Bis Ende März präsentiert die Bremer Galerie Michael Hertz den Leipziger Künstler Werner Tübke. Nach seiner Teilnahme in der Sektion Malerei der letzten documenta, ist er jetzt als Zeichner zu sehen. Die Auswahl von rund 1000 Arbeiten aus den Jahren 1955 bis 1977 – aus einem zeichnerischen Œuvre von über 5000 Blättern– weist Tübke als exemplarischen Manieristen der Moderne aus, als einen Virtuosen des Zeichnens und Zitierens wie Horst Janssen, mit dem Tübke auch die Vorliebe für altes Papier und handgeschöpftes Bütten teilt. Tübke, Realist und Sozialist jenseits eines dogmatischen „Sozialistischen Realismus“, zeichnet Porträts und Akte, den „Weißen Terror in Ungarn“, Szenen aus dem Dritten Reich und Illustrationen zu Dostojewskis „Aus einem Totenhaus“. Noch vor der Eröffnung sicherte sich der Aachener Sammler Peter Ludwig vier Zeichnungen. Kleine Blätter Tübkes kosten in Bremen 2000 bis 2400 Mark, große 3200 Mark, durchschnittlich zwei Drittel mehr als in der DDR. Mit Tübke sprach in Bremen Peter Sager.

Sager Zustande gekommen ist diese erste große Verkaufsausstellung eines Künstlers aus der DDR auf rein privater Basis, ohne Vermittlung der DKP, wie es bei den Sitte- und Mattheuer-Ausstellungen des Hamburger Kunstvereins hieß.

Tübke: Sie haben recht, das Zustandekommen dieser Ausstellung, unter Einbeziehung des Staatlichen Kunsthandels der DDR, ging in hohem Maße erfreulich, vernünftig und zügig voran.

Sager: Kann das Signalwirkung haben für künftige Ausstellungen dieser Art?

Tübke: Das liegt nicht in meinem Ermessen. Aber von mir aus gesehen möge das jeder Kollege tun, und ich würde mich freuen, wenn dies zustande käme.

Sager: Mit den Schriftstellern hat die DDR-Führung lauthals Schwierigkeiten, mit den Malern offenbar nicht oder nur im Stillen. Sind die bildenden Künstler der DDR soviel unpolitischer oder unkritischer?

Tübke: Ich will mich dazu nicht äußern. Es ist allerdings schon merkwürdig, daß noch keine Maler abgehauen sind.

Sager: Eine wichtige, einige sagten die wichtigste Rolle auf der letzten documenta spielte die Abteilung Handzeichnungen. Wie sehen Sie den Stellenwert der Zeichnung heute?

Tübke: Riesig, riesig! Weil die Zeichnung – wenn sie nicht in der Konzept-Art endet oder auf das Passepartout hin dressiert ist – außerordentlich viel vom Menschen geben kann, vielleicht noch mehr als die im Augenblick absehbare oder sichtbare Art und Weise, mit der bemalten Holzplatte oder Leinwand umzugehen. Was mich stört, was mich aufregt: daß in der Rezeption von bildender Kunst Psychologie als Ersatz für ästhetische Kriterien und Denkwerte auftritt. Gerade in der Bundesrepublik wird sehr stark Psychologie mit Ästhetik verwechselt. Dies finde ich, verzeihen Sie, ein wenig ordinär.

Sager: Können Sie diesen Vorwurf erläutern?

Tübke: Der Heiligenschein, der in den Medien um das psychogrammatische Gestammel gemacht wird, wo im Nachhinein Inhalte, Ideologien aufgepfropft werden, das halte ich häufig für sehr dilettantisch, besonders wenn es mit Bildungsnachweis vorgetragen wird.

Sager: Die Gefahr solcher Interpretation liegt natürlich gerade dann nahe, wenn es sich wie bei Ihnen um eine Kunst handelt, die sehr anspielungsreich ist und mit Zitaten aus der Kunstgeschichte operiert.

Tübke: Solche literarischen Findungen fallen einem hochgebildeten, produktiven Mann, der kein Maler sein muß, auch ein. Darin kann nicht die bildnerische Leistung liegen. Die literarische Erfindung von Symbolgehalten wird häufig überschätzt. Die Klugheit des Malers ist ganz woanders zu orten, im Sinne der bildnerischen Phantasie Klees oder Liebermanns.

