München

Für CSU-Generalsekretär Gerold Tandler ist der Fall ein Verbrechen ohne Motiv. Was Kriminalisten nicht glauben mögen, verteidigte der Parteimanager am Montagnachmittag mutig vor der Presse in München. „Ich habe keine Veranlassung, seiner Darstellung keinen Glauben zu schenken“, verkündete der um das Image seiner Partei zwei Wochen vor der bayerischen Kommunalwahl besorgte Tandler.

Als erster CSU-Offizieller wagte er sich an jenen Fall heran, der Beobachter teils erschüttert, teils verwirrt und teils belustigt: das Verschwinden des CSU-Auslandsreferenten Dieter Huber, 30 Jahre alt. Für, Tandler, der sich im Wahljahr keinen Makel auf der Parteiweste leisten kann, ist die Sache klar: Huber wurde entführt. Doch niemand weiß so recht, was den hageren Referenten mit den „Narben auf dem Rücken der großen schiefstehenden Nase“(Polizeibericht) eigentlich für Kidnapper interessant machen könnte. Und weil niemand Geld oder sonstige Leistungen forderte und die Polizei trotz intensiver Suche weder Spuren noch Zeugen finden konnte, quält die Ermittler derzeit arger Zweifel an der Story, die Huber ihnen erzählte.

Danach wurde der Mann, der Parteichef Franz Josef Strauß auf Auslandsreisen begleitete und der die CSU auch sonst bei internationalen Verpflichtungen vertrat, Montagfrüh letzter Woche kurz nach sechs Uhr aus seiner Tiefgarage in München entführt.

Bis zum späten Nachmittag erfuhren nur wenige Eingeweihte bei der CSU und natürlich die Polizei vom Verschwinden Hubers. Es muß also ein Wissender gewesen sein, der jenen Erpresserbrief aufgab, den das Münchener Bahnpostamt um 16 Uhr abstempelte. Er traf am nächsten Morgen im Landesbüro der deutschen Presseagentur (dpa) ein. In Lettern aus einer „Schreibpistole“, mit der sonst Türschilder gestanzt werden, gab eine bisher unbekannte Gruppe mit dem Kürzel „KGS“ bekannt: „Wir haben den Auslandsreferenten von Franz Josef Strauß, Dieter Huber, entführt. Jetzt kann Strauß zeigen, wieviel ihm die Freiheit und ein menschliches Leben wert sind.“

Schon dieser Brief kam der Polizei komisch vor. Abgesehen davon, daß die Entführer keine Gegenleistung für ihre Geisel forderten, ist nicht nur der Begriff „menschliches Leben“ (statt „Menschenleben“) ungewöhnlich, sondern auch die Bezeichnung „Auslandsreferent“. Kein Mensch wußte bis dahin, daß CSU-Chef Strauß einen Auslandsreferenten beschäftigt, der zudem bei der CSU diesen Titel nicht einmal trägt.

Getreu dem kriminalistischen Vorsatz, daß dann, wenn es keine konkreten Ansatzpunkte gibt, schlichtweg alles möglich ist, stocherte die Polizei mit der Stange im Nebel. Und der Bestand aus Gerüchten und Spekulationen, die häufig bis an die Grenze der Verleumdung gingen. Da wurde von Schwierigkeiten in Hubers Ehe gemunkelt, von dicken Schulden, Frustrationen im Beruf, einer Kurzschlußhandlung sowie dem Verdacht, der Referent sei womöglich „abgetaucht“, zumal um Strauß in letzter Zeit beim Abhörfall viel von Geheimdiensten und illegalen Aktionen die Rede war. Schließlich ließ sich auch die Entführungstheorie nicht völlig von der Hand weisen, wobei die Frage auftauchte, ob sich nun auch hierzulande Terrortäter nach dem italienischen Negativvorbild an die kleinen Helfer der schwerbewachten Großen heranmachen.