Die Flipper-Apparate, an denen wir früher spielten, besaßen ein kompliziertes Innenleben. Sie bestanden aus zweihundert mechanischen Einzelteilen, und jeder von ihnen hatte einen individuellen Charakter; Man könnte an ihnen rucken und wackeln, um die silberne Kugel durch das Labyrinth der Widerstände und bunten Lichter zu dirigieren. Die Geschicklichkeit des Spielers bestimmte die Dauer des Vergnügens, wer allzu heftig zu Werke ging, wurde disqualifiziert: Tilt!

Die Flipper der neuen Generation sind elektronische Maschinen, nur noch aus elf Bauteilen zusammengesetzt. „Das einst mit großen Relais, zuckenden Ballgebern und Gleichstrom-Schlagtürmen angefüllte Innenleben der Flipper schrumpfte zusammen, der große Spielautomat ist innen fast leer“ (Reiner Jackwerth). Der Spieler hat kaum noch die Möglichkeit, diese Wunderdinger zu beeinflussen. Sie sind technisch so avanciert, daß das sportliche Duell Mensch-Maschine überhaupt nicht mehr zustandekommt. Und wo die alten Apparate fröhlich schepperten, klapperten und klingelten, geben die neuen nur noch vornehme Piepslaute von sich.

Nach der dritten Besichtigung von „Krieg der Sterne“ („Mehr als ein Film“, tönt der Verleih, nämlich: „ein beispielloses Ereignis“) kam ich darauf, daß zwischen Hollywoods jüngsten Produktionsmethoden und dem Niedergang der Flipperkultur ein Zusammenhang bestehen muß. „Krieg der Sterne“, mit bislang 206 Millionen Dollar Verleihumsatz der erfolgreichste Film der Kinogeschichte und schon jetzt ein Unternehmen der Großindustrie mit Platten, Büchern, Spielzeug und T-Shirts, gleicht fatal einem dieser supermodernen elektronischen Flipperkästen, an denen das Spielen keinen Spaß mehr macht. Menschen sind gerade noch geduldet als überwältigte Zuschauer einer autonomen Technologie. Menschen werden auch nicht mehr gezeigt in „Star Wars“, nicht einmal mehr Comic-strip-Figuren, sondern nur noch bleiche Zombies, die aussehen wie amerikanische Pfadfinder aus der Ära Eisenhower: umgeben vom großen Krieg der Special Effects, von einer ebenso perfekten wie leeren Imponier-Maschinerie, die alle Individualität und alle Emotionen konsequent verbannt hat.

Ich finde „das größte Filmspektakel aller Zeiten“, wie der Stern letzte Woche auf zwölf Farbseiten behauptete, ziemlich öde und langweilig: Kein „Weltraum-Märchen“ (denn Märchen haben mit Menschen und ihren Gefühlen zu tun), sondern ein eiskaltes Spekulationsobjekt, das sich von den schönen Traditionen Hollywoods, die George Lucas hier bedenkenlos plündert, so weit entfernt hat wie der Rebellen-Kreuzer „Millenium Falcon“ von unserer Milchstraße. Ein Schauspieler wie Alec Guinness, der eine richtige Rolle zu spielen hat (den weisen alten Krieger Obi-Wan Kenobi), für den und für dessen Geschichte man sich interessiert, wirkt wie ein rührendes Relikt aus freundlicheren Zeiten. So wird er denn auch per Laserstrahl niedergemetzelt.

Wenn dieser Film ein Vorbote des Kinos der Zukunft sein sollte, dann muß man Angst haben um die Zukunft des Kinos. Der Tag könnte kommen, an dem es nur noch heißt: Tilt!

Hans C. Blumenberg