchgesetzt hatten, daß ihre Isolierung durchbrochen und sie mit anderen „politischen Gefangenen“ zu „interaktionsfähigen Gruppen“ zusammengelegt wurden, überlegten sich die Häftlinge und ihre Freunde draußen, wie man das Gefängnisleben humaner und bequemer gestalten könne, etwa durch Heizkissen und Elektrokocher. Sie wägten lange, -wen sie als Kurier für solche Sendungen benutzen sollten. Dabei verfielen sie auf Arndt Müller, dessen hervorstechende Eigenschaft seine Kaltblütigkeit war.

Sei es, daß ihm der Einfall mit den ausgehöhlten Handakten einleuchtete – übrigens ein uralter Ganoventrick –, sei es, daß man dem sympathisierenden Anwalt seine bourgeoise Lebensform vorhielt – er soll sich bereitgefunden haben, mit der „Minox“ einen „Probelauf“ zu unternehmen. Zu diesem Zwecke wurde an der Innenseite einer relativ dünnen Handakte ein Hohlraum ausgeschnitten; dann wurden die Seitenteile mit Buchbinderleim bestrichen und so zusammengeklebt, daß beim oberflächlichen Durchblättern der Akte nichts Auffälliges zu bemerken war. Allerdings durfte der „Kurie“ die Mappe bei der Kontrolle nicht aus der Hand geben, weil sonst dem Kontrolleur das abnormale Gewicht der Akten aufgefallen wäre. Der Anwalt riskierte dabei nichts – würde man ihm die Akte abverlangen, konnte er sich weigern und unter Protest gegen diese Zumutung umkehren. Der Probelauf klappte.

Von nun an soll der Container-Verkehr floriert haben – im Zellentrakt des Prozeßgebäudes, wo sich Anwälte und Gefangene unbeaufsichtigt treffen durften, sollen volle gegen leere Handakten ausgetauscht worden sein. Auf diese Weise seien Glimmerplatten, Bügeleisen, Kopfhörer, Kabel, Transistorradios in die Zellen gewandert, behaupten die Informanten; offensichtlich auch jener „selbstgebastelte Kocher“, den die verwunderten Justizbeamten bei einer ihrer Stichkontrollen fanden; womöglich auch die vielen Glühbirnen, von denen sich die Wärter nie so recht vorstellen konnten, wie sie in den Besitz der Gefangenen gelangten.

Im März 1977 befahl Andreas Baader den Außenkommandos der RAF („Rote Armee-Fraktion“), auch Waffen, Munition und Sprengstoff in die Zellen zu schmuggeln. Wahrscheinlich hat den Befehl Brigitte Mohnhaupt überbracht, die sich bis zu ihrer Entlassung im Februar 1977 im Stammheimer Terroristentrakt aufhielt und danach sogleich wieder untertauchte. Vielleicht wir sie es auch, die im Verein mit anderen Untergrundgruppen und den scheinlegalen Assistenten des Büros Croissant Waffenkauf und Waffenschmuggel organisierte.

Niemandem fiel etwas auf

Anwalt Müller – immer nach der Version der Ermittlungsbehörde – mag die erste Pistole im Glauben transportiert haben, er bringe Teile eines Kochers in die Zellen. Damit niemand etwas merkte, waren die auftragenden Griffschalen entfernt und die Waffen in Papiertaschentücher gebettet worden. Folgende Gegenstände wurden von März bis Juni, also auch nach dem Ende des Prozesses, in den siebenten Stock der „Festung Stammheim“ verbracht: eine Heckler & Koch-Pistole mit einem 9-mm-Lauf, eine ungarische 7,65-mm-Pistole der Marke FEG, beide mit vollem Magazin, ein Colt Kaliber 38 der Firma Smith & Wesson mit vernickeltem Lauf und 18 Patronen, schließlich mehrere Stangen Plastiksprengstoff, die ausgereicht hätten, Zellentüren zu sprengen oder Mauern aufzureißen. Damit auch die Sprengkapseln in die Container paßten, mußten die mit Kupfer umhüllten elektrischen Zünder etwas verkürzt werden.

Im Februar wurden die Lieferanten leichtsinnig. Anwalt Newerla wurde bei dem Versuch erwischt, Glimmerplatten verpackt zwischen zusammengeklebten Zeitungsausschnitten unmittelbar ins Gefängnis einzuschmuggeln, also nicht auf dem Umweg über das Prozeßgebäude. Von nun an wurden die Kontrollen verschärft – jedes einzelne Blatt einer Akte mußte umgedreht werden. Darum wurde der leicht zerlegbare Sprengstoff (Ammonsalpeterstoff) in kleine Briefchen umgepackt; da er krümelte und das Sprengöl fettete, mußte er zuvor in Cellophanfolien eingeschweißt und mit PVC-Klebeband umwickelt werden. Die Metalldetektoren der Kontrolleure sprachen nicht auf Sprengstoff an, so daß er gefahrlos in der Unterhose mitgenommen werden konnte.

