Nach dem Chiasso-Skandal bringt nun auch die Notenbank den Finanzplatz Schweiz in Mißkredit

Von Alexander Mayr

Wenn Verwaltungsrat und Vorstand der Schweizerischen Kreditanstalt (SKA) am 4. April, dem Tag der Generalversammlung, vor die Aktionäre treten, werden sie trotz des 1977 aufgedeckten Chiasso-Skandals keineswegs Büßerhemden tragen. Im Gegenteil. Denn obwohl jene intern "Angelegenheit Chiasso" genannte größte Finanzaffäre in der Schweiz nach dem Krieg die Bank nicht weniger/als 1,2 Frankenmilliarden gekostet hat, kann Verwaltungsratspräsident Oswald Aeppli einen um siebzehn Prozent auf 235 Millionen Franken angestiegenen Gewinn präsentieren und eine unveränderte Dividende anbieten. Der Griff unter die Matratze in die stillen Reserven macht’s möglich.

"Dank der stets befolgten vorsichtigen Politik", frohlockt SKA-Vorstandssprecher Rainer E. Gut, "hat die Bank eine innere Stärke erlangt, die es ihr erlaubt, den erlittenen Schlag aufzufangen." Denn die Schweizer Großbanken sind es gewohnt, die Hälfte oder gar zwei Drittel des wahren Gewinnes, wenn schon nicht vor dem Fiskus, so doch wenigstens vor der Begehrlichkeit ihrer Aktionäre, zu verstecken. Mit der Zeit ergibt sich da ein ganz schönes Polster. Und das haben die Bankiers vom Zürcher Paradeplatz nun teilweise aufgelöst.

Gut räumt ein, selbstverständlich sei so das Auffangnetz schwächer geworden, "das bisher für enttäuschende Geschäfte bestand. Aber auch heute noch", so sagt er, "sind unsere Mitarbeiter in der Manege der Weltbankiers nicht ohne Netz tätig".

Ganz ohne Spuren ist Chiasso auch am Neugeschäft der Kreditanstalt nicht vorbeigegangen. Während der Schweizerische Bankverein im vergangenen Jahr Neuzuflüsse von Kundengeldern in Höhe von rund vier Milliarden Franken verzeichnete, während die Schweizerische Bankgesellschaft immerhin noch rund eine Milliarde zusammenbrachte, mußte sich die SKA mit schäbigen 336 Millionen zufriedengeben. Doch am