Von Claus Voland

Die Schlacht um die kooperative Schule in Nordrhein-Westfalen ist geschlagen. 3,6 Millionen der wahlberechtigten Bürger, das sind dreißig Prozent, haben sich gegen die Koop-Schule entschieden. Die CDU feierte "ihren" Sieg lautstärker als die Bürgeraktion. Der SPD-Landesvorsitzende Johannes Rau sprach mannhaft von einer "Niederlage" für seine Partei. Die Freien Demokraten versuchen, wie häufig bei kritischen Situationen, sich herauszuhalten. Doch was nun?

Welche Auswirkungen kann das Volksbegehren, also die Ablehnung der Koop-Schule, für die einzelnen Städte in Nordrhein-Westfalen haben? Claus Voland berichtet aus zwei kleineren Gemeinden. Die eine, Eslohe im Sauerland, wird voraussichtlich ihre Realschule in fünf bis sechs Jahren schließen müssen; die andere, Kirchlengern in Ostwestfalen, muß auf eine neue Realschule verzichten.

Auf den Verkehrsschildern vor der Schule prangt noch der Aufkleber "Stoppt – Koop"; Überbleibsel der zweiwöchigen Kampagne gegen die Kooperative Schule. In der saarländischen Gemeine Eslohe erzielte die "Bürgeraktion Volksbegehren" besten Ergebnisse, 3411 wahlberechtigte Bürger von 5830 trugen sich in die Listen ein. Damit stimmten 58,51 % der Esloher gegen die ungeliebte Schule.

Der katholische Gemeindepfarrer Johannes Ahrens und der Arbeitskreis katholischer Eltern machten den Erfolg möglich. Der Geistliche hatte schon vor einem Jahr begonnen, seine Kirchengemeinde gegen die Koop-Schule, für ihn eine "Einheitsschule, die auf dem sozialistischen Mistbeet gewachsen ist", zu mobilisieren. Er wetterte nicht nur gegen die geplante organisatorische Zusammenfassung von Haupt-, Realschule und Gymnasium unter einem Dach, sondern auch gegen die Orientierungsstufe, die von allen Schülern der Klassen 5 und 6 besucht werden sollte. Der Pfarrer glaubt fest daran, die Orientierungsstufe schade den Kindern, weil sie in einem "ihrer Begabung nicht angemessenen Milieu" unterrichtet würden. Er schwört auf ein besonderes pädagogisches Rezept: Es sei doch für ein Kind, das vom Gymnasium wieder in die Hauptschule zurückgestuft werde ein Erfolgserlebnis, wenn es dann in Englisch gleich eine gute Note schreibe. Das geht nach dem Motto; auch im Abstieg noch ein Erfolg. Der Schüler weiß dann endgültig, wo sein Platz in der Gesellschaft ist Dieses pädagogische Credo des Pfarrers fand immerhin den Glauben der Mehrheit der Gemeinde.

Die SPD stand da auf einsamen Posten, zumal sie in den Augen der Einheimischen noch immer mit dem Makel einer "Flüchtlingspartei" behaftet ist. Die Befürworter der Koop-Schule mußten sich in Eslohe vorsichtig bewegen, wollten sie sich nicht den Zorn der keinesfalls toleranten Mehrheit zuziehen. Als der nordrhein-westfälische Kultusminister Girgensohn in der Aula der Schule sprechen wollte, drohte eine Frauenstimme telefonisch: "Wenn die Veranstaltung stattfindet passiert etwas Schreckliches; dies ist eine einmalige Warnung." Der Drohanruf kennzeichnet eine Atmosphäre, in der die sachliche Auseinandersetzung keine Chance mehr hatte.

Um nichts dem Zufall zu überlassen, sorgte der katholische Pfarrer dafür, daß seine Kirchgänger am Sonntag nur einen kurzen Weg zur Einschreibstelle hatten: die Listen Lagen im Pfarrgemeinderatssaal aus. Das war zwar etwas außerhalb der Legalität, aber der CDU-Gemeindedirektor Habbei gab schließlich seinen Segen dazu, denn gegen den mächtigen Pfarrherrn mochte er sich nicht stellen. Auch die örtliche CDU bekam den Einfluß des Geistlichen zu spüren. Die Christdemokraten von Eslohe wollten sich zunächst nicht am Volksbegehren beteiligen und es auch nicht unterstützen. Sie fürchteten ohne Kooperative Schule werde die Realschule des Ortes spätestens 1985/86 schließen müssen, weil die Schüler fehlen. Denn in nur vier Jahren sank die Zahl der Geburten um die Hälfte. 1972 wurden in Eslohe noch 172 Kinder geboren, 1976 waren es nur noch 86. So folgerte die Esloher CDU logisch: "Es ist nicht auszuschließen, daß die Koop-Schule langfristig deshalb die einzige Möglichkeit ist, das gegliederte Schulwesen in der Gemeinde zu erhalten." Doch die Esloher Christdemokraten mußten ihren Beschluß wieder kassieren. Die Landes-CDU zwang die Abweichler auf die Christdemokratische Einheitslinie zurück.