So ungefähr könnte es gewesen sein. Die Informanten, die sich von ihrer Aussagefreudigkeit strafmildernde Umstände bei einer Verurteilung erhoffen, wirkten glaubwürdig, weil überhaupt erst dank ihrer Hinweise der Colt in der Mauer von Zelle 723 freigelegt wurde und in anderen Stellen genau bezeichnete Restmengen des Sprengstoffs von Hunden aufgespürt werden konnten. Außerdem führten die Informanten die Polizei in den Wäldern rund um Stuttgart zu acht Depots und einem Schießplatz. Einige Depotlöcher – insgesamt soll es 50 bis 100 geben – waren bereits geleert; in den anderen steckten Kanister oder Plastiktüten mit Sprengstoffstangen, Sprengkapseln samt Zündern und mit Glazan, das Maskenbildner benutzen. In den Wäldern wurden auch die zur Waffe in Raspes Zelle passenden Griffschalen ausgegraben, ebenfalls Schlagzahlen, mit deren Hilfe man die Fertigungsnummern in den Pistolenschlitten unkenntlich gemacht hatte (mehrmals wurden neue Zahlen auf die alten geschlagen und dann jeweils wieder abgefeilt).

Nach Rebmanns Angaben wurde der Inhalt der Depots im In- und Ausland von Illegalen beschafft und „legalen“ Kurieren übergeben, wie dem jetzt in Holland einsitzenden Kameramann Christoph Wackernagel. Für den „Postverkehr“ mit Stammheim war das Büro Croissant zuständig. Man wird Rebmanns Informanten unter den ständig wechselnden Mitarbeitern dieses Büros suchen dürfen.

Einer war der 27jährige Graphiker Volker Speitel, Ehemann der 24jährigen Angelika Speitel, die ebenfalls im Büro arbeitete und seit dem Mord an Bankier Jürgen Ponto steckbrieflich gesucht wird. Speitel wurde Anfang Oktober verhaftet, als er mit dem Skandinavien-Expreß von Dänemark in die Bundesrepublik einreisen wollte; kurz darauf, im selben Zug, faßte die Polizei auch seine Begleiterin, die 27jährige Rosmarie Prieß, gleichfalls eine Angestellte des Stuttgarter Büros. Bei Speitel in Stuttgart wohnte auch längere Zeit die als Kurier tätige Elisabeth von Dyck, bei der die „Minox“-Aufnahmen gefunden wurden. Mit Rechtsanwalt Newerla zusammen wurde seinerzeit der Büroangestellte Hans Dellwo verhaftet, ein Bruder des Terroristen Karl-Heinz Dellwo, der wegen des Überfalls auf die Botschaft in Stockholm zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt worden ist. Und mit Rechtsanwalt Arndt Müller wanderte Croissants Mitarbeiterin Gabriele Heim ins Gefängnis. Wer von diesen Mitarbeitern „gesungen“ hat, wird amtlich noch geheimgehalten.

In den schäumenden Schwabenwein des Generalbundesanwalts schütteten allerdings schon nach wenigen Tagen die Polizisten des Innenministers Karl Schiess bittere Tropfen. Der Untersuchungsausschuß des Landtages hatte sich aus den Wachmannschaften der Prozeßzeit drei Beamte herausgegriffen, um sie nach den Kontroll-Methoden zu befragen. Einer nach dem anderen sagte aus, bei ihnen hätte kein Anwalt jemals auf die von Rebmann beschriebene Weise eine Pistole oder andere verbotene Gegenstände in Handakten einschmuggeln können. Sie waren von ihren Vorgesetzten angewiesen, alles, was die Wahlverteidiger mit sich führten, zu kontrollieren. Die Anwälte wurden abgetastet und „abgesondet“; ihre Habe, auch die Akten, mußten sie auf einem Tisch ausbreiten. Der Beamte nahm die Akten – die er nicht lesen durfte – umgekehrt in die Hand, blätterte sie schnell und oberflächlich durch oder schüttelte sie hin und her; dickere Handakten – also keine losen Blätter – wurden mit der Metallsonde abgetastet.

