Über den Sinn und Nutzen der Poesie – Seite 1

Von Peter Rühmkorf

Gedanken über Sinn und Nutzen der lyrischen Literatur haben es so an sich, daß sie alle zehn Jahre mal wieder bei Adam und Eva beginnen müssen, das heißt, bei den Urvätern oder Urmüttern der Gattung, dunklen Idisen-Strophen und Phol- und Wodansversen – ich spreche von den "Merseburger Zaubersprüchen". Diese Heils- und Segenssprüche aus dem 10. Jahrhundert erinnern uns daran, daß die deutsche Dichtkunst in ihren Anfängen magische Bedeutung hatte. An solcher Funktion hat sich inzwischen nicht so furchtbar viel geändert.

Was dem Vers zugetraut wird, ist eine heimliche Fähigkeit, zu bannen und zu binden, einen Schaden abzuhalten oder etwas Zerbrochenes, Getrenntes, Ausgerenktes wieder hinzubiegen. "Suma hapt heptidun/ suma heri lezidun", so sagte es der eine Spruch: "Einige fesselten die Feinde/ Einige hielten deren Heer auf", wobei "einige" eine Schar von zaubermächtigen Frauen meint.

Diesem Typus der magischen Abwehrstrophe entspricht auf der anderen Seite eine Art von lyrischem Zusammenhangszauber, repräsentiert durch den zweiten Spruch und diese stabgereimte Bindeformel "Ben zi bena – bluot zu bluoda – lid zi geliden – sose gelimida sin" ("Knochen an Knochen – Blut zu Blut – Glied an Glied – als ob sie zusammengeleimt wären")

Der kurze Exkurs in eine grauverhangene Vorzeit scheint mir nicht ganz unnütz, unserer zeitgenössischen Literatur auf unerwartetem Wege nahezukommen. Auch die poetische Anrufung der entschwundenen Geliebten, scheint mir, zehrt heimlich vom Wunderglauben an die beschwörende Macht des Gesanges. Auch die Berufung von Genossenschaft und Geselligkeit im geselligen Lied lebt vom Vertrauen auf die Wirksamkeit des treffenden Bindewortes. Und selbst wo ein lyrisches Subjekt scheinbar nur von seinen höchstpersönlichen Gemütsverstörungen und Bewußtseinstrübungen spricht, verweist allein die formale Organisation der Leiden und der Leidenschaften auf einen Fügungsglauben, der das formal Gebundene für etwas inhaltlich Bewältigtes nimmt.

Zwar wird heute kein halbwegs erleuchteter Kopf mehr daran glauben wollen, daß sich mit Lyrik Krankheiten austreiben ließen. Ein Patient gehört zum Doktor, nicht zum Dichter. Ein verrenkter Pferdefuß – siehe Merseburg zwo – fällt in die Obligenheiten des Veterinärs und nicht des Naturlyrikers. Und selbst eine medizinische Unbegreiflichkeit wie eine Gürtelrose oder eine Schuppenflechte wird kein Betroffener vom Reimeschmied besprechen lassen. Aber schon ein Sammlung beschwörender Vers wie dieser Brechtische "Reih dich ein in die Arbeitereinheitsfront/ Weil du auch ein Arbeiter bist" wäre nie in die von Klassenkämpfen aufgerissene Welt entlassen worden, wenn ihm nicht gewisse Hoffnungen auf die solidarisierende Gewalt von Reim und Rhythmus vorausgegangen wären. Ganz zu schweigen von den Hunderten von Zauberversen der neuesten Aufklärbewegung – "Plutonium bringt Omi um", "KKW – Nee" –, in denen sich ein beinah grenzenloser Glaube offenbart, daß sich mit bündigen Reimen Berge versetzen und Atomkraftwerke von der Stelle rücken ließen. Im Überschlag: Auch unsere Gegenwartspoesie hat ohne Zweifel mit Magie und Zauberwesen zu tun, selbst dann, wenn sie mit der Entzauberung einer von Fetischglauben und Irrationalismus verdunkelten Gesellschaft beschäftigt scheint.

