Wichtiges Dokument: „Deutschland im Herbst“ von Kluge, Fassbinder, Schlöndorff und anderen

/ Von Hans C. Blumenberg

Was wirklich geschehen ist im deutschen Herbst des Jahres 1977, in sieben Wochen voller Gewalt, Haß, Hysterie, Furcht, Ratlosigkeit und Trauer, zwischen den vier Morden von Köln und den drei Selbstmorden von Stammheim, läßt sich längst noch nicht sagen. Ordentliche Bilanzen können nicht gezogen werden, Fragen erscheinen wichtiger als Antworten. Und der Film, den acht deutsche Regisseure über diesen Herbst gedreht haben, gibt auch nicht vor, eine objektive Chronik (oder gar Analyse) der Ereignisse zu sein. Er ist Ausdruck einer Erschütterung, mehr Reaktion als Reflexion, selber ein Dokument der Ratlosigkeit: „An einem bestimmten Punkt der Grausamkeit angekommen, ist es schon gleich, wer sie begangen hat: sie soll nur aufhören“, heißt es zweimal in dem Film „Deutschland im Herbst“, ein von Alexander Kluge gefundenes Zitat aus dem Jahre 1945.

Ein Dokument der Ratlosigkeit, aber immerhin ein authentisches Dokument: ungefiltert durch die von Selbstzensur und Proporz bestimmte Pseudo-Objektivität des Fernsehens, ohne die Hast und die Vorsicht, mit der das „Feature“ widersprüchliche Gefühle und unklare Fakten auf einen glatten Begriff bringt, auf der Suche nach Bildern und Tönen, die den Vorkommnissen des deutschen Herbstes 1977 ihre gespenstische Qualität belassen. Das größte Kompliment, das man dem Film „Deutschland im Herbst“ machen kann, heißt: Dieser Film hätte von keiner deutschen Fernsehanstalt produziert werden können, und kein Sender würde ihn in dieser Form ausstrahlen. Er ist entschieden unausgewogen (wenn auch nicht parteilich), er ist fragmentarisch und kommt zu keinen nützlichen Erkenntnissen, er ist die Arbeit von unabhängigen Filmemachern, die sich von keiner Redaktion oder Produktionsleitung auf einen gemeinsamen Stil verpflichten lassen mußten.

Daraus folgt: „Deutschland im Herbst“ ist kein „guter“ Film, dafür ein wichtiger, in einzelnen seiner insgesamt 16 sehr unterschiedlich langen Kapiteln schlimm mißlungen (immer dann, wenn seine Macher ihre unmittelbare Betroffenheit hinter den sicheren Effekten einer reibungslosen Kino-Dramaturgie verbergen), in anderen (den meisten) geeignet als Modell für eine Film-Arbeit der Zukunft: gerade in den ausführlichen dokumentarischen Sequenzen, die zeigen (beim Staatsakt für Schleyer ebenso wie beim makabren Begräbnis der Terroristen auf dem Dornhalden-Friedhof), was das Fernsehen zu zeigen nicht die Geduld und den Mut hatte.

Der Terror der Medien

Daß es einen Film „Deutschland im Herbst“ geben würde, stand schon drei Tage nach den Geschehnissen vom 18. (Geiselbefreiung in Mogadischu, Selbstmorde in Stammheim) und 19. Oktober (die Entdeckung von Schleyers Leiche) fest. Rudolf Augstein, beim „Spiegel“ Herausgeber, beim Filmverlag der Autoren im Jargon der Firma „Hereingeber“, stellte klaglos das Budget zur Verfügung (der Film kostete am Ende nur eine halbe Milliojj, weil Regisseure. Autoren – unter ihnen Heinrich Böll – und einige prominente Darsteller ohne Gage arbeiteten), Filmverlags-Geschäftsführer Theo Hinz und der selber als „Sympathisant“ verdächtigte Volker Schlöndorff, die zusammen die Idee entwickelt hatten, trafen sich zu ersten Gesprächen mit Filmemachern. Später indessen gab es eine Reihe von Ärgernissen und Eifersüchteleien, weil sich etliche Kollegen (vornehmlich, wenngleich nicht ausschließlich solche, die nicht in München wohnen) bei dem Projekt übergangen fühlten.