Fast nie verwahrte sich ein Anwalt gegen diese rigorosen Kontrollen – Arndt Müller, der sehr häufig durchgeschleust wurde und während der Verhandlungen oft ein- und ausging (und dann jedesmal neu durchsucht wurde), war „von allen der ruhigste“. Ein Vorgesetzter der Polizeibeamten behauptete sogar, Müller sei eigentlich nie im Gerichtssaal gewesen, sondern immer in den Zuschauerraum gekommen, der einen besonderen Eingang hatte und von Richtern, Verteidigern und Angeklagten durch eine Barriere getrennt war. Müller sei, so meinte der Polizeioffizier, kein Verteidiger gewesen, sondern „nicht mehr und nicht weniger als ein Laufbursche“. Nun will der Ausschuß an Hand der Wachbücher prüfen, ob Müller überhaupt je Gelegenheit hatte, Verbotenes in den Gerichtssaal zu bringen.

Für die Rädelsführer der RAF waren Anwälte wie Croissant, Müller und Newerla keineswegs hehre Figuren. Im Gegenteil, sie wurden eher verachtet als geschätzt, allenfalls geduldet als nützliche Bindeglieder im weitverzweigten Netz der Stadtguerrilla. In den kolportierten Worten der Gudrun Ensslin: „Was sie an Scheiße bauen, wird durch ihre Funktion wieder aufgehoben.“ Im internen Verkehr mußten es sich einige der Wahlverteidiger gefallen lassen, von den Gefangenen „sozialdemokratische Ratten“ oder „bourgeoise Schweine“ tituliert zu werden. Die Einschätzung der Bundesanwaltschaft, daß daß die Anwälte in den Prozessen das größte Sicherheitsrisiko seien, deckt sich wortwörtlich mit der Einschätzung der RAF-Mitglieder – niemand traute ihnen über den Weg.

Irmgard Möllers Auftritt

Arndt Müller hat inzwischen durch seinen Anwalt erklären lassen, er habe noch nie eine Waffe oder Sprengstoff in der Hand gehabt (was die Informanten des Generalbundesanwalt so auch nicht behauptet hatten). Im übrigen, meinte Müller, habe die Bundesanwaltschaft lediglich ein propagandistisches Manöver veranstaltet, um die Aussage der Gefangenen Irmgard Möller vor dem Landtagsausschuß zu beeinflussen.

Die Szene hätte aus einem absurden Theater stammen können. Wintersonnenlicht brach von oben durch das Aluminiumgestänge der Dachkonstruktion und legte sich milde auf die Wände. An den symmetrisch angeordneten hellen Tischen hatten Abgeordnete, Ministerialbeamte, Staatsanwälte, Stenographen Platz genommen. Wächter schirmten die „Bühne“ gegen das Publikum ab, das, bunt gemischt und mit viel jungem Volk aus Italien und Skandinavien, auf den Auftritt der Gefangenen Irmgard Möller wartete.

Gefesselt an der Hand eines baumstarken Justizbeamten betritt eine eher zierliche Frau das Podium. Sie ist unscheinbarer als auf dem einzigen Fahndungsphoto, das es von ihr gibt; gewandet in Wollpullover und Jeans; das schulterlange dunkelblonde Haar verdeckt fast ihr Gesicht. Wie verloren hockt sie vor dem Mikrophon. Doch ihre kühle, etwas saloppe Stimme füllt den Raum und verschafft sich Gehör. Sie spricht zurückhaltend, ohne Aggressivität.

Irmgard Möller kennt ihren Part; sie ist ganz und gar Hauptdarstellerin, bedarf nicht der stummen anwältlichen Souffleure zu ihrer Rechten, verschwendet nicht einen Blick auf das ihr großenteils wohlwollende Publikum in ihrem Rücken. Diese 30jährige Frau, die noch nie in diesem Saal gewesen ist, worin ihren Freunden Baader, Ensslin, Meinhof und Raspe der Prozeß gemacht wurde, ist nun die letzte Überlebende aus dem Trakt des „harten Kerns“, dessen Vermächtnis sie wohl bis an ihr Lebensende weiterzuführen gedenkt oder weiterführen muß – ungeachtet all der Strafen, die sie in kommenden Verfahren noch erwarten mögen. Überlebende aus Zufall, aus Berechnung – wer möchte da ein Urteil wagen? Weiß sie es überhaupt selber?

