„Der Hauptdarsteller“ von Reinhard Hauff, der erste Kino-Film eines renommierten Fernseh-Regisseurs („Die Verrohung des Franz Blum“, „Zündschnüre“), der auch hier sein angestammtes Medium nicht verleugnen kann. Die Geschichte geht zurück auf Hauffs eigene Erfahrungen während der Dreharbeiten zu seinem Film „Paule Pauländer“: Der jugendliche Hauptdarsteller, ein Laie aus asozialen Verhältnissen, will nicht wieder zurück in sein nieses Milieu, gerät in ein komplexes Spannungsverhältnis zwischen seinem brutalen Vater (Mario Adorf) und dem verständnisvollen, aber letztlich doch hilflosen Regisseur (Vadim Glowna). Hiuff folgt den verzweifelten Ausbruchsversuchen seines „Hauptdarstellers“ mit verhaltener Sympathie, die keine der Figuren (auch nicht den von Adorf ungewohnt vielschichtig gespielten Vater) denunziert. Die Qualitäten dieses sympathischen kleinen Films, sein diskreter Realismus und seine präzise Schauspielerführung, erweisen sich auch als seine Schwächen. Vor lauter Skrupeln der eigenen, ambivalenten Position als Regisseur (Menschen-Führer und -Verführer) gegenüber vernachlässigt Hauff bisweilen das dramatische Potential Seiner Geschichte, läßt sich kaum auf emotionale Risiken ein.

Hans C. Blumenberg

Mittelmäßig

„Julia“ von Fred Zinnemann. Dies also ist der erste von Hollywoods mit viel Tamtam annoncierten „neuen Frauen-Filmen“, und wie die beiden nächsten („Auf der Suche nach Mr. Goodbar“ von Riclard Brooks, „Am Wendepunkt“ von Herbert Ross) wurde er vorsichtshalber von einem alten Mann inszeniert. Hier versucht sich der notorisch überschätzte Routinier Fred Zinnemann („Zwölf Uhr mittags“, „Der Schakal“) an einer Episode aus dem ersten Memoiren-Band von Lillian Hellman („Pentinento“). In einem Stil, der sich nur als altväterliches Kunstgewerbe charakterisieren läßt, verarbeite; er die Liebes- und Leidens-Geschichten zweier Frauen in den von der Ahnung politischer Katastrophen überschatteten dreißiger Jahren zu einem laden Potpourri aus nostalgischer Schnulze, bitter-süßen Schriftsteller-Qualen und effekthascherischem Polit-Krimi. Jane Fonda (als Lillian Hellman) und Vanessa Redgrave (als Julia) agieren mit jener Angestrengtheit, die allemal als „Oscar-reif“ gilt. Nur Jason Robards, der Miss Hellmans Lebensgefährten Dashiell Hammett spielt, wirkt der süßlichen Theatralik des Films mit knurrigem Understatement entgegen. „Julia“ ist alles andere als ein neuer, gar politisch akzentuierter Frauenfilm, allenfalls eine halbherzige Neuauflage von Hollywoods bewährten „soap operas“. Hans C. Blumenberg

Zynisch

„Die Chorknaben“ von Robert Aldrich sind eine Truppe von Streifenpolizisten in Los Angeles. Brutale, desillusionierte, haßerfüllte „Cops“, in steter Abwehrhaltung gegen die Allmacht ihrer Vorgesetzten, bedrängt von Traumata (Vietnam) und Ängsten (um die Pensionsberechtigung), die in rüden Zusammenkünften nach Dienstschluß („Chorabende“) ein Ventil für ihre Frustrationen suchen. Joseph Wambaugh, Ex-Polizist und Bestsellerautor („The New Centurions“), schrieb nach seinem Roman „The Choirboys“ das Drehbuch. Und verklagte die Produktion, als es verändert wurde: von einer anekdotisch angelegten Folge derb-realistischer Polizisten-Porträts zur zynischen Satire. Bei Aldrich, der die Schauplätze seiner letzten Filme („Die Kampfmaschine“, „Das Ultimatum“) zunehmend als abgeriegelte Arenen männlicher Machtspiele konzipierte, wird das Polizeirevier zur modernen Rolle privater Komplexe und öffentlicher Korruption. Seine „Chorknaben“ dienen einem System von „law and order“, dessen Segnungen sie nie erfahren. So singen sie nicht mehr: sie bellen und brüllen; manche stammeln nur noch. Die Gaudi an den syrischen Zoten vergeht dem Betrachter alsbald. Aldrich hat seine Wut (und die Vulgarisierung seines Stils) so weit getrieben, daß auch sein Film nur noch vulgär wirkt: als hätte er ihn mit Boxhandschuhen inszeniert. Das verstärkt zwar die Schlagkraft, aber verfehlt oft das Ziel.