Der Selbstmord war ein Teil der Guerilla-Strategie (Schluß)

Von Karl-Heinz Janßen

Am späten Vormittag des 18. Oktober 1977 bat Oberpfarrer Erwin Kurmann, der evangelische Gefängnisseelsorger in Stammheim, die Staatsanwaltschaft Stuttgart, man möge doch bei der Besichtigung der Zelle Gudrun Ensslins auf eine Mappe mit der Aufschrift „Anwalt“ achten. Am Nachmittag des Vortages hatte sich die Gefangene und Pfarrerstochter mit Kurmann und seinem katholischen Amtskollegen Hans Peter Rieder etwa anderthalb Stunden in der Besucherzelle unterhalten. Sie selber hatte überraschend um die Unterredung nachgesucht, nachdem sie zuvor – wie die anderen Gefangenen im Terroristentrakt auch – das von den Pfarrern angebotene „Entlastungsgespräch“ abgelehnt hatte. Wegen der Kontaktsperre durften die Pfarrer nur zu zweit unbeaufsichtigt mit einem der Zelleninsassen reden, und die seelischen Folgen der Kontaktsperre waren auch der Grund, warum die Geistlichen von sich aus ihre Dienste angeboten hatten. Doch Gudrun Ensslin suchte keinen seelsorglichen Trost – sie wirkte sogar äußerst entspannt und freundlich, keineswegs niedergeschlagen. Ihr war nur noch die Sache mit der Mappe eingefallen.

Ehe sie darauf zu sprechen kam, leitete sie das Gespräch mit den Worten ein: „Wir werden hier vernichtet.“ Sie bezog sich dabei nicht nur auf die Isolationshaft, sondern machte mehrmals düstere Andeutungen über eine bevorstehende „Hinrichtung“ der Gefangenen, ließ sich diesen Gedanken auch nicht ausreden. Für diesen Fall sollten die Pfarrer dafür sorgen, daß drei Briefe, die sie an den Chef des Bundeskanzleramts, Staatssekretär Manfred Schüler, gerichtet habe, wirklich ihren Empfänger erreichten. Die Bundesanwaltschaft, mit der sich die Gefangenen seit Prozeßbeginn nach ihren eigenen Worten „im Kriegszustand“ befanden, habe sicherlich ein Interesse daran, diese in der Mappe liegenden Schriftstücke verschwinden zu lassen. Vorsichtshalber sollten die Pfarrer auch die Eltern Ensslins und ihren Anwalt verständigen.

„Theologen hoffen halt“

Ansonsten sprach man über Ideologisches, über die Geschichte der Befreiungskämpfe in aller Welt, über die Motivation der deutschen Stadtguerilla. Als der nichtsahnende Pfarrer Kurmann zum Schluß anmerkte, man werde das Gespräch vielleicht fortsetzen können, scherzte Gudrun Ensslin: „Ach ja, Theologen hoffen halt!“ und ging lächelnd zur Tür – nach Kurmanns Erinnerung „wirklich mit einem gelösten Lächeln auf dem Gesicht“.

Von Schleyers Entführung und von den Geiseln in der „Landshut“ fiel kein Wort. Beiläufig hatte Gudrun Ensslin erwähnt, die Gefangenen hätten einige „Informationsfetzen“. Da die Dinge in Mogadischu zu diesem Zeitpunkt bereits deutlich erkennbar zu Ungunsten der Stammheimer Gefangenen liefen, die ihre baldige Freilassung doch wohl erwartet hatten, wurde es den Pfarrern etwas seltsam zumute. Sie verständigten Anstaltsleiter Nusser vom Inhalt der Unterredung. Der Gefängnisleiter horchte sofort auf: „Ja, ist die denn selbstmordgefährdet?“ – eine Sorge, die ihn und die anderen Verantwortlichen im Gefängnis seit Beginn der Kontaktsperre umgetrieben hatte. Doch beide Pfarrer beruhigten ihn. Erst nach der Schreckenspost am nächsten Tage dämmerten ihhen die Zusammenhänge. Sie benachrichtigten Gudrun Ensslins Eltern und den Bischof von Rottenburg, Dr. Moser, der sogleich Bundesjustizminister Vogel in Bonn anrief.

