In der viktorianischen Zeit gab es in der britischen Armee einen Oberst, der durch außergewöhnliche Musikalität auffiel: Er könne zwei Musikstücke unterscheiden, das eine war „God save the Queen“. Die Qualitäten jenes Obristen werden, bei weitem übertroffen durch das Vermögen unserer Politiker, die beim Erklingen der Nationalhymne sogleich erkennen, daß die Kapelle die dritte Strophe des Deutschlandliedes spielt. Wenn es denn – selten genug – ans Singen geht, so ist es freilich manchem wackeren Staatsbürger schon so ergangen wie jenem hochverehrten Staatsmann aus den ersten Tagen unserer Republik, der nach den Anfangsversen „Einigkeit und Recht und Freiheit“ in ein rhythmisches Tralala verfiel.

Das muß anders werden, mag sich Baden-Württembergs Landesvater Filbinger gesagt haben, der öfters durch das Talent, von sich reden macht, altes Brauchtum zu beleben. Jedenfalls lud er den volkstümlich-blonden Sänger Heino ein, auf Villa Reitzenstein einer Schulklasse seine neue Platte mit dem dreistrophigen Deutschlandlied zu überreichen. Allen anderen Schulklassen im Lande der Wander- und Sangeslust hat der scheidende Kultusminister Hahn die Platte jedoch vorenthalten – die erste Strophe des „Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt“ mochte er der Jugend nicht zumuten.

Gleichwohl ist sie nicht verboten, wie Filbingers Staatssekretär einen halb aufgebrachten, halb belustigten Landtag belehrte, sondern Bestandteil der Hymne. Nur soll bei offiziellen Anlässen immer nur die letzte Strophe gesungen werden. Aber wir Deutschen müßten nun endlich wieder „ein natürliches Verhältnis zu dem Wortlaut der ersten Strophe bekommen“.

Wie unsere Vorväter? Mit dem Deutschlandlied auf den Lippen stürmten sie bei Langemarck, so meldete der Heeresbericht (man stelle sich das vor: im Sturmschritt über Sturzäcker), und aus hohlem Bauche des zum Sarg gewordenen Schlachtschiffes „Tirpitz“ will man’s auch gehört haben. „Von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt...“

Wer’s noch so unbefangen singen kann wie die Deutschen des Jahres 1922, denen der sozialdemokratische Reichspräsident Ebert das Bekenntnis des nationalen Barden und Kinderliederdichters Hoffmann von Fallersleben als Hymne verordnete, dem müssen doch die Tränen kommen ob der Not des Vaterlandes, an dem jene nicht ganz unschuldig sind, die es zwölf Jahre lang bis zum Überdruß gegrölt haben.

Dem ersten Bundespräsidenten, dem Liberalen Theodor Heuss, mochte es nicht mehr über die Lippen. Er bestellte bei seinem Freunde, dem Poeten Rudolf Alexander Schröder, eine, neue Hymne – der hatte zwar schon anno 14 „Heilig Vaterland“ gedichtet, aber auch daran hatten sich die Deutschen übersungen. Schließlich blieben sie dann doch der schönen Haydn-Melodie treu; Heuss und Adenauer einigten sich auf den Hymnen-Kompromiß der dritten Strophe. Wer heute, anders als jene, so wie Filbinger „nicht ängstlich auf ausländische Kritiker schaut“, sollte die Geschichte des Deutschlandliedes nicht außer acht lassen. Es nahm jenen Geist vorweg, der schnell vom Nationalen ins Nationalistische, von biederer Bescheidenheit in imperialen Größenwahn umschlug. Darum müssen wir aufpassen, wann immer in Zukunft die nationale Frage aufgeworfen wird, wer denn da wieder die erste Strophe singen will. Kj.