Ihre Schilderung der Todesnacht in Stammheim weicht kaum von ihrer ersten Darstellung ab, die sie, noch im Krankenhaus, ihrer Anwältin gegeben hat. Einzig die Zeitangaben differieren etwas. Von der deutschen Presse zunächst ignoriert, wurde jener Augenzeugenbericht in der internationalen Presse sogleich groß herausgestellt. „Überlebende der Baader-Bande vermutet, daß Gas in die Zellen geblasen wurde“ – so die seriöse Londoner Times. Seither fordern Komitees in westlichen Nachbarländern, Irmgard Möller solle vor einer unabhängigen internationalen Kommission aussagen. Aber was könnte sie dort an Einzelheiten mehr bieten als jetzt am Montag vor Parlamentariern und Journalisten?

Kurz nach fünf „leise Geräusche“

Ja, sie hat in jener Nacht vom 17. auf den 18. Oktober 1977 noch wahrgenommen, wie Baader und Raspe ihre Medikamente bekamen. Sie hörte auch noch die Abendnachrichten über die Hausradioleitung, die sie heimlich mit ihren Kopfhörern anzapfte, leugnet aber, daß sie über dieselbe Leitung mit Raspe und den anderen Gefangenen Kontakt gehalten hat. Es habe außer Rufkontakten keine Verbindung gegeben; auch habe Raspe kein Radio besessen, wie hinterher behauptet wurde.

Um Mitternacht fiel ihr der Kopfhörer in die Kerze. Sie mußte sich umständlich ein neues Talglicht basteln. Das Licht hielt vor bis vier, halb fünf. Sie konnte nicht schlafen, wollte wissen, „was da in Somalia läuft“. Etwa zwischen vier und halb fünf habe sie sich dann auf die Erde vor der Zellentür gelegt – dort war ein Spalt freigeblieben, da die Beamten die Schaumpolsterwänd nicht ganz fest in den Türrahmen gezwängt hatten. „Jan, biste noch wach?“ rief sie. „Ja, vollkommen wach“, tönte es zurück. „Was machst du?“ – „Ich lese noch.“ Sie legte sich dann endlich nieder, stellte den Wecker auf sieben, um die Frühnachrichten nicht zu verpassen, schlummerte ein.

Kurz nach fünf hörte sie Geräusche: „alles unheimlich leise“ – „zweimal einen Knall, gedämpft natürlich“ – „ein leises Quietschen“, und, präziser, „ein gedämpfter Knall, zweimal ziemlich kurz hintereinander“. Ihr sei gar nicht in den Sinn gekommen, es könne wirklich geschossen worden sein, „weil wir immer befürchteten, vergiftet zu werden“ (auf dem Weg über das Anstaltsessen). Sie hob nur den Kopf, stand aber nicht auf, schlief wieder ein. „Die letzte sinnliche Erfahrung, an die ich mich erinnern kann“, war ein „starkes Rauschen im Kopf“, ein „Gefühl von Rauschen, von innen heraus, weiß nicht, was das war“.

Morgens will sie dann, als jemand ihre Lider anhob, aus tiefer Bewußtlosigkeit erwacht sein, blutüberströmt auf einer Bahre im Flur liegend. Sie beteuert, daß sie sich die Stichverletzungen in der linken Brust und die Kratzer oder Schürfwunden an den Innenflächen der Handgelenke nicht selber beigebracht hat. Im gleichen Atemzug beschwert sie sich darüber, daß der Ausschuß über ihre Krankengeschichte besser Bescheid wisse als sie selber. Nach ihrer Kenntnis mußte sie operiert werden, weil sie am Herzbeutel verletzt war.

Eben diesen Grund hat aber vormittags schon der Arzt, der sie operierte, Professor Hans-Eberhard Hoffmeister aus Tübingen, vor dem Ausschuß verneint. Rückblickend spricht er von einer „nur leichten Verletzung“. Als Irmgard Möller ins Krankenhaus eingeliefert wurde, konnten die Ärzte freilich nach dem klinischen Befund und den Röntgenaufnahmen eine Verletzung des Herzbeutels nicht ausschließen. Tatsächlich hatte aber das Messer das Herz nicht erreicht; nur das Gewebe im Vorhof des Herzbeutels war blutdurchtränkt. Ob es sich um Selbstmordversuch oder Mordversuch handelte, konnte der Chirurg nicht entscheiden; dazu fehlten ihm die Vorkenntnisse.

Besteckmesser oder Papierschere?