Als abends Kriminaloberrat Günter Textor vom Landeskriminalamt mit seinen Beamten Ensslins Zelle durchsuchte, achtete er sofort auf die Mappe. Der rote Aktendeckel lag an auffälliger Stelle inmitten des Wirrwarrs von Kisten, Tüten, Dosen, Lebensmitteln, Kabeln, Kleidern und Papieren neben der Matratze. Textor reichte sie samt Inhalt der anwesenden Richterin des Amtsgerichts Stuttgart-Bad Cannstatt; sie ließ das Fundstück erst einmal in einem Umschlag verwahren, später hat es Staatsanwalt Herrmann, der die Ermittlungen führte, wieder herausgenommen und auf seinen Inhalt geprüft. Er fand einiges: ein Schreiben an den Rechtsanwalt (und Schriftsteller) Chotjewitz, das aber nicht weiterhalf, eine maschinenschriftliche Übersetzung eines französischen Textes, mit Korrekturen vermutlich von der Hand Ensslins, ferner ein paar Zettel – aber keine Briefe an Staatssekretär Schüler. Herrmann übergab die Mappe der Polizei. Als noch am selben Abend der katholische Pfarrer Rieder vernommen wurde, brachte Kriminaloberrat Textor die Mappe mit, öffnete sie „in Anwesenheit eines Staatsanwalts“ und zeigte ihm, daß die drei Briefe fehlten. Der Pfarrer hätte zu gern gewußt, was auf den Zetteln stand, aber er wagte nicht aufzustehen, hätte auch kein Recht gehabt, den Inhalt kennenzulernen.

Bausteine für eine These?

So umständlich und streng nach Vorschrift laufen amtliche Ermittlungen. Übelwollende oder mißtrauische Zeitgenossen werden vermutlich, obwohl die Bundesanwaltschaft gar nicht ihre Hand im Spiel hatte, dennoch die Auskunft des Bonner Regierungssprechers Klaus Bölling beiseiteschieben, er habe nicht den leisesten Zweifel an der Darstellung der Stuttgarter Justizbehörden, Akzeptiert man aber diesen Ablauf, wie er einem Rechtsstaat gemäß ist, bleiben noch Fragen genug. Hat Gudrun Ensslin vielleicht die Briefe gar nicht mehr schreiben können, weil die Ereignisse über sie hinwegrollten? Warum mußte gerade Staatssekretär Schüler der Adressat sein – weil er für die bundesdeutschen Geheimdienste zuständig ist? Baader und Ensslin hatten sich seit der Entführung der „Landshut“ mehrmals um ein Gespräch mit dem Staatssekretär bemüht. Oder wollte sie, wie Pfarrer Rieder vermutet, das Gespräch mit den Geistlichen als „Baustein für die spätere Mordthese“ benutzen?

Das ist eben das Verwirrende an den Stammheimer Vorfällen: Die einen – hierzulande eine verschwindende Minderheit – glauben, hier werde auf raffinierte Weise ein kollektiver Selbstmord vorgetäuscht. Die anderen meinen, hier sollte auf raffinierte Weise ein Mord vorgetäuscht werden. Einzelheiten und Umstände sind so außergewöhnlich, daß beide Versionen in Denken und Empfinden schwer nachzuvollziehen sind. Ist es nicht absurd, daß, so Generalbundesanwalt Kurt Rebmann verwundert, „die Hauptrepräsentanten, die Symbolfiguren des deutschen Terrorismus, das Handtuch werfen“ – im Moment ihrer schwersten Niederlage? Ist es nicht widersinnig, einen Selbstmord als Reaktion auf Mogadischu, als Verzweiflungstat, auszulegen, zugleich aber – mit Bundeskanzler Schmidt – anzunehmen, die drei in Stammheim hätten ihren Tod „nicht als Zeichen später Einsicht, sondern vielmehr als ein Fanal für die noch in Freiheit befindlichen, ihnen Gleichgesinnten“ gewollt?

