Bonn, im Februar

Wie „den Pfitzer“ gibt es auch „den Ziller“. Gilt der eine als der Bundesrat in Person, so ist der andere als Autor eines kleinen Standardwerks über die Ländervertretung, das schon in vielen Auflagen erschienen ist, ein Begriff. Und war Ziller einst Pfitzers Schüler, so. folgt er jetzt seinem Lehrmeister nach. Am 1. Juli wird Albert Pfitzer, Direktor des Bundesrats seit 1951, in den Ruhestand gehen; an seine Stelle tritt Gebhard Ziller, bislang Staatssekretär im niedersächsischen Sozialministerium.

Daß es damit so lange gedauert, daß es einiges Kandidatengerangel gegeben hat und Pfitzers Amtszeit deshalb zweimal verlängert werden mußte – das war alles kein Zufall. Denn der Posten des Bundesratsdirektors zählt zu den Schlüsselpositionen, die in Bonn zu vergeben sind. Daß es ein Platz nicht ganz vorn an der Rampe, sondern eher in den Kulissen ist, steigert nur seine Bedeutung.

Die Gründe für die Schlüsselstellung liegen in der Institution und, im Falle Pfitzers, in der Person. Das auf Gleichbehandlung aller Länder und ursprünglich auch auf möglichst wenig Parteipolitik angelegte Protokoll des Bundesrats sieht vor, daß die Länder in Gestalt ihrer Regierungschefs reihum den Bundesratspräsidenten stellen, in jährlichem Wechsel und in einer bestimmten Abfolge. Für die komplizierten Verhältnisse der Bundespolitik ist dieser Turnus freilich viel zu knapp. Das gilt um so mehr, als der präsidierende Landeschef hauptsächlich zu Hause angebunden ist und in Bonn meistens nur Gastrollen gibt: bei den Tagungen des Bundesrats.

So wird der Direktor der Ländervertretung zum beständigen Uhrwerk: Er, der eigentlich nur beraten und soufflieren soll, führt in Wahrheit oft Regie. Das kann man sehen, wenn Albert Pfitzer in den Plenarversammlungen des Bundesrats den Präsidenten, an dessen rechter Seite sitzend, über alle Tiefen und Untiefen der ebenso umfangreichen wie verschlungenen Tagesordnung lotst. Wenn die Geschäftsordnung lapidar bestimmt, daß der Direktor den Präsidenten bei der Führung der Amtsgeschäfte unterstütze, dann ist das eine faustdicke Untertreibung. Ohne seine Gehilfen wäre der Präsident, wie Heinz Läufer, ein fachkundiger Autor, befunden hat, politisch ein „bedauernswerter Vollinvalide“. (Inzwischen hat Laufer sein drastisches Urteil modifiziert: Der Präsident sei auf seinen Direktor absolut angewiesen.) Das würde Pfitzer natürlich nie sagen. Seine Kunst besteht darin, stets den Eindruck zu erwecken, als gehe er den Präsidenten nur zur Hand, auch wenn er ihnen die Hand führt.

Vor allem fiel Pfitzers Rolle als Statthalter des Bundesrats ins Gewicht, wenn es vor und zwischen den Plenarsitzungen darum ging, das Interessenknäuel zwischen Bund und Ländern zu entwirren und zu ordnen und zwischen den elf Ländern selber, unter denen es reiche und arme, Stadtstaaten und Flächenstaaten, hier mehr Industrie, dort mehr Landwirtschaft, gibt. Den Ariadnefaden bis zur Entscheidungsreife zu knüpfen, noch dazu innerhalb meist knapper Beratungsfristen, dazu hat Pfitzer mehr als ein Vierteljahrhundert lang entscheidend beigetragen. Gegenüber den fliegenden Wechseln bei den Präsidenten hebt sich solche Kontinuität doppelt ab. Mit weitem Abstand vor allen anderen ist Pfitzer zum dienstältesten Chef einer obersten Bundesbehörde geworden – des Bundesrats-Sekretariats, das von 1949 bis heute nur von 95 auf 115 Köpfe wuchs. Es ist eine der kleinsten, doch nach allgemeiner Meinung eine der besten Bonner Verwaltungen.

Zu ihr zählte von 1961 bis 1971 auch Gebhard Ziller, 1932 in Konstanz geboren und in Stuttgart aufgewachsen, Sohn eines Berufsoffiziers, gelernter Jurist, der bei dem Tübinger Professor und Grundgesetzkommentator Dürig über den Begriff der verfassungsmäßigen Ordnung im Grundgesetz promovierte. Pfitzer kam auf ihn, als er jemand suchte, der sich im Verfassungsrecht auskannte und außerdem „Kontaktfreudigkeit am Leibe“ hatte, um die Bundesratsereignisse auch unter die Leute zu bringen. Zehn Jahre lang, war Ziller Justitiar und Leiter des Referats für Parlamentsdienst und Öffentlichkeitsarbeit, damit einer der engsten Mitarbeiter des Präsidenten und Direktors.