Das sind Wahrheiten, die dort, wo Wirkungsliteratur gewürdigt wird, als wirke sie wirklich, nicht gern gehört werden. Eine Ästhetik des Wirken- und Bewegenwollens als magische Vorstellung bezeichnen, hieße doch, herrschende Lehrideen als neue Art von Köhlerglauben anschwärzen, die freilich läßt man so ungern in Zweifel ziehen wie ein Woodoo-Schamane oder ein christlicher Oblatenpriester die angenommene Allmacht seiner Amulette und Segensformeln. Wo wir dennoch der Annahme einer allgemein magischen Funktion der Dichtkunst nachgehen möchten, ohne ihre prä- oder paralogischen Denkformen gleich zu verteufeln, aber auch nicht in der Absicht, am Ende selber dazustehen wie verzauberte Hexenlehrlinge, nähern wir uns der Poesie am besten noch mal von einer anderen Seite.

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In der Tat scheint nicht dies so sehr ein dominantes Gattungsmerkmal, daß sie magischen Zwecken nachtrachtet oder zaubrische Handlung verbalisiert, sondern daß sie dem Ich, dem Individuum, dem Subjekt zu Ausdruck und Stimme verhilft. Die tausend Jahre Folgepoesie nach Merseburg und Wessobrunn noch einmal überschlagen und auch die letzten zwei Jahrhunderte an Inhaltsexegese und Formanalyse mit in Rechnung gezogen, lassen für sicher erscheinen, daß das Gedicht wie keine Gattung neben ihm mit dem Ich-persönlich zu tun hat und daß es so etwas wie ein Austragungsorgan seiner intimsten Spannungen und Regungen darstellt. Nur im Gedicht äußert sich ein literarisches Subjekt ganz ohne epische Begleitmassen oder dramaturgisch bereitgestellte Gegen- und Nebenstimmen. Nur im Gedicht spricht das Ich mit einer unterteilten Zunge. Egal wie viele Kräfte vorher an ihm herumgewirkt haben mögen und welche gegensätzlichen Kräfte von innen her an ihm zerren –: im Gedicht konstituiert sich augenfällig oder akustisch beweiskräftig so etwas wie die Einheit der Person, und kein höheres Lob für einen Poeten und kein schönerer Ausweis seiner Authentizität, als daß er einen persönlichen Ton gefunden habe. Dieser persönliche Ton ist denn auch der eigentliche Held des Gedichtes und er ist seine Botschaft, sein "Info" und sein Gegenstand. Der persönliche Ton ist hier Inhalt und Sache und Fakt und Substanz und Erbauungsstoff, wobei, ich gebe es zu, nicht jede lesende Person jedes gedichteschreibende Subjekt erbaulich finden muß.

Um noch einmal bei dem Anfangsbeispiel anzuknüpfen: Wo wir darin übereinstimmen, daß es einmal so etwas wie eine gesellschaftliche Aufgabe der Poesie gewesen ist, auf die Heilung von Knochenbrüchen hinzuwirken, dort mag man heute einen sozialen Zweck darin sehen, die Entzweiung des Individuums mit seiner Gesellschaft zu besingen. Nur in ihren naiven und unentwickelten Verkehrsformen wird die Schriftstellerei freilich weiter den Merseburger Weg verfolgen, der dann gelegentlich auch mal Bitterfelder Weg heißen kann.

Die ernster zu nehmende, weil weniger wundergläubige Literatur weiß nämlich sehr genau, daß die mittlerweile als gesellschaftlich erkannten Widersprüche nicht durch schöne Worte zu überwinden sind – sie kann sie allenfalls anzeigen, darstellen und zum Ausdruck bringen, wobei ich die sich unversehens assoziierenden Begriffe "Bewältigung" oder "Aufhebung" lieber gleich in zehn Paar Gänsefüßchen setzen möchte.

