Von Adolf Metzner

Für den Ruhm des Ägyptischen Museums in Berlin sorgt seit langem die Kalksteinbüste jener einäugigen Schönheit namens Nofretete, deren Popularität nicht einmal von der geheimnisvoll lächelnden Dame Mona Lisa im Pariser Louvre übertroffen werden kann. Bei der Ausstellung über die Amarnazeit (um 1350 v. Chr.), zu der in drei Städten der Bundesrepublik unlängst etwa eine Million Menschen zusammenströmten, war Nofretete neben ihrem Gemahl Echnaton der größte Anziehungspunkt, obwohl das Original in Charlottenburg geblieben war. Die Ausstellungsbesucher in München und Hildesheim mußten sich mit einer täuschenden Nachbildung begnügen; die Kostbarkeit und Zerbrechlichkeit der Königin, vor allem ihre Gipsauflage, erlauben keine Reisen,

Gefunden wurde die Büste der Nofretete von deutschen Gelehrten, die von 1911 bis 1914 in der riesigen Reißbrettstadt Achet-Aton des großen Revolutionärs Echnaton gruben. Dort war sie bei der überhasteten Flucht seiner Anhänger aus der Stadt zurückgelassen worden, als die konservativen Kräfte, vor. allem die Priesterschaft, wieder die Macht an sich gerissen hatten. In den Magazinräumen der Werkstatt des Bildhauers Thutmosis fanden sich noch weitere prachtvolle Köpfe aus Stück, die heute auch im Berliner Museum zu bewundern sind.

Die Büste Nofretetes stürzte einmal von einem Abstellbrett, trug aber nur geringfügige Beschädigungen an den Ohren und an der mächtigen Krone davon. Der Gedanke lag nahe, daß sie bei diesem Sturz auch das heute fehlende Auge verloren habe. Aber es wurde im Werkstattschutt nicht gefunden.

Der berühmte Kopf war sehr wahrscheinlich nur eine Vorlage oder ein Modell für die Anfertigung weiterer Porträts der Königin. Ungeachtet dessen geht von dieser „Skizze“ eine ungewöhnliche Faszination aus, der sich kaum ein Beschauer entziehen kann. Man darf sich nicht mit einigen flüchtigen Blicken auf das raffiniert gestaltete Bildnis begnügen, man muß mit ihm längere stumme Zwiesprache halten, bis es zu reden beginnt. Dann wirkt Nofretete erstaunlich modern, wie eine schöne, vornehme Frau, mit einem Make-up von heute. Ein Bildnis, das mit solchem vibrierenden Leben erfüllt ist, war wohl nur in der Amarnazeit möglich, wo Echnaton als Pharao die alten Götter stürzte und eine monotheistische Religion mit dem Sonnengott Aton inthronisierte.

Er selbst ließ sich mit Nofretete und seinen Kindern in rührenden Familienszenen darstellen, was vorher bei der strengen hierarchischen Ordnung der Kunstdarstellung nicht möglich gewesen wäre. Die ägyptische Kunst war in ihrer Formsprache festen Regeln unterworfen, die beileibe nicht mit Rückständigkeit oder gar Primitivität verwechselt werden dürfen. In der Amarnazeit brechen diese verkrusteten Formen auf und zeigen manchmal geradezu expressionistische Züge. Das wird bei den Echnaton-Bildnissen in Berlin besonders offenkundig. Die eindrucksvolle Häßlichkeit des Pharaos – so wurde vermutet – sei auf eine hormonelle Störung – als Akromegalie in der Medizin bekannt – zurückzuführen.

Aus der Zeit, in der sich Ägyptens Kultur ihrem Ende zuneigte, findet der Besucher des Berliner Museums zwei Bildnisse, die vor Vitalität geradezu strotzen. Der sogenannte „Grüne Kopf“ springt einen mit seiner energiegeladenen Wucht förmlich an. Ein weiterer Statuenkopf von hoher Qualität aus diesem Umkreis konnte 1965 für das Museum erworben werden.