Martin Walsers Novelle „Ein fliehendes Pferd“

Von Benjamin Henrichs

Als Franz Horn, Angestellter, 44 Jahre alt war, merkte er eines Tages, daß er keine Lust mehr hatte. Er schluckte Schlaftabletten und nahm sich das Leben. Doch sogar der Selbstmord mißlang ihm. Das war 1976 und passierte in Martin Walsers Roman „Jenseits der Liebe“.

Zwei Jahre später betritt ein neuer Walser-Held die Szene: Helmut Halm, 46 Jahre alt, Oberstudienrat in Stuttgart. Ein freundlicher Mensch, einer, der sich beherrschen kann. Doch eines Tages verübt auch er eine Art Gewalttat. Bei einem Segelausflug auf dem stürmischen Bodensee stößt er seinem Jugendfreund Klaus Buch die Pinne aus der Hand, der Freund stürzt rückwärts ins Wasser, versinkt in den Fluten. Doch auch Helmut Halms Gewaltakt mißlingt, der Freund kann sich retten. Man wird also wieder mal, ein bißchen beschämt vermutlich, weiterleben. So steht es in –

Martin Walser: „Ein fliehendes Pferd“, Novelle; Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1978; 151 S., 17,80 DM.

Helmut Halm lebt, wie Franz Horn, längst „jenseits der Liebe“: Ein Mann, den Fünfzig nahe, ein Mann mit Bauch, dem der eigene Körper längst fremd, ja widerwärtig geworden ist. Das Sexualleben mit seiner Frau (Sabine) ist im beiderseitigen stillschweigenden Einvernehmen seit längerem beendet. Sie sind ein „alt werdendes Paar“, haben das gleiche „abschüssige Lächeln im Gesicht.“ Helmut weiß, daß für ihn die Zeit der Siege, der Eroberungen vorbei ist; weil er aber kein besonders tapferer Mensch ist, Niederlagen nach Möglichkeit gerne vermeidet, geht er längst kein Risiko mehr ein, sich irgendeinem anderen Menschen zu öffnen. Er ahnt, daß jede Bekanntschaft, Freundschaft, Liebe nur ein verräterisches Ereignis werden kann, eines, an dessen Ende er besiegt und kläglich dastehen würde. Also legt er auf Bekanntschaft, Freundschaft, Liebe scheinbar keinen Wert mehr, nicht einmal auf die Erinnerung daran. Fast fünfzig Jahre alt, ist er fast schon gestorben: „Er hatte praktisch nicht gelebt. Es war nichts übrig geblieben. Hinter ihm war so ziemlich nichts. Wenn er sich erinnern wollte, sah er reglose Bilder von Straßen, Plätzen, Zimmern. Keine Handlungen. In seinen Erinnerungsbildern herrschte eine Leblosigkeit wie nach einer Katastrophe... Er spürte, daß in ihm das Abenteuer endgültig zu Ende gegangen war. Das Erzählbare überhaupt

Helmut ist, wie alle Walserschen Helden seit Anselm Kristlein, ein Verlierer. Sein einziger Genuß ist es, seiner täglichen Niederlage mit grimmiger Befriedigung zuzusehen. Seine einzige Angst, daß man ihm auch diesen bescheidenen Selbstgenuß noch zerstören könnte. Er wünscht sich nur noch, daß man ihn in Ruhe läßt. Am besten für immer.