Ist es nicht gleichermaßen absurd, sich eine Mordverschwörung vorzustellen, die nicht ganze Arbeit leistete, sondern einen Zeugen am Leben ließe? Hätte man sich der Gefangenen nicht bequemer, unauffälliger nach und nach entledigen können als auf diese spektakuläre Weise, die nicht nur ein weitverzweigtes und darum mit vielen Risiken belastetes Komplott voraussetzte, sondern auch eine komplizierte technische Vorbereitung? Im Ausland mag man uns seit Mogadischu alles Mögliche zutrauen. Vielleicht hat jener prominente Franzose sogar recht, der jüngst behauptete, für die Mehrheit der Franzosen stehe es fest, daß sich die Behörden der Bundesrepublik der Stammheimer entledigt hätten – mit dem bezeichnenden Zusatz: Und diese Mehrheit finde das ganz in Ordnung.

Aber die in diesem Lande leben, müssen sich doch erst einmal fragen, ob es überhaupt Freiräume im Rechtsstaat geben kann, in denen amtlich bestellte Killer oder private „Todesschwadronen“ nach südamerikanischem Vorbild ihr Unwesen treiben dürften. Jene, die von den Anhängern der Rote Armee-Fraktion (RAF) als Anstifter oder als Mörder verdächtigt wurden – Kanzler, Minister, Justizbehörden, Geheimdienste, Bundesgrenzschutz –, sind an Recht und Gesetz gebunden, mannigfachen parlamentarischen oder rechtlichen Kontrollen unterworfen; der Kritik von Journalisten und Schriftstellern ausgesetzt; sie könnten sich nie in dem sicheren Gefühl weiden, eventuelle Fehltritte würden unentdeckt bleiben.

Wie immer man das Verhalten der Bundesrepublik im Kampf gegen den Terrorismus beurteilen mag – gegen die Dialektik ihrer Feinde im Untergrund ist schwer aufzukommen. Seit sich der Staat Anfang der siebziger Jahre anschickte, den deutschen Stadtguerrilleros keinen kurzen, sondern einen langen Prozeß zu bereiten, haben Angehörige, Anwälte und Freunde der RAF die Öffentlichkeit glauben machen wollen, die „politischen Gefangenen“ sollten durch Isolationsfolter und unmenschliche Haftbedingungen systematisch vernichtet werden. Der Vater von Gudrun Ensslin, Pfarrer Helmut Ensslin, hat noch im August 1977 in Appellen an Justizminister, Richter und Gefängnisleiter, während eines Hungerstreiks der Gefangenen in Stammheim, den „Justiz- und Staatsschutzbehörden“ unterstellt, daß sie „den Tod der Gefangenen nicht nur in Kauf nehmen, sondern ihn geplant herbeiführen“. Er scheute sich nicht, das Wort „Endlösung“ an die Wand zu malen. Gerade in jenen Wochen vor der Entführung Schleyers begann sich in der öffentlichen Meinung zur Zwangsernährung das Blatt zu wenden. Auch eher liberale Politiker schienen nunmehr geneigt zu sein, den Gefangenen der RAF ihre eigene Entscheidung über Tod und Leben zu lassen, damit die Behörden nicht länger durch die Waffe des Hungerstreiks zum Nachgeben gezwungen werden konnten.

