Nichts anderes ist geschehen, als daß ein Fußballprofi sein endgültiges „Nein“ vier Jahre danach noch einmal bestätigte. Am 7. Juli 1974, nach dem gewonnenen Münchner Weltmeisterschafts-Finale gegen Holland, hatte der Frankfurter Nationalspieler Jürgen Grabowski Abschied genommen von der deutschen Ländermannschaft. Aus freien Stücken und ohne böse Worte. Jetzt wollten sie ihn zurückholen. Für die Weltmeisterschaft in Argentinien. Grabowski zögerte – und blieb schließlich bei seinem „Nein“.

Man weiß das aus Erfahrung: Abschiedserklärungen müssen nicht immer endgültig sein. Fritz Walter zum Beispiel, Fußballstar der fünfziger Jahre, ließ sich insgesamt dreimal „überreden“, den jeweiligen Abschied von der Nationalmannschaft rückgängig zu machen. Und sogar ein Uwe Seeler ließ sich überzeugen, daß er für die Weltmeisterschaft in Mexiko (1970) zurück müsse ins Trikot der Nationalelf. Rückfälligkeit ist keine Schande, wenn der Fußballfan verlangt: „Zurück marsch, marsch in die Nationalmannschaft“ – und wenn dieses heiße Verlangen sogar noch vom Bundestrainer unterstützt wird.

Aber Jürgen Grabowski blieb bei seinem „Nein“, obwohl Helmut Schön ihn zurückhaben wollte. Erfahrene Nationalspieler werden bei ihrer Rückkehr nicht zu Debütanten. Und Grabowski spielt in seiner Frankfurter Vereinsmannschaft seit Jahren den überragenden Part. Es lag also nahe, ihm wieder das Trikot der Nationalelf anzubieten. Denn es ist nicht das Problem des Bundestrainers Helmut Schön, Talente aufzuspüren; es ist sein Problem, Talente zu finden, die zueinander passen. Und ein Spieler vom Schlage des Jürgen Grabowski hätte sicherlich auch für Argentinien überdurchschnittliche Leistungen garantiert.

Fußball modern – auch der im Nationaltrikot – ist längst keine Angelegenheit mehr, bei der sich die Akteure vorher am Händchen halten und „Kameradschaft“ versprechen. Im Gegenteil, wer auf der Reservebank sitzt, möchte diesen passiven Zustand auf Kosten eines Kollegen, der spielen darf, geändert sehen. Wäre es anders, Helmut Schön hätte den falschen Mann mitgenommen. Jürgen Grabowski wußte schon, weshalb er nach langem Zögern das endgültige Nein noch einmal bestätigte. Denn wehe, er hätte die hochgesteckten Erwartungen in Argentinien nicht erfüllen können. Die Spieler auf der Reservebank hätten keinen Augenblick gezögert, das fallende Idol zu stürzen, um sich selbst in Szene zu setzen.

Und sogar die Fans, die gestern noch riefen: „Grabi, wir brauchen dich in Argentinien“, wären ihm in den Rücken gefallen. Erbarmungslos.

Es ist mit Sicherheit keine Schande, „ja“ zum endgültigen „Nein“ zu sagen. Gerhard Seehase