Über vierzig Tote nach offiziellen Angaben, weit über 100 nach der Version der Gewerkschaften: Das ist die Bilanz der Unruhen, die in der vergangenen Woche Tunesien erschütterten.

Bereits seit Monaten war in Tunesien die Spannung zwischen Regierung und der Gewerkschaftszentrale UGTT gestiegen. In der vergangenen Woche, nach einem Aufruf zum ersten Generalstreik der Geschichte des Landes, sammelten sich die Arbeiter im Zentrum von Tunis und den Vororten der Hauptstadt zu Demonstrationen, die von regierungsfeindlichen Slogans und der Zerstörung von Autos, Geschäften und öffentlichen Gebäuden begleitet vurden. Polizei und Armee machten von der Schußwaffe Gebrauch. Die Regierung mußte den Notstand über das Land verhängen.

Seit seiner Unabhängigkeit im Jahre 1956 hatte Tunesien noch nie derartige Unruhen erlebt. Dahinter stehen zunächst soziale Spannungen. Vor allem in den Küstenregionen hat die tunesische Wirtschaft einen beachtlichen Aufschwung erlebt, der die sozialen Unterschiede vergrößerte und gleichzeitig die Preise in die Höhe trieb. Mit seiner traditionell liberalen Wirtschaftspolitik bekam Tunis diese Entwicklung nicht in den Griff, zumal die Gewerkschaften ihre Forderungen drastisch in die Höhe schraubten.

Die tunesischen Gewerkschaften, die ihre Meinung frei äußern können, sind zum Sprachrohr der legalen Opposition geworden. Sie sehen sich nun in ihrer Bewegungsfreiheit bedroht, seitdem Premierminister Hedi Nouira vor kurzem seinen Innenminister entlassen hat, der sich zum Fürsprecher einer weiteren politischen Öffnung gemacht hatte.

Manche Beobachter sind sicher, daß der libysche Präsident Ghaddafi hinter der Erhebung steht. Seitdem Tunis von einer Vereinigung mit seinem arabischen Nachbarland endgültig Abstand genommen hat, wird Ghaddafi verdächtigt, seinen Willen auf subversivem Wege durchsetzen zu wollen. In der Tat paßte es in Ghaddafis Konzept, wenn der pro-europäische Premier Nouira durch einen der pan-arabischen Sache gewogeneren Mann ersetzt würde.

Ein zusätzliches Moment der Instabilität ist die in Tunesien seit Jahren diskutierte Frage, wer Nachfolger des 74 Jahre alten kranken Staatschefs Habib Bourgiba werden könnte. Bourgiba hat seit der Unabhängigkeit die Politik fast alleine bestimmt und wird mit Sicherheit ein Vakuum hinterlassen, das die Armee zur Vergrößerung ihres Einflusses nutzen könnte. Die Auseinandersetzungen von heute sind somit auch Positionskämpfe für die Zeit, in der Tunesiens Politik eine neue Führung erhalten wird.

In der Zwischenzeit greift die Regierung scharf durch. Gewerkschaftsführer Habib Achour, ein langjähriger Weggefährte Bourgibas, wurde ebenso wie zehn weitere führende Gewerkschaftler verhaftet. Die offizielle Presse hat eine heftige Kampagne gegen die Arbeiterzentrale gestartet. Die libysche Regierung blieb dagegen bisher von offiziellen Anschuldigungen verschont.

Klaus-Peter Schmid (Paris)