Eigenwillige Definition

Seitdem der Gefangene Holger Meins im November 1974 an den Folgen eines Hungerstreiks gestorben war, mußte freilich allen Verantwortlichen klar sein, daß die RAF mitsamt einigen ihrer Anwälte die Verantwortung für solche Todesfälle immer dem Staat zuschieben würden, weil er legitime Forderungen der Gefangenen nicht erfüllt habe. Irmgard Möller hat vor dem Stuttgarter Untersuchungsausschuß zu dieser Gleichsetzung von Selbsttötung und Fremdverschulden eine Definitionshilfe gegeben. Auf die Frage, wie sie den Tod nach einem Hungerstreik bewerte, antwortete sie ohne zu überlegen: „Das ist Mord.“ Sie wollte sich jedoch nicht auf eine Definition einlassen, als was denn der Tod eines Häftlings zu gelten habe, der nach jahrelanger Isolationshaft zur Pistole greife. Dies sei eine hypothetische, provozierende Frage, befand sie mit Zustimmung ihrer Anwälte.

Aus vielen Verlautbarungen der RAF, auch aus Zellenkassibern, Zellenzirkularen, Bekennerbriefen und „Infos“, die von der Bundesanwaltschaft im Laufe der Jahre beschlagnahmt wurden, geht hervor, daß die Mitglieder der RAF nicht nur draußen, sondern auch noch in den Zellen um ihrer politischen Ziele willen ihr eigenes Leben einsetzen wollten – wenn es sein mußte, auf dem Wege der Selbsttötung. Allerdings sind den Behörden erst nach den Todesfällen in Stammheim manche Zusammenhänge klar geworden, haben sie erst im nachhinein erkannt, wie ernst und konsequent einige Drohungen an die Behörden oder Weisungen an die Genossen gemeint waren. Dabei hatte das RAF-Kollektiv bereits in seinem Spigel-Interview vor genau drei Jahren „Che“ Guevara zitiert: „Der Guerrillero soll sein Leben nur dann aufs Spiel setzen, wenn es unbedingt erforderlich ist, dann aber, ohne einen Augenblick zu zögern.“

Am 19. Februar 1973 schrieb der Gefangene Manfred Grashof, als wollte er Stammheim vorwegnehmen: „Unsere letzte und stärkste Waffe ist unser Körper, ihn haben wir kollektiv eingesetzt, mit ihm haben wir gedroht.“ Ein Jahr später ließ sich Andreas Baader, dessen Befehl die auch im Gefängnis militärisch ausgerichteten RAF-Kader unterstanden, während eines Hungerstreiks aus seiner Zelle vernehmen: „Ich denke, wir werden den Hungerstreik diesmal nicht abbrechen. Das heißt, es werden Typen dabei kaputt gehen.“

Offensichtlich hatten sich die Mitglieder der RAF in jenem Jahre 1974 dazu durchgerungen, notfalls sogar mehrere Gefangene zu opfern. Brigitte Mohnhaupt hat am 22. Juli 1976 im Stammheimer Prozeß darüber ausgesagt: „In der Diskussion hat sich jeder klar gemacht! kann ich den Hungerstreik machen, will ich den Hungerstreik machen. Weil für uns klar war, was das heißt: daß wirklich die Situation sein kann, wo du stirbst.“

Jeder Hungerstreik wurde zur Gratwanderung zwischen Tod und Leben. „Worum es geht“, schrieb Baader in einem Infobeitrag, „ist für jeden das Gewicht soweit Hinterzubringen, daß er alle bestimmen kann, wann das läuft: akute Lebensgefahr, Krise, Koma. Ich bin sicher, daß das einfach ist.“ Mit dem ihr eigenen Absolutheitsdrang, der keine Kompromisse zuließ, hat Gudrun Ensslin wenige Tage vor dem Tode von Holger Meins die Alternative ausgesprochen: „Du bestimmst, wann du stirbst. Freiheit oder Tod.“ Und noch schärfer an anderer Stelle: „Wir können sagen: jede 3. Woche (bder egal 2., 4.) wird sich einer von uns töten, solange bis die Isolation für alle aufgehoben ist.“