Nimmt man die Aussagen des Operateurs und des Narkotiseurs vor der Staatsanwaltschaft (oder vor dem Ausschuß) zusammen, ergibt sich folgendes Wundbild: Vier Einstiche oberhalb der linken Brust, etwa anderthalb bis zwei Zentimeter lang parallel zueinander und auf engem Feld; zwei Stichkanäle nur zwei Zentimeter tief, geführt von links oben nach rechts unten; die beiden anderen Einstiche reichten tiefer, etwa fünf bis sechs Zentimeter, geführt etwas seitlich von rechts oben nach links unten; an der Oberkante des Knorpels der fünften Rippe eine leichte Einkerbung. Die Verletzungen müssen von einem scharfen Gegenstand herrühren, der eine Schneide hat. Offensichtlich haben Polizeibeamte im Krankenhaus Aufnahmen gemacht, doch Professor Hoffmeister kennt die Photos nicht. Nach der Operation baten er und sein Kollege die nach Stammheim gerufenen Gerichtsmediziner telephonisch, sie möchten doch einmal auf die Tatwaffe achten.

Der Ausschußvorsitzende hat das corpus delicti am Montag der Öffentlichkeit gezeigt: ein normales Besteckmesser, wie es jeder Gefangene in seiner Zelle hat; verchromt, mittelgroß, mit bauchig vorspringender Schneide, nach oben verjüngt, mit Wellschliff und abgestumpfter Spitze; Schneide und Griff gehen fast unmerklich ineinander über. Außer diesem Messer wurde noch ein anderes Werkzeug, das sich viel besser als Tatwaffe geeignet hätte, in der Zelle gefunden: eine große, ziemlich spitze Papierschere unter dem Schreibtisch.

Für den Gerichtsmediziner ist es nicht leicht, sich aus alledem einen Vers zu machen. Selbstmord durch Erstechen kommt relativ selten vor. Und dann noch mit einem stumpfen Messer? Allerdings lehrt die Erfahrung, daß gerade wenig tauglich erscheinende Werkzeuge und atypische Verletzungen im Zweifel mehr für Suizid sprechen als für Mord. Atypisch ist eher die Stichführung von oben – der Münsteraner Rechtsmediziner Egon Stichnoth fand heraus, daß bei Selbsttötungen immer wieder der Herzstich fast horizontal zur Körperachse verläuft, zumal bei Rechtshändern wie Irmgard Möller, während bei Fremdtötungen der Einstich senkrecht oder schräg zur Körperachse liegt. Der Wissenschaftler ließ sich einmal von zwanzig Studenten und Studentinnen demonstrieren, wie sie wohl einen Herzstich ausführten; nur zwei haben die Schneide senkrecht eingeführt. Freilich muß der Gerichtsarzt alle anderen Befunde und Umstände als Mosaiksteinchen dazunehmen, ehe er ein Urteil fällen kann.

Typisch für Selbstmord sind – wie im Falle Möller – das Entblößen der Einstichstelle, das kleine Areal und die Parallelität der Einstiche, die geringe Zahl der tiefen Stiche, das Fehlen von Abwehrverletzungen, vor allem aber die sogenannten Probierschnitte, meistens Oberfläche liche Hauteinritzungen, die Menschen sich beibringen, ehe sie sich die Pulsader aufzuschneiden versuchen (oder auch nicht, weil es zu schmerzhaft ist). Wichtige Hinweise ließen sich aus dem Verlauf der Blutablaufstraßen ablesen, doch darauf hat in der Aufregung jener Morgenstunden anscheinend niemand geachtet.

Wie auch immer das endgültige Urteil der Rechtsmediziner ausfällt, Frau Möller wird behaupten, bei ihr habe, „nach CIA-Methode“, ein Selbstmordversuch vorgetäuscht werden sollen. Da äußere Gewalteinwirkungen von ihr weder behauptet noch von den Ärzten festgestellt wurden, müßte sie also betäubt worden sein. Medikamente scheiden aus. Nach ihrer eigenen Aussage und den Bekundungen der Anstaltssanitäter hat die Gefangene am Abend des 17. Oktober keine Arzneien erhalten.

Bereits nach dem Tode Ulrike Meinhofs wurde in linken Kreisen geraunt, es gebe Betäubungsmittel, die keine Spuren zurücklassen (siehe Kasten). Dazu der Tübinger Gerichtsmediziner Professor Mallach, von Haus aus ein Toxikologe: „Mir ist ein solches Mittel nicht geläufig. Das soll nicht heißen, daß es nicht irgendeinen pflanzlichen Stoff gibt, der dazu geeignet wäre. Aber das müßte etwas ganz, ganz Ausgefallenes sein. In der Weltliteratur ist mir eigentlich so etwas nicht bekannt.“ Auch die Anwälte der Gefangenen Meinhof und Möller sind bislang den literarischen Nachweis schuldig geblieben.

Nächste Woche:

Ist Tod durch Hungerstreik Mord? – Warum es keine Vorkehrungen gegen einen Selbstmord gab