Ich will über einen kleinen Umweg dartun, inwieweit vielleicht auch Aufklärung den Eindruck erwecken kann, die Widersprüche seien für uns weggeblasen. Als Leser und auch als Rezensent hatte ich öfter mit Gedichten von Erich Fried zu tun, Gedichten, die sämtlich der Enttarnung, der Durchleuchtung oder Aufdeckung widersprüchlicher Zeiterscheinungen gewidmet sind, gewidmet waren. Ob es seinerzeit um die dichterische Denunziation der amerikanischen "Befriedungspolitik" in Vietnam ging oder, wie kürzlich, um ein dialektisches Sichdurchfragen nach den gesellschaftlichen Hintergründen von Buback-Mord und Mordberichterstattung, immer führen uns diese, nennen wie sie einmal Entstellungsgedichte, eine Unstimmigkeit von Vorfall und Nachrichtenverfälschung, von Wirklichkeit und ihrer Verdrehung durch Worte vor Augen.

Die Reaktionen des Lesers sind dabei vergleichsweise einfach. Die schritt- und zeilenweise voranbetriebene Aufklärung bis hin zum erlösenden Aha-Erlebnis ist von jedem halbwegs funktionierenden Verstand leicht nachzuvollziehen. Das einverständnisvolle Kopfnicken pflanzt sich dann auch beim Kritiker als ungebrochen zustimmende Schreibbewegung fort. Die im Gedicht beschlossene Zweifelsfreiheit läßt sich jederzeit in Rezensentenprosa weitervermitteln, die Erleuchtung sich in Zeitkritik umsetzen, die Betroffenheit objektivieren und auf Distanz brin-

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gen. Kurz, der vom Gedicht beabsichtigte Aufklärungsvorgang läßt wohltuend entqualmte Köpfe zurück, beinah schon abgeklärte, die einen schwelenden Konflikt für "ausdiskutiert" erachten.

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Nicht so einfach belobigenswert erscheinen mir hingegen meine eigenen Gedichte. Wo ich mich ihnen im Aggregatzustand des Prosaaufklärers und Gesellschaftkritikers nähere, befällt mich eher ein Schauder als die erhoffte Erleichterung. Was ein wacher Verstand auch von Gedichten an rationaler Durchdringung der Welt erwartet, sieht sich so einfach nicht eingelöst. Nach hilfreichen Fingerzeigen, die sich ohne Umschweif in ein "Haltet-den-Dieb" oder "Dort-steht-der-Feind" verlängern ließen, sucht man vergebens. Statt dessen findet ein auf Widerspruchsfreiheit drängendes Bewußtsein ein ganzes Konglomerat von scheinbar unvereinbaren Wertvorstellungen, Interessen und Gemütsbewegungen, ohne daß das lyrische Subjekt viel mehr als eine fundamentale Zerrüttung anzuzeigen fähig wäre.

Ein offensichtliches und ständiges Beschwören von Genossenschaft leitet oft genug ins Decrescendo der Enttäuschung über. Vitales Solidaritätsverlangen erkennt sich selbst als bleichsüchtigen Idealismus und schlägt in Hohn – volles Gelächter um. Ein auf Wahrheit und nichts als die Wahrheit gespitztes Auge beginnt sich unwillkürlich zu verdüstern, wo linker Spiritualismus sich seine selbstgemachten Pfingstkerzen aufsteckt. Dagegen und gegenüber einem Optimismus, der notfalls über Leichen geht, entfaltet sich von Fall zu Fall ein geradezu gieriges Lebensverlangen, das unter linken Glaubensbrüdern auch schon wieder als verboten gilt. Man sieht, explosive Gemische von widersprüchlichen Regungen allenthalben, und am Ende sogar noch so etwas wie ein trotziges Beharren auf der eigenen Zwiedeutigkeit, wo die Genossen sich mit antizipatorischen Hopsern über die Widersprüche der wirklichen Welt hinwegsetzen.

