Schwarze Romantik und Surrealismus im Nachkriegs-Wien

Von Oswald Wiener

„Wissen Sie“, sagte Paolo Farkas, „daß wir gar keinen freien Willen haben.“ Vielleicht ein bißchen, grübelte Goldenberg als er nach Hause ging.

Die Angehörigen meiner Generation können heute die ungeheuerliche Erscheinung wahrnehmen, daß gewisse Gedanken der fünfziger Jahre zu Personen geworden sind; als seien die Vorstellungen zu kompliziert und in ihren gegenseitigen Einwirkungen und in den Folgerungen zu unübersichtlich geworden, scheinen sie aus den Köpfen hinausgestellt, in der „Wirklichkeit“ nachgestellt, mit Menschen aufgeschrieben, die man leicht für bloße Zeichen hält. Unausgedrückt ist freilich das Wichtigste geblieben, nämlich das, was jene Gedanken herausgefordert hatte, das Motiv, von dem sie unbeholfene Näherungen geblieben sind, weil die zeitgenössische Problemkulisse, deren Konturen die Äußerungen notgedrungen annehmen, mit den gesuchten Inhalten nicht kommensurabel war. Dieses Motiv war, so scheint es mir und so fühle ich es auch, die Ahnung, daß wir nicht nur von einer „bürgerlichen“ Kultur, sondern von jeder, insbesondere auch von all dem, was seit zweihundertfünfzig Jahren oder länger als Wahrheit, Sinn und Erkenntnis gegen die bürgerliche Kultur vorgebracht worden ist, in der Beweglichkeit unseres Denkens und in der Entfaltung unserer Möglichkeiten des Verstehens, in unserem Umgang mit „Fakten“, in unseren Versuchen der De-Identifikation gehemmt worden sind. Der Protest war nicht gegen einen bestimmten Staat oder sonst eine Folklore, sondern gegen Staat, Sprache, Konsens, Verfahren, Modelle, „Denkgesetze“; nicht gegen Verhaltensstile, sondern gegen die Formen des eigenen Denkens. Daß er, für meinen Geschmack, nicht einmal annähernd ausgedrückt worden ist, liegt hauptsächlich daran, daß wir den Schmerz der Widersprüchlichkeit und die Blamagen der Banalität gescheut haben, daß Folgerichtigkeit uns immer wieder in die Irre führt, daß wir nach Bewährung trachten statt uns zu entbehren. Auch haben uns die erbärmlichen Bildungsmöglichkeiten jener Zeit eine Falle gestellt, die es der Jugend nahelegten, in den von den übriggebliebenen interpretierten Protesten früherer Generationen Anleitung zu suchen: Unsere Formulierungen sind in den Formen steckengeblieben, die wir als „revolutionär“ zu geschwind übernommen hatten, bloß weil sie immer noch aufreizend gewirkt haben. Und drittens waren wir zu alt, als wir begriffen hatten, daß wir die ganze Bildung würden durchmachen müssen. Dieser Aufstand wird mit den konnten, die sich ihn nicht deutlicher machen konnten, Verschwinden. Was für die Taktik zu befürchten war, ist weitgehend schon eingetroffen: In den Versuchen, eine „neue“ Sinnhaftigkeit zu mobilisieren, überlebt der alte Sinn. Die selben Sätze, Ausdrücke und Stile, die wir provisorisch benutzt haben, um einen Aufbruch zu beschreiben, bezeichnen nun wieder das, dessen Uberwindung sie einleiten helfen haben sollen, das Werkzeug ist abgeglitten; ja, die angeblichen Schilderer dieser Epoche haben, zum Beispiel Truffaut oder Godard, indem sie die „Atmosphäre“ rekonstruierten, nichts als eine Sprache beschrieben und deren Gegenstand verfehlt (als berichte ein Mensch seine Gedanken, und ein Stilist untersuche die Ausdrücke, die jener verwendet). Voreilige und oberflächliche Erörterungen in der viel flacher motivierten Öffentlichkeit haben die Spannung in den Individuen auf den sozialen Prozeß projiziert, in dem sie ohne Chance auf schöpferischen Ausdruck abgebaut wird. Die Darstellung der Gedanken durch Personen ist weder so schnell noch so komplex noch so vorläufig wie Gedanken; die Personifizierungen fahren sich unvermeidlich in der Geschichtlichkeit fest; die Übersetzung in Psychodramen zwingt jene Ansätze in eine besonders unbewegliche Grammatik, deren Eigengesetzlichkeit die kaum erfaßten Inhalte ganz zuschüttet.