An dieser Linie hat zumindest der „harte Kern“ bis zum Oktober 1977 unentwegt festgehalten, wie die Äußerungen der drei Stammheimer aus ihren letzten Wochen ausweiten (siehe Kasten „Zweideutiges aus Stammheim“). Die Worte Andreas Baaders in seinem Brief vom 10. Oktober 1977 sind ein Widerhall jener Sätze, die seinerzeit Holger Meins vorsorglich bei Rechts anwalt Croissant hinterlegt hatte: „Für den Fall, daß ich in der Haft vom Leben in den Tod komme, war’s Mord – gleich, was die Schweine behaupten werden.“

Verantwortliche nicht alarmiert

Da jedoch die Gefangenen in Stammheim bei ihren vielen Hungerstreiks, die dem Tode ihres Freundes Meins folgten, immer nur bis an die äußerste Grenze gegangen wären – sei es, weil die Justizverwaltung ihren Forderungen nachgab, um den Prozeß nicht zu gefährden, sei es, weil sie auf eine Befreiung von außen hofften und deshalb in den Tagen vor einer geplanten Geiselnahme ihren Streik ab- oder unterbrachen – waren die Verantwortlichen in Stuttgart, Karlsruhe und Stammheim auch im September und Oktober letzten Jahres über die Drohungen nicht alarmiert. Sie nahmen an, die Gefangenen wollten lediglich den Druck auf den Großen Krisenstab in Bonn erhöhen, seien aber in Wirklichkeit von einem solchen Freiheitsdrang erfüllt, daß sie ihre Selbsttötung nicht ernstlich planen könnten.

Was die Öffentlichkeit damals nicht wußte: Während der Entführung Schleyers sind die Stammheimer aus Protest gegen die über sie verhängte Kontaktsperre in einen Hungerstreik getreten. Manche ihrer Äußerungen konnten also durchaus nach dem bisherigen Schema beurteilt werden. Allerdings war die Situation diesmal unvergleichlich anders. Wegen der Nachrichtensperre fehlte den Gefangenen das Echo in der Öffentlichkeit, und wegen der Kontaktsperre entbehrten sie auch des Beistandes ihrer Anwälte. Zum erstenmal waren sie völlig isoliert, sowohl gegenüber der Außenwelt als auch untereinander.

Ihre Lage hatte sich bereits im August verschlechtert. Nach einer Schlägerei zwischen den Gefangenen und den Justizbeamten, die mit Händen und Füßen ausgetragen wurde, und nach einem Verstoß Baaders und Ensslins gegen die Anstaltsordnung – die beiden hatten, bekleidet, unter einer Decke in einem Bett gelegen –, waren so drastische Hausstrafen über die Untersuchungshäftlinge verhängt worden, daß diese einen Hunger- und Durststreik ausriefen. Die Gruppe, die auf Anraten unabhängiger Ärzte im Juli vergrößert worden war, wurde auf vier reduziert – die Gefangenen Beer, Hoppe und Pohl mußten nach Hamburg zurück, die Gefangene Ingrid Schubert wurde ebenfalls verlegt. Während dieses Hungerstreiks, der erst ein paar Tage vor der Entführung Schleyers ausklang, konstatierten Ärzte und Professoren bereits unübersehbare Anzeichen von Todessehnsucht und Verzweiflung, obschon sich alle Gefangenen äußerlich beherrschten.

Dann folgte der 5. September, der Tag des Überfalls in Köln. Sogleich wurde, noch ehe überhaupt Bonn dazu raten konnte, in Baden-Württemberg eine Kontaktsperre über die einsitzenden Terroristen verhängt – die Regierung Filbinger berief sich dabei auf den rechtfertigenden Notstand. Was die Kontaktsperre für die Gefangenen im einzelnen bedeutete, läßt sich an der Hausverfügung vom 4. Oktober 1977 ablesen, die Zwei Tage nach Erlaß des Bonner Kontaktsperregesetzes erlassen wurde und die seit Wochen geltenden verschärften Haftbedingungen bestätigte.