Sager: Die Zeichnung wird bei westlichen Künstlern vielfach verstanden als Konzept, als Ideenskizze, manchmal nur noch als minimale Geste von Punkt und Linie. Auf Zeichnungen aus der DDR gibt es etwas mehr zu sehen, bei Ihnen geradzu ausschweifend-viel.

Tübke: Hoffentlich kein Umweg; ich versuche genau zu sein in der Unscharfe. Ich habe unter anderem Velasquez so gern, weil er zum Beispiel beim Bildnis den andern, das Modell achtet, von ihm aufnimmt und von sich aus dazugibt. Die Achtung überhaupt, die Ehrfurcht etwas von draußen, reinzunehmen, was nicht Ich ist und dies zum Ausgangspunkt der Auseinandersetzung zu machen und nicht das Herumgesäusele um das Ego oder Alter Ego, das scheint mir das Wesentliche zu sein. Wenn dies fehlt und es beim psychosomatischen Gestammel bleibt, dann ist das außerordentlich peinlich, dann fehlt auch die produktive schöpferische Seite letztlich im gesellschaftlichen Raum. Übrigens auch eine Kritik an dem von mir sehr positiv apostrophierten Joseph Beuys.

Sager: Als neues Motiv Ihrer Zeichnungen–neben Figuren- und Naturstudien, Strandstilleben und Geschichtsthemen – sind mir Erinnerungen an ihre eigene Kindheit aufgefallen.

Tübke: Es liegt zeitlich nicht mehr alles vor mir, es liegt vermutlich noch nicht alles hinter mir. In dieser Übergangszeit – Klimakterium vielleicht im bildnerischen Bereich – spielt die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit eine große Rolle, naturnotwendig, individuell notwendig. Bei allem Disparaten und aller Ambivalenz dessen, was ich versuchte zu machen und machen werde, ist es eigentlich ein großes Vergnügen, immer bei mir völlig zu Hause zu sein. Finden Sie es nicht auch hochmerkwürdig, daß ich als Wahlsache im Leipziger Raum – nicht erst seit gestern, nicht wartend darauf, daß Altmeisterliches oder Surreales irgendwie interessant wird –, daß meine kontinuierliche Entwicklung sich sehr glücklich und sehr harmonisch, mit vielen Zäsuren, entwickeln konnte in der DDR?

Sager: Ihre Arbeit ist gewiß fernab von allen Kunstmarkt-Trends, entspricht aber doch dem kulturpolitischen Bedürfnis nach „Erbe-Aneignung“. Ihr Stil ist ja gekennzeichnet durch viele Rückgriffe barockisierender, manieristischer Art. Sie haben eine Kultur der Zeichnung entwickelt, die vom Formvokabular der Vergangenheit ausgeht und es auf heute bezieht. Vielfach hat man den Eindruck, dies habe auch etwas mit Zeitflucht zu tun.

Tübke: Sie werden nicht erwarten, daß ich sage: Ja, ich bin zeitflüchtig. Sie werden auch nicht erwarten: Kunst mit Kommentar. Ich viersuche, nicht zeitflüchtig zu sein. Aber wahrscheinlich habe ich, unter anderem, eine sehr große Schwäche: Mir fehlt tatsächlich jeder Zeitbegriff. Ich habe gestern in der Bremer Kunsthalle zwei herrliche Bilder von Delacroix gesehen, die haben mich ganz nervös gemacht, so nervös, als wären sie tatsächlich heute entstanden. Insofern fehlt mir Zeitgefühl.

Sager: Sie arbeiten seit 1974 an einem monumentalen Auftrag des Zentralkomitees der SED und des Ministerrats der DDR, an einem 123 Meter langen Wandbild zum Thema „Bauernkrieg“ für die „Gedenkstätte Panorama“ in Bad Frankenhausen am Kyffhäuser.

Tübke: Das Thema ist nicht nur der Bauernkrieg. Dazu gehören Thomas Müntzer, Luther und Zwingli, religionsgeschichtliche und ökonomische Fragen dieser Zeit, auch seinsgeschichliche Fragen. Letzlich geht es darum: Welche Bedeutung, kulturelle wie historische, hat die Zeit der frühbürgerlichen Revolution für uns heute? Historienmalerei, Piloty oder andere, wäre Wahnsinn. Dazu wäre mir jeder Monat meines Lebens zu schade. Das verlangt auch gottlob niemand von mir. Es geht darum, diese Geschichten aufzufangen, zu polarisieren, voll zu besetzen mit der Fülle des Heute, auch mit der möglichen Laschheit, mit der Konzeptionslosigkeit, mit der Problematik der Zuspätgeborenen, der Zufrühgeborenen. Das alles ist technisch sehr kompliziert zu realisieren, besonders weil es keine Altgesellen gibt. Ich brauche einen sehr großen Mitarbeiterstab, angefangen bei beratenden Historikern, bis hin zum Handlanger und Gerüstebauer.

