Von Josef Joffe

Eigentlich wollte Erich Kiesl Minister in Bayern und nicht Oberbürgermeister in München werden. Am vorigen Sonntag kürten ihn 51,4 Prozent der Wähler zum neuen Stadtoberhaupt, doch vor anderthalb Jahren hat sich der Staatssekretär des Inneren noch redlich gegen die Weihen der Kandidatur gesträubt. Er sagte: "Wenn einem der Innenminister ins Haus steht, überlegt man sich solchen Schritt dreimal."

Kiesls Zaudern hatte gute Gründe. Damals lag noch der populäre sozialdemokratische Amtsinhaber Georg ("Schorsch") Kronawitter im Rennen, und der hatte es immerhin auf 56 Prozent der Stimmen gebracht, als er 1972 in das Rathaus am Marienplatz einzog. Kronawitters Rivale, Winfried Zehetmeier, hatte bei der Wahl von 1972 nur knapp 38 Prozent geschafft. Auch wenn der "Sieben jährige Krieg" zwischen Links und Rechts schon seine ersten Blutspuren in den Reihen der Genossen hinterlassen hatte: München hielt in Treue fest zu seiner "königlich-bayerischen" SPD, die seit 1948 das Rathaus und das Oberbürgermeisteramt in Erbpacht genommen hatte. Außerdem: Im Innenministerium wartete Bruno Merks Ministersessel auf Erich Kiesl, und die Münchner Kommunalpolitik war immer noch ein glitschiges Pflaster für einen ehrgeizigen Unionspolitiker, Doch Ende 1976 hat Kiesl "gerne in den sauren Apfel gebissen".

Peitsche der Parteiräson

Woher dieser neue Appetit? Nun, Kronawitter hatte genug von seiner zerstrittenen Partei – und die Partei von ihm. Er sprang ab und überließ das Feld seinem Rivalen Max von Heckel, dem nur eines zum Erfolg fehlte: die rührigbodenständige Volkstümlichkeit, die in Bayern allemal schwerer wiegt als Ideen und Ideologie. Mit Kronawitters Abgang fiel dann eine der klobigsten Hürden. Und dann knallte Franz Josef Strauß mit der Peitsche der Parteiräson. Ihm, der die CSU in den Bundes- und Landtagswahlen von einem Triumph zum anderen geführt hatte, waren die sozialdemokratischen Enklaven in den Rathäusern des Freistaates schon seit langem ein rotes Tuch. In Kreuth hatte Strauß den "Nordlichtern" der Union Ende 1976 den Kampf angesagt; nun mußte er ihnen beweisen, daß seine schwarzen Bataillone auch die allerletzten Bastionen, die Städte, erobern könnten. Kurz nach Kreuth, in seiner berüchtigten "Wienerwald-Rede", blies er seinen stadtmüden Kämpen den Marsch: "Da holt’s doch Ihr Eure Genies ’raus aus der Versenkung Da erwarte ich, daß man sich schlägt."

Aus einer solchen Versenkung wurde der Ministeranwärter Erich Kiesl, Landtagsabgeordneter seit 1966 und CSU-Bezirksvorsitzender seit 1969, hervorgeholt. Strauß hatte ihn 1969 für den Münchner Parteivorsitz nominiert, doch Kiesl ist kaum eine Franz-Josef-Kreatur. Der 48jährige gehört zu den wenigen CSU-Größen, die aus ihrem Mißmut über den Kreuther "Trennungsbeschluß" nie einen Hehl gemacht haben. Manche munkeln sogar, Strauß habe den sehr quirligen Kiesl zum Jagen tragen müssen, um sich den Minister-Erben vom Halse zu schaffen, wenn er dereinst als Landesvater dem Kabinett vorsteht.

Überdies stünde es gerade einem Münchner Parteiführer schlecht zu Gesicht, allzu linientreu im Kielwasser eines Franz Josef Strauß’ zu segeln. Dafür ist die Münchner CSU zu städtisch, zu sehr auf Abgrenzung gegenüber dem schwarzen Hinterland bedacht, ja, viel zu liberal. Und: Nicht die Partei hat Kiesl gemacht, Kiesl hat die Partei zu dem gemacht, was sie seit einer Generation nicht mehr gewesen ist – zu einer straff organisierten ("besser als die DKP", so ein FDP-Mann im Landtag) und gut finanzierten Stoßtruppe, die am vorigen Sonntag ein Traumergebnis errang: 51,4 Prozent für den Spitzenkandidaten und eine Mehrheit von 42 Abgeordneten im 80köpfigen Stadtrat (1972 waren es nur 29). Unter Kiesls Ägide verdreifachte sich der Mitgliederstand der CSU auf 12 000; damit liegt der einstige Einzelkämpfer- und Notabeinverband Brust an Brust mit der zurückgefallenen SPD-

Zugleich machte die Isar-CSU still und geschickt Kaderpolitik auf bayerisch: Nach und nach besetzte sie die Schlüsselpositionen in den Sportvereinen, Elternbeiräten und Kircheneinrichtungen mit ihren Getreuen – Domänen, die einmal fest in sozialdemokratischen Händen gelegen hatten. Doch die SPD war anderwärts beschäftigt – eben mit Flügelkämpfen um Positionen in den eigenen Reihen. Der Lohn blieb nicht aus: 1974 eroberte die CSU alle elf Landtags-Mandate in München, und 1976 nahm sie der SPD vier der fünf Münchner Bundestagssitze ab.

Nachdem Kiesl erst einmal Witterung aufgenommen hatte, gab es kein Halten mehr. Sein Motto: "Mir packn’s!" – auch wenn er noch 1975 treuherzig bekannt hatte: "Meine Stärke liegt nicht in der Funktion eines Kommunalpolitikers." Er engagierte das erfolgsgekrönte "Team 70" und stürzte sich in den aufwendigsten und längsten Wahlkampf in Münchens Geschichte. Er hat fast ein ganzes Jahr gedauert und soll drei Millionen Mark gekostet haben.

Kiesls kommunalpolitische Wissenslücken wurden buchstäblich überkleistert – mit unzähligen Plakaten. Dafür waren dann die programmatischen Äußerungen spärlicher gesät. Kiesls Werbeteam lieferte fein ausgewogene, wohltönende Kadenzen, die niemanden vergrätzen konnten: "Leistungsprinzip statt Parteibuchprinzip", "Soviel Verwaltung wie nötig, soviel Freiheit wie möglich", "Ein Mann, der nicht sagt, was ankommt, sondern worauf es ankommt."

Worauf es ankommt, blieb dabei im dunkeln, zumal kommunalpolitische Feinheiten in diesem Wahlkampf ohnehin keine hervorragende Rolle spielten. Kiesls Programm – er hat es am Tag nach der Wahl noch einmal umrissen – blieb glatt, unverbindlich und vor allem harmoniebetont. Er will "ein wirtschaftsfreundliches Klima", aber der "Mensch" muß im "Mittelpunkt" bleiben: "Was wir brauchen, ist eine gesunde Durchmischung." Kiesl möchte "verkehrsberuhigte Zonen" und "leistungsfähige Durchgangsadern". In der umstrittenen Kulturpolitik will er nicht "zwischen rechten und linken Künstlern" unterscheiden. Doch er will Grenzen ziehen: Münchens vielgepriesene Liberalität soll dort aufhören, wo das "Strafgesetzbuch" und die "reine Politagitation" anfangen. Wer will da protestieren?

Kein bayerischer Holzschnitt

Kiesl ist ein "Wusler", jemand, der überall dabeisein will, und möglichst noch zur gleichen Zeit. Positionen, politische zumal, gilt es nicht abzustecken, sondern zu besetzen – egal wie weit sie auseinanderliegen. Betriebsamkeit ist Programm, nach dem selbstgeprägten Motto einer vergangenen Landtagswahl: "Flink wie ein Wiesel, das ist der Erich Kiesl." Doch wer den früheren Jesuitenzögling als allzu wendigen Gschaftlhuber abtun will, trifft daneben. Kiesl ist kein bayerischer Holzschnitt. Er liest Simmel und Solschenizyn; er singt "boarisch" mit den "Ottobrunner Buam" und fährt dann zu den Salzburger Festspielen. Seine glatte Jovialität bricht dort auf, wo sein bayerisches Temperament durchschlägt.

Sein scheinbar unbegrenzter Pragmatismus hört auf, wo er meint, etwas – oder sich selbst – durchsetzen zu müssen. Er hat die populäre, aber politisch unbeleckte Fernseh-Moderatorin Anneliese Fleyenschmidt gegen den Unmut verdienten Rathausstreiter auf den dritten Platz der Stadtratsliste geboxt, weil er ihre Wählerwirksamkeit richtig eingeschätzt hatte. Andererseits hat er sich auch mehr als einmal gegen den Parteifreund Franz Josef Strauß gestemmt – ein nicht ganz ungefährliches Unterfangen im Bayernland.

Das Münchner Wahlvolk hat es auf jeden Fall honoriert. Nach dreißig Jahren SPD wollten sie einen Oberbürgermeister, der ihre konservative Grundstimmung artikuliert, ohne ihre heißgeliebte Liberalität zu opfern – und der dabei noch "Münchner Lebensart" zelebriert. In Bayern ist ohnehin alles anders, und in München erst recht. Erich Kiesl will liberal und konservativ sein. Nur "Nordlichter" vermögen darin einen Widerspruch zu erblicken.