Die vier Gefangenen durften keine Anwälte und keine anderen Besucher empfangen; sie durften weder Briefe, Pakete und Telegramm: noch Zeitungen, Zeitschriften und Bücher entgegennehmen. Fernseh- und Rundfunksendungen waren untersagt, desgleichen der Telephon- und Briefverkehr. Sie durften nicht mehr gemeinsam in den Zellen übernachten noch sich täglich mehrere Stunden auf dem Flur vor den Zellen aufhalten, auch der gemeinsame „Hofgang“ auf dem Dachgarten wurde verboten; statt bisher 90 dürfte sich jeder nur noch dreißig Minuten an frischer Luft aufhalten. Die Gefangenen durften keine Bücher und Akten mehr austauschen. Es war ihnen verboten, gemeinsam Lebensmittel einzukaufen, gemeinsam Sport zu treiben oder gemeinsam in die Bücherzelle zu gehen.

Alle vier Gefangenen wehrten sich: Sie ließen sogleich Richter ins Gefängnis kommen, bei denen sie ihren Protest gegen die Kontaktsperre zu Protokoll gaben. Baader beschwerte sich über die „grund- und menschenrechtswidrige Repressalie“; die beiden Frauen sprachen von Folter und Verstoß gegen die Genfer Konvention, Raspe von Willkür. Irmgard Möller ließ eigens nachtragen, der Zweck einiger Maßnahmen könne nichts anderes sein, „als die Gefangenen zu vernichten“.

Dieser Protest ließ auf eine gemeinsame Absprache schließen. Aber daran nahm niemand Anstoß. Tagsüber konnten sich die Gefangenen nämlich von Zellentür zu Zellentür durch Zurufe verständigen; auch wenn jemand zum Bad oder zum Hofgang geführt wurde, begleitet von vier oder fünf Beamten, nutzte man die Gelegenheit zum Kontakt, ungeachtet der Warnung, wer sich so verhalte, laufe Gefahr, „in Zukunft nicht mehr aus der Zelle gelassen zu Werden“.

Eigentlich hatte sich die Gefängnisverwaltung die Isolation anders Vorgestellt. Die Zellentüren sollten dauernd mit schalldämmenden Platten zugestellt werden. Aber man sah bald ein, daß man den Gefangenen wenigstens am Tage die Luftzufuhr durch die Türschlitze erlauben mußte. Die Wärter beschränkten sich tagsüber darauf, die Zurufe, soweit sie verständlich waren, aufzuschreiben und der Anstaltsleitung zu melden.

Auch wenn man von der heimlichen Kommunikation der Gefangenen per „Zellentelephon“, Hausradio und vielleicht auch noch per Morsen oder Minisendern nichts wußte – der Zweck der inneren Kontaktsperre war sowieso ad absurdum geführt worden. Man hätte die vier also ruhig weiter zur Sport- und Lebensmittelzelle gehen lassen können, unter Bewachung, versteht sich. Am Lebensmitteleinkauf war den Gefangenen sehr gelegen, da sie nicht allein auf das Anstaltsessen angewiesen sein wollten. Sie waren offensichtlich von der Furcht besessen, man könne dem Essen Drogen zusetzen. (Sofern der stern zutreffend berichtet hat, wurde bei den Beratungen des Bonner Krisenstabs einmal erwogen, die Stammheimer Rädelsführer unter Wahrheitsdrogen zu setzen, um auf diese Weise etwas über den Aufenthalt Schleyers zu erfahren – freilich und mit Recht hat man diesen Gedanken gleich wieder verworfen.)