Sicherlich trägt zu diesem meinem Eindruck bei, daß man im Wien meiner Adoleszenz keinerlei Wahl in seinem Umgang hatte, während ich heute in der Massengesellschaft lebe. Es war nicht möglich, einen Menschen nicht wahrzunehmen, bloß weil er Ansatzpunkte und Themen herumtrug, die den eigenen zuwiderliefen. Der Druck der kompakten Gesellschaft hielt alle Divergenzen der Außenseiter zusammen, man mußte sich detailliert auseinandersetzen und war gezwungen, sich in Bahnen einzudenken, die man nicht freiwillig gewählt hätte. Manche meiner Freunde hat das wie mich selbst in Versuchen gefördert, nicht das zu sein, was man denkt, sondern das eigene Denken wie ein fremdes wahrzunehmen. Heute sind, scheint es, verhältnismäßig wenige Formulierungen auf eine Unzahl von Menschen verteilt, von denen jeder mit dem auf ihn entfallenden Fetzen zufrieden ist; es fällt leicht, den Mann abzuweisen, da sein Vortrag so beschränkt ist und die Auswahl unter den anderen Bruchstücken so groß. Kommt es dennoch zu Auseinandersetzungen, so finden sie in einem Jargon beliebigen Begreifens statt, der Ideen in Originalitäten erdrückt, und Widerspruch dient nur mehr zum „Markieren“ von „Positionen“, wo sich der Naive durch das Profil seiner Bedürfnisse disqualifiziert.

Schriftstellerische Arbeit damals hat einige von uns schnell zu der Einsicht geführt, daß die wichtigsten Einsichten in die Natur des Denkens und der Mitteilung fehlten. Für den einen oder anderen war vielleicht gerade das ein Grund, an den Wert der Dichtung zu glauben. Aber in dem für mich einzig bedeutenden Teil, der heute so genannten Konkreten Poesie war sie ein Experi- . ment, sich über die Mechanismen des Verstehens und des „Wirkens“ von Sprache erste Hypothesen zu verschaffen. Selbstverständlich ist Konrad Bayer nie ein „konkreter Dichter“ im Sinne der heutigen Anthologien gewesen. Er war auch nicht in erster Linie ein Schriftsteller (dessen Leben dazu dient, ein Werk zu begleiten oder zu illustrieren); das meiste, was in Form von Anregungen und Ideen von ihm ausgegangen ist, erscheint in seinen Schriften nicht, oder jedenfalls nur so tastend, wie es sich in den damals möglichen Formulierungen unterbringen ließ. Das Schreiben ist nicht ein Mittel künstlerischer „Darstellung“ gewesen, sondern ein Instrument zur Untersuchung von Denkvorgängen und für den Schreibenden ein natürlicher Hebel zum Hinausschieben seiner im Schreiben ihm merkbar werden Vorstellungsschranken.

Konrad hat durch seine persönliche Anwesenheit und durch sein Gespräch weit stärker und folgenreicher gewirkt als durch seine Arbeit, die man seither als „Avantgarde“ in Traditionen gestellt hat, wie man es tut, um den „Dichter“ aus Klischees zu synthetisieren. Gegen die Heimholung (er gilt hie und da bereits als Vorläufer seiner Mißversteher) wird mehr über den Mann gesagt werden müssen.