Was seit der Jahrhundertwende mit Kindern geschehen ist, was die Kinder von heute im Vergleich zu den Kindern von damals gewonnen und was sie verloren haben, ist gerade den Kindern unserer Zeit nur schwer zu erklären. Wer aber meint, daß gerade diese Kinder Geschichtsbewußtsein brauchen, daß man dem Kinderwunsch "Erzähl doch mal von früher!" nicht nur als Zeitvertreib nachkommen sollte, der wird Kindern nicht nur historische Romane und Sachbücher, also Geschichte aus zweiter Hand geben wollen, sondern er wird gern zu den Quellen zurückgreifen – sofern sie verfügbar sind. Reichlich Gelegenheit dazu bieten Neuauflagen alter Kinderbücher und Nachdrucke seltener Erstausgaben, wie etwa

Hermann Kaulbach: "Bilderbuch"; dtv junior, München; 54 S., 6,80 DM.

In diesem Bändchen findet man in der um die Jahrhundertwende beliebten Genremanier Gedichte und Geschichtchen von Adelheid Stier, einer Lehrerin aus Potsdam, mit allen Vor- und Nachteilen jener Zeit: Moral und Betulichkeit also neben Herzlichkeit und Nestwärme, Kinderspiel im Schonraum neben Hinweis auf frühe Pflichten. Ein Stückchen Zeitgeschichte, vorsichtig bearbeitet und mit neuer, aber passender Schrift ausgestattet, damit es die Leseanfänger von heute entziffern können: ein Buch, das ein Stück Kinderwelt darstellt, in der es auf gemütvolle Weise schon mehr um Umweltprobleme, Sozialkritik und Recht auf Bildung ging, als man vermuten mag.

Die "bibliophilen Taschenbücher" der Harenberg Kommunikation, eine neue Reihe, "bieten berühmte und originelle Titel der vergangenen Jahrhunderte... und vermitteln damit ein unverfälschtes Bild vom Stil und Geschmack der Zeit, in der die Bücher erschienen sind", wie der Verlag im Ankündigungstext schreibt. Die erste Serie der – verkleinerten – Nachdrucke enthält drei Titel, die Kindern mit dem heute mangelhaften Unterricht in Deutsch und Geschichte zumindest ein Stück von dem vermitteln, was sie eigentlich kennen und wissen sollten –

"Lieder der Heimath", herausgegeben von Ludwig Bund; Harenberg Kommunikation, Dortmund; 236 S., 7,80 DM,

eine Sammlung aus dem Jahre 1868, in der sich Goethe und Saphier treffen, Romantik mit frommer Erbauungslyrik. Die "Vorzüglichsten Dichtungen" (Untertitel), mit Illustrationen von Achenbach, Schwind, Hosemann und anderen – das ist ein Vergnügen zu lesen, das zeigt Kindern, was Gedichte sind und waren, vermitteln ihnen Stimmung, Kraft und Grenzen dieser Jahre nach dem nationalen Aufbruch, Revolution und Restauration, sagt ihnen etwas über Kulturgeschichte, über Reim, Fraktur und Kitsch. Das sollte man mit Kindern zusammen lesen, sollte es ihnen für die Schulbücherei schenken. Es ist eine Fundgrube, Kinder kann es zum Selberdichten anregen – und Erwachsene dazu, sich wieder einmal mit fast vergessenen Schriftstellern zu befassen, mit Arndt und Rückert, Platen und Uhland. Ebenso ein Gewinn ist

Harriet Beecher-Stowe: "Onkel Tom’s Hütte"; 557 S., 12,80 DM,