Auch sonst ließ es die Gefängnisverwaltung in dieser Zeit nicht an humanen Rücksichten fehlen, selbst auf Kosten der Sicherheit. Obwohl die Beamten bei den täglichen Kontrollen kaum durchfanden, sollten die 1000 Bücher für die Dauer der Isolation noch in den Zellen bleiben. Damit die Gefangenen unter Radio- und Fernsehentzug nicht allzusehr litten, wurden ihnen die Plattenspieler zurückgegeben – es spricht einiges dafür, daß dabei auch jene Pistole wieder zurückgekommen ist, die in Baaders Plattenspieler versteckt gewesen sein könnte.

Daß es mit der Kontaktsperre nicht nach Wunsch verlief, wußte man in Bonn spätestens seit dem 12. September. Das Bundesjustizministerium hätte nämlich verlangt, auffälliges Verhalten der Gefangenen weiterzumelden. In den Abendstunden jenes Tages wurden zwischen Stuttgart und der Bundeshauptstadt allerlei Gespräche geführt, weil am anderen Tag ein Beamter des Bundeskriminalamts mit Fragebogen nach Stammheim reisen wollte. Wie konnte man verhindern, daß sich die Gefangenen vorher auf eine gemeinsame Linie einigten? Sollte man die vier auf verschiedene Anstalten des Landes verlegen oder zwischen den „normalen“ Gefangenen in den anderen Stockwerken unterbringen? Sicherheitsgründe sprachen dagegen. „Da sind vier zuviel drin!“ seufzte ratlos ein Abteilungsleiter im Stuttgarter Justizministerium.

Weit mehr als die (unvollkommene) Kontaktsperre hat den Gefangenen offensichtlich die Ungewißheit über den Fall Schleyer zugesetzt. Ihren Hungerstreik unterbrachen sie nach vierzehn Tagen am Nachmittag des 4. Oktober durch einen Zuruf Baaders („Ab sofort wird wieder gefressen!“). Zwei Tage später betrat Gefängnisarzt Dr. Henck, der zu den RAF-Gefangenen ein leidlich gutes Verhältnis angebahnt hätte, die Zelle Raspes. Er traf einen völlig deprimierten Gefangenen an, der über Schlafstörungen klagte und dem das Sprechen schwerfiel. Er hatte Tränen in den Augen und er spielte unverblümt auf Selbstmord an.

So etwas hatte der Arzt in all den Jahren noch nie gehört. Er alarmierte den Anstaltsleiter: bei Raspe liege eine „echte suizide Handlungsbereitschaft“ vor. Er bat um Nachricht, wie man einen Selbstmord verhindern könne – doch es geschah nichts weiter. Am 10. Oktober kam es noch schlimmer: Diesmal war es Baader, der bei einer Arztvisite von einem „kollektiven Selbstmord“ sprach. Gudrun Ensslin äußerte sich ähnlich, jedoch mit dem wieder alles in Frage stellenden Zusatz „Selbstmord ist hier ja wohl nicht dein!“

Von nun an wurde der Gefängnisarzt sein „ungutes Gefühl“, seine „unterschwelligen Befürchtungen“ nicht mehr los. Auch Kriminalhauptkommissar Klaus vom Bundeskriminalamt, der während der Kontaktsperre mehrmals die Stammheimer Gefangenen aufsuchte, hatte nach dem 8. Oktober das Gefühl einer konkreteren Selbstmordgefahr – man mußte sich wohl darauf einstellen, daß die Gefangenen Hand an sich legen würden, wenn die Freipressung scheiterte. Viele Justizbeamte bezeugen, Baader sei von Tag zu Tag nervöser, aufsässiger und ausfallender geworden. Dr. Henck informierte am 13. Oktober – ehe er einen Krankheitsurlaub antrat – auch noch den Gefangenenbeirat über die Lage im 7. Stock. Zufällig traf er dort den Anstaltsleiter Nusser, der entsetzt ausrief: „Malen Sie den Teufel nicht an die Wand!“