Um nicht länger als Rezensent privater Ressentiments zu erscheinen, bitte ich Sie, einen Blick in sich selbst zu tun, oder, besser noch, werfen Sie doch mal ein furchtlos-unbefangenes Auge auf die eigenen wild zerklüfteten Bücherborde, es werden ja nicht bloß Zufallsablagerungen von irgendwelchen Moden sein. Trotzdem oder gerade deshalb erbitte ich mir Auskunft über den Sinn, der Ihnen August Bebel und Charles Bukowsky in eine Reihe beschert hat. Von Handke und Botho Strauß führt anscheinend kein gangbarer Weg zum Werkkreis Literatur der Arbeitswelt oder zu Günther Wallraff und Bernt Engelmann – in Ihrer guten Stube feiern die Antipoden Unio Mystica und stoßen sich an die Rippen. Neben den Klassikern des Sozialismus entdecke ich unvermittelt die Altvorderen der Individualanalyse. Wer die europäische Aufklärung mit Löffeln gefressen hat, sollte doch für den Verführungssog von mystischen Erbauungslehren und Meditationsanleitungen verloren sein – allein, in Ihrem Regal und also wohl in Ihrem Kopf sehe ich die äußersten Unverträglichkeiten in trautem Verein.

Doch was heißt hier schon trauter Verein! Ein wahrhaftiges Chaos an Heilsentwürfen und Erlösungsvorstellungen, an analytischen Ansätzen und utopischen Zukunftskonstruktionen ist um sie herum versammelt, und nur die Furcht vorm Zerspringen ist es, die sie schließlich bei sozialliberalen Reformhausgedanken oder HO-Hoffnungsprinzipien Einkehr halten läßt. Allerdings nicht da und nicht dort setzen die Gedichte ein, von denen ich meine, daß sie zeitgenössisches Bewußtsein wahrheitsgetreu abspiegeln, sondern bei der rücksichtlosen Wahrnehmung der uns zerteilenden Interessen. Letzten Endes sind es ja wirklich auch gar nicht die Bücher allein, die einen Gedanken gegen den anderen aufhetzen und uns mitten im systemüberwindenden Mutsprang mit Zweifeln anfechten. Unsere eigene unhaltbare Stellung zwischen den Systemen ist es, die uns zu schaffen macht, und sie macht uns deshalb zu schaffen, weil es das, Hoffnungsland nicht gibt, gegen das wir den bereits brennend heiß gewordenen Heimatboden eintauschen würden.

Machen wir uns nichts vor und blicken immer bloß auf zu dem, was über uns hinausweist. Unsere eigene Lebenswahrheit beginnt dort, wo etwas durch uns hindurchgeht, und dort auch ist der Platz der modernen Poesie. Wo sie wahrhaftig ist, zeigt sie sich an als selbst gezeichnet. Wo sie genau ist, nimmt sie das Subjekt von den Eintrübungen der Zeit nicht aus. Wo sie getreu und vertrauenswürdig bleiben will, soll sie gefälligst zuerst einmal persönliche Betroffenheit anmelden.

Das sogenannte Positive freilich ist nicht so sehr eine Sache der Willensbekundung oder eines politischen und moralischen Bekenntnisaktes – das Positive ist vielmehr dort zu suchen, wo die bis in ihre Grundfesten erschütterte Person über das magische Wort zur Anerkennung ihrer selbst ermutigt wird.

Ohne daß ich Ihnen die Dichtkunst hier als Heil- und Pflegeinstitution anpreisen möchte, in der Sie sich Ihre Bewußtseinsskrupel abtherapieren lassen sollen –: daß Anfechtbarkeit und Erschütterbarkeit sich im Medium der Poesie gesammelt erleben können und der Konfliktträger selbst zum positiven Sinnbild aufrückt, sind zauberische und dennoch praktisch ernst zu nehmende Möglichkeiten, mit denen verglichen die, Selbstverwirklichungsannoncen der politischen Mächte nichts als vorgestanzte Adrema-Bleche sind.