Von Hans C. Blumenberg

Preise hat es natürlich auch gegeben in Berlin, aber man darf wohl nicht allzu ernst nehmen, was sich die illustre Jury unter dem Vorsitzder amerikanischen Schriftstellerin Patricia Highsmith nach langen Diskussionen ausgedacht hat: Die Vergabe des Goldenen Bären an die beiden spanischen Beiträge „Die Forellen“ und „Die Worte von Max“ löste kaum mehr als ungläubiges Staunen aus. Und auch der Regie-Preis für den Bulgaren Georgi Djulgerov („Der Vorteil“) und der Silber-Bär für den besten Erstling anKubas „Der Lehrer“ (Regie: Octavio Cortazar) dürften letztlich eher mit politischem Kalkül als mit künstlerischer Qualität zu tun haben. Daß Gena Rowlands, deren Porträt einer psychisch gestörten Schauspielerin John Cassavetes’ „Öpening Night“ zu den stärksten Eindrücken dieses Festivals gehörte, die Auszeichnung als beste Darstellerin bekam, tröstet nur wenig.

Das Wettbewerbs-Programm der 28. Berlinale bot nicht viel, woran sich zu erinnern lohnt, kaum Filme, die man demnächst im Kino wiedersehen möchte. Mit seinen „Schachspielern“ bewies der große indische Regisseur Satyajit Ray wieder einmal seine Meisterschaft: ein ironischer, vielfach gebrochener Essay über den britischen Kolonialismus in Indien, die Geschichte zweier einheimischer Lebemänner, die sich mit nonchalanter Dekadenz so lange ihrem Müßigang hingeben, bis ihre von Stil und Tradition geprägte Welt restlos zusammenbricht. Interessant auch “Der Tod des Präsidenten“ des Polen Jerzy Kawalerowicz, die geradezu fanatisch detaillierte Rekonstruktion der Präsidentschaftswahl des Jahres 1922 und ihrer unmittelbaren Folgen: Die dokumentarische Präzision des Regisseurs von „Nachtzug“ und „Mutter Johanna von den Engeln“ läßt konventionelle Kino-Dramaturgie weit hinter sich – eine Folge endloser Rede-Duelle, die, im Zeichen einer ersten faschistischen Bedrohung, alle Subtilitäten polnischer Innenpolitik auskostet, Historiker freilich mehr befriedigt als Cinephile.

Nicht im Wettbewerb, aber immerhin im offiziellen Programm: Claude Millers französische Highsmith-Adaption „Der süße Wahn“, eine von Gérard Depardieu mit nervöser Energie gespielte Studie über einen Psychopathen. Und – ein fest fast schon für Nekrophile – der gewiß letzte Auftritt der 85-jährigen Mae West, die in „Sextette“ von Ken Hughes mit brüchiger Stimme und unsicherem Gang eine manchmal rührende, meist aber nur pervers komische Imitation ihrer Legende als „Statue, of Libido“ liefert: Der – schamlose Auftritt einer unwürdigen Greisin, die sich hier mit Rock-Stars von der Statur eines Ringo-Stars und eines Alice Cooper umgibt. Wenn Film, wie Rossellini meinte, bedeutet, dem Tod bei der Arbeit zuzusehen, dann muß man „Sextette“ einen bewegenden Film nennen.

Berlin 1978: ein schwacher Wettbewerb, aber kein schlechtes Festival. Wer sich nicht allzu sehr irritieren ließ vom bunt zusammengewürfelten Allerlei im Zoo-Palast, kam dennoch leicht auf seine Kosten. Einmal ist es Wolf Donner und seiner Mannschaft rasch gelungen, die Berlinale in einer entspannten, freundlichen Atmosphäre stattfinden zu lassen, die, anders als das Tollhaus von Cannes, zum Reden und Reflektieren einlädt, zum anderen beweist sich die Attraktivität dieses Festivals zunehmend als repräsentatives Schaufenster des deutschen Kinos. An die fünfzig neue deutsche Filme waren in Berlin zu sehen, im Wettbewerb, im Forum des jungen Films, in einer 1977 neu konzipierten deutschen Reihe, in Messe- und Sonder-Vorführungen: ein kaum noch überschaubares Ensemble von Namen und Titeln, attraktiv auch und zumal für die ausländischen Besucher, die sich hier zwölf Tage lang einen konzentrierten Überblick über die Vielfalt der deutschen Produktion verschaffen konnten.

Während die aktuelle filmpolitische Diskussion den Schluß nahelegt, mit dem deutschen Kino gehe es bald zuende, wunderten und freuten sich die Berlinale-Besucher über die Lebendigkeit des vermeintlichen Todeskandidaten; auch wenn die meisten der neuen deutschen Filme alles andere als fröhlich sind.

„Deutschland im Herbst“: nicht nur der Titel des mit besonderer Spannung erwarteten, vom Filmverlag der Autoren initiierten Gemeinschafts-Unternehmens einiger bekannter deutscher Regisseure über die Folgen von Schleyer, Stammheim und Mogadischu, sondern auch geheimes Leitmotiv der gegenwärtigen-nationalen Produktion: grausamer Schulstreß und entsprechend grausame Schüler-Phantasien in Hark Böhms „Moritz, lieber Moritz“, einem mit cleverem kommerziellen Kalkül inszenierten Pubertäts-Drama, dessen mitunter fast unerträglich grobschlächtigen inszenatorischen Tricks dennoch eine überzeugende Wut und emotionale Stärke nicht verdecken; Arbeitslosigkeit und Autoritätsangst in Uwe Brandners drittem Spielfilm „Halbe-Halbe“, der Versuch eines lockeren Schwabing-Films zehn Jahre nach der Hochzeit der Schwabing-Filme, aber eben schon ganz schön abgeschlafft, mit grauen Witzen und einer schönen Sehnsucht nach wärmeren Zeiten.