Von Mel Tassin

Wir wissen“, notierte die Monde Illustre im Oktober 1866, „wie skeptisch die Pariser die Eröffnung einer Pferdeschlachterei belächeln. Nun gut! Trotz aller Späße – Tatsache ist: jetzt wird Pferdefleisch verkauft und gegessen. Was für ein Segen für die Arbeiter! Das Bürgertum kommt auch langsam auf den Geschmack.“

Frankreichs Frauen, Bürger und Arbeiter sind dem Pferd treu geblieben. Über ein Jahrhundert seit der Eröffnung der ersten „Boucherie Chevaline“ oder „Boucherie Hippophagique“ am Pariser Place d’Italie symbolisieren die goldbemalten Pferdeköpfe aus Plastik oder Metall, die, zuweilen umrahmt von dünnröhrigen Lampen in Hufeisenform, die Pferdeschlachtereien schmücken, französische Küche und Tradition.

1500 Pferdeschlachtereien existieren allein in der Hauptstadt, etwa 3500 im Land der Feinschmecker insgesamt. Kein Tierschutzverein protestiert, statt dessen werden im Parlament Anfragen eingebracht, wie die französischen Schlachtpferd-Züchter gegen Importe geschützt werden können.

Natürlich, kein Gastronom, der an seine Zukunft denkt, wird Steak vom Pferd auf seiner Karte anbieten. Kaum ein französisches Kochbuch preist spezielle Rezepte für die Koch-Klepper an. Im 16. Arrondissment, dem Luxusviertel von Paris, ist Pferd mit Sicherheit nicht societywürdig. Aber: in den Arbeitervierteln und in jenen Stadtteilen, in denen die Bourgeoisie die Ärmeren verdrängte, wird das Pferdefleisch geschätzt, das schon Sokrates und den Medizinern der Hindus, den Germanen sowie auch Attila und seinen Hunnen heilig war, oder als Heilmittel gegen Abmagerung und Krankheiten in der Brust, nämlich Tuberkulose, galt. Sie wußten damals: im Pferd steckt Kraft. „Er hat Pferd gegessen“ („il a mangé du cheval“), ist im Französischen keine Beleidigung, sondern die Charakterisierung einer dynamischen Persönlichkeit. Unverständlich erscheint es deshalb der französischen Pferdeschlachter-Gewerkschaft, daß Briten, Amerikaner und Deutsche bei dem Gedanken erschaudern, sie müßten die Tiere verzehren, auf denen königliche Wachsoldaten, Cowboys und Josef Neckermann aufsitzen, um für die Gloire der Nation zu retten.

„Welches Tier wird denn gesünder ernährt“, will die Fleischer-Innung wissen, „als eben das Pferd. Nur Heu und Hafer. Da soll mal einer versuchen, Pferden Chemikalien unter das Futter zu mischen.“

Nachdem Rußlands Feldmarschall Michail Kutusow Napoleons Truppen zum Rückzug gezwungen hatte, verzehrten die geschlagenen Franzosen auf der Flucht ihre Gäule – eine Tradition begann, die Frankreich heute zur größten Pferde-Esser-Nation der Welt macht.