Nach der Untersuchungshaftvollzugsordnung sind auch bei Untersuchungsgefangenen (die vier Gefangenen waren noch nicht rechtskräftig verurteilt) „besondere Sicherungsmaßnahmen“ zulässig, wenn das Verhalten des Gefangenen oder ihr seelischer Zustand die Gefahr eines Selbstmordes heraufbeschwören. Aber die Leiter des Stammheimer Gefängnisses und ihre Vorgesetzten im Stuttgarter Ministerium zerbrachen sich umsonst die Köpfe, welche Maßnahmen sie anwenden sollten. In die Beruhigungszelle stecken konnte man die Gefangenen wohl kaum und schon gar nicht gemeinsam – da hätte sogleich der Arzt protestiert. Dr. Henck seinerseits schlug vor, Baader nach Bruchsal, Ensslin nach München und Raspe nach Freiburg umzuquartieren, doch das schaffte nur neue Probleme. Die Gefangenen zusammenzulegen, verbot sich wegen des Kontaktsperregesetzes. Tag und Nacht die Gefangenen beobachten? Bei angeschalteter Deckenleuchte und ständig geöffneten Essensklappen? Wiederum hätte Dr. Henck, von Haus aus Nervenarzt, sein Veto eingelegt: Dauerbeobachtung und dauernde Schlafstörung während der Kontaktsperrezeit hätten die Gefangenen erst recht zum Selbstmord treiben können.

Es war wie verhext Früher hatte die ständige Angst, der Prozeß könne platzen, den Justizbeamten den Umgang mit den Terroristen im 7. Stock erschwert – nun stieß man an die Barrieren der Kontaktsperre. Überdies hatte jeder die schrillen Töne der Anti-Folter-Kampagne noch im Ohr; keiner wollte Ohne Not amnesty international oder die Europäische Menschenrechtskommission auf den Plan rufen.

Kein Mittel gegen Selbstmord

Alle Gefängnispraxis lehrt, daß ein Gefangener, der sich umbringen will, kaum daran gehindert werden kann, es sei denn, man stecke ihn, wie die südafrikanische Polizei es mit dem Negerführer Biko praktizierte, nackt in eine leere Zelle. „Wir sahen keine Möglichkeit“, resignierte der Anstaltsleiter. Da er einen Selbstmord der Gefangenen zwar immer noch für unwahrscheinlich hielt, aber nun doch für möglich halten mußte, setzte er am 10. Oktober einen Bericht an das Justizministerium auf. Er schilderte das Für und Wider aller Möglichkeiten und kam zu dem Schluß, er wisse nichts Vertretbares anzuwenden. Darauf ließ ihm Justizminister Bender ausrichten, er möge doch „alles Vertretbare“ tun, um Selbstmorde zu verhindern. Nusser fand diesen lakonischen Bescheid „nicht übermäßig hilfreich“.

Derart hilflos trieben Gefängnisleitung und Justizbehörde dem nahenden Unheil entgegen. Gewiß – in Stammheim ahnte niemand etwas; von der bevorstehenden GSG-9-Aktion in Mogadischu. Aber in Stuttgart mußte man dies wissen. Ministerpräsident Filbinger („Der Schutz des Lebens der Häftlinge ist ein besonderer Wert.“) hatte einen Vertreter im Großen Krisenstab sitzen. Wäre nicht wenigstens jetzt der Zeitpunkt gekommen, alle Rücksichten außer acht zu lassen und die vier Gefangenen wenigstens für ein paar Tage ständig zu beobachten? Schließlich stand nicht nur ihr Leben auf dem Spiel, sondern auch das des entführten Arbeitgeberpräsidenten Schleyer. Oder hatte man in der entscheidenden Nacht in Bonn wie in Stuttgart an Stammheim nicht gedacht? Wir wissen es nicht – die Beratungen im Großen Krisenstab bleiben geheim.