Sager: Auch wenn Sie zurückweisen, ein Historienbild zu malen, so stehen Sie doch deutlich in der Tradition der Panoramagemälde, wie sie im 19. Jahrhundert als typisch bürgerliche Großbildform ausgeprägt wurden, ich denke an Anton von Werners „Schlacht von Sedan“. Umgeformt dann derselbe Bildtyp in der sowjetischen Revolution, prominentestes Beispiel: „Die Schlacht von Borodino“ im Moskauer Panoramagebäude.

Tübke: Es gibt natürlich diese Tradition. Aber: „Borodino“ zum Beispiel, mit genau kalkulierter Zentralperspektive, mit vorgebauten Elementen, einem perfekten Illusionismus, wo man auch den chronologischen Ablauf einer Schlacht sehen kann: das ist nicht mein Anliegen.

Sager: Ich verstehe noch nicht ganz, welche Beziehung Ihre historische Aufarbeitung zur Situation der DDR heute hat. Das „Panorama“ auf dem Schlachtberg soll ja eine „sozialistische Traditions- und Bildungsstätte“ werden.

Tübke: Es ist die Frage, in welcher Form und für welchen Staat, mit welcher individuellen Leistung gilt das Erbe der frühbürgerlichen Revolution? Es gibt ja auch die Erberezeption der SPD in der Bundesrepublik: Wie sieht der SPD-Staat aus? Beweise werden gesucht, von Historikern, sehr klugen jungen SPD-Historikern, um bestimmte ganz andere Schnitte durch die vorhandene Geschichte zu ziehen in Richtung auf den Beweis: Wer ist der eigentliche Erbe Deutschlands, der heutigen Staaten? Wer die wahren Erben der Geschichte sind, damit hat meine Wandmalerei etwas zu tun. Billiger und niedriger kann es nicht angebunden sein. Das ist der offizielle, von mir angenommene und zu bewältigende Auftrag, aus ganz persönlicher Sicht. Klingt ’n bißchen hoch, aber es ist so: Zehn Jahre meines Lebens, mit Vorarbeiten, lege ich in die Waagschale für diese Geschichte, das macht man nicht ohne Überlegung. Entweder es wird ganz irre, oder alle blamieren sich dabei, nicht nur ich.

Sager: Wenn Sie sagen, es gehe um den Beweis, bildnerisch den Beweis anzutreten, „wer die wahren Erben der Geschichte sind“, so suggeriert das natürlich: Wir sind die wahren Erben der Geschichte. Worauf gründet sich diese Ihre Hoffnung?

Tübke: Dies ist eigentlich keine Hoffnung, Wenn das nicht ohnehin bereits geschehen wäre, so glaube, ich, spätestens auf Grund intensiver zweijähriger Vorarbeit sagen zu können, daß sich meine Vorstellung erhärtet hat. Die Nachkriegszeit ist zu Ende. Wir müssen alle, nicht bloß die Maler, gemeinsam daran arbeiten, gesellschaftliche Konstruktionen weiter auszubauen und lebbar zu machen, die auch den einzelnen in individueller Not, in Problemsituationen berühren und tragen helfen. Ich weiß, daß diese grundsätzlichen Fragen das wichtigste sind, was wir lösen müsen. Es kommt darauf an, Verbesserungen zu realisieren, Schönheiten zu schaffen, Konflikte zu schaffen, aber auch Utopie zu leisten. Bei letzterem, scheint mir, wird zu wenig geleistet. Nur damit, mit einem Denken ins Morgen hinein, kann der einzelne junge Mensch getragen und geleitet werden, im unsicheren Heute.

Sager: Es geht also darum, in diesem Bild Werte zu schaffen, an denen sich eine sozialistische Gesellschaft orientieren kann, persönlich und politisch?

Tübke: Ja, auf jeden Fall.