ARD, Mittwoch, 8. März, 20.15 bis 21.40 Uhr: "Haus der Frauenrock dem Schauspiel von Zofia Nalkowska, Regie: Krzysztof Zanussi, Kamera: Witold Sbocinski, Musik: Wojciech Kilar; vom Saarländischen Rundfunk

Polen haben diesen Film gemacht. Vom ersten Bild an ein Schwelgen in Farben, Tönen, Landschaftsbildern, stimmungsvollen Porträtaufnahmen im Gegenlicht; auch der sanfte symbolische Fingerzeig fehlt nicht: Während Pferde, mit gesenktem Kopf, ruhig grasen, prescht eines in der anderen Richtung davon, mit fliegender Mähne, aus der Enge, aber auch Sicherheit des gerahmten Bildes – in die Freiheit?

Der polnische Regisseur Krzysztof Zanussi und sein Team erliegen den Verführungen, die der Film bietet, so sehr, daß darüber der Kern des Dramas, das sie vorführen, angeknackt wird. Das als analytisches Drama gebaute Seelengemälde einer Gruppe von sechs Frauen, das die mehr als Erzählerin denn als Dramatikerin bekannte Zofia Nalkowska (1885–1954) im Jahr 1930 herausbrachte, lebt ganz aus der Spannung von Innen und Außen, Haus und Natur, Seelengefängnis und freier Landschaft. Draußen ist die feindliche Welt der Männer, der Lüge, der Leidenschaft – aber eben doch des Lebens, während hinter den Vorhängen eines düsteren Herrensitzes nur Schatten vegetieren. "Es gibt so viele Tote in diesem Haus", klagt eine der Frauen, die sich um die Großmutter der Sippe scharen, weil sie merken, "daß sie allein und überflüssig sind. Hier sind alte Weiber, die niemand braucht. "Dadurch, daß Zanussi solche Klagen im Freien sprechen läßt, beim Spazieren im Park, an der Kaffee-Tafel im sommerlichen Garten, opfert er den dramatischen Gegensatz Interieur-Natur zugunsten schöner Stimmungsbilder aus der Spätzeit einer in Untätigkeit und Selbstmitleid versinkenden Welt der Bourgeoisie.

Im knappen Ablauf eines Tages, von morgens bis mitternachts, kommt die Wahrheitssuche an ihr Ende, werden die Frauen in ihrem Totenhaus mit der Wirklichkeit des Lebens konfrontiert. Die psychologische Studie über die Töchter, Enkelinnen, Schwiegertöchter, die als Witwen oder von Männern Verlassene in die Villa der Großmutter wie in ein Asyl für die vom Leben geschlagenen Frauen kommen, beginnt mit einer Alptraum-Szene: Mit aufgelöstem Haar wälzt sich eine junge Witwe im Bett. Hart dagegengeschnitten die schmallippig-adrette Tante, die sich im Nebenzimmer das Haar straff bürstet und faszniert-angewidert dem Stöhnen nebenan lauscht: Dies hat sie, die als ebenso junge Witwe vor Jahrzehnten in das Haus kam, hinter sich; in strengem Zeremoniell der Trauer sind, Sehnsüchte und Wünsche abgetötet.

Die junge Witwe quält sich vor allem, weil ihr sittenstrenger Mann gestorben ist, ohne daß sie ihm die einzige Verfehlung hätte gestehen können. Getrieben von einer "dunklen Macht" hat sie sich, einmal, einem "Unbekannten" hingegeben. Aus ihren Ängsten – und Illusionen – wird die im starren katholischen Moralkodex erzogene Frau gerissen, als sich eine junge Frau gewaltsam Zutritt zum Haus verschafft und Geld fordert mit den Worten: Ihr Mann war mein Vater." Die Witwe hört, daß ihr vermeintlich an Überarbeitung gestorbener Mann ein Doppelleben geführt und mit einer Tänzerin drei Kinder hat. Ein ähnlicher Konflikt droht jetzt dem Mädchen. Es fühlt sich geschmeichelt durch die Werbung eines reichen, verheirateten Mannes, den sie noch flieht, dem sie sich aber schon verfallen weiß. Zwar läßt sie sich von der traurigen Atmosphäre dieses "Frauenhauses" einlullen, doch als der Mann nachts ums Haus streicht, flieht sie zum Entsetzen der anderen Frauen hinaus – ins Leben, in ihr Verhängnis.

Emanzipation nicht als Kampfruf, sondern als Klage über verpfuschtes Leben, ähnlich der in García Lorcas Frauen-Drama "Bernarda Albas Haus". Zanussi dämpft die Rührseligkeit des redseligen Stückes, indem er den Chor der sechs Frauen auflöst in Individuen mit ihrem eigenen Schicksal. Daß man diesem Lamento (in Gabriel Laubs Übersetzung) aufmerksam folgt, ist nicht nur das Verdienst des hervorragenden Teams aus Polen, sondern vor allem der nie in Sentimentalität ausweichenden Schauspielerinnen. Einen Frauenfilm in so großartiger Besetzung werden wir nicht bald wiedersehen: Lina Carstens und Cordula Trantow, Brigitte Horney und Joana Maria Gorvin, Karin Baal und Eva Maria Meinecke, Edith Schultze-Westrum und Brigitta Furgler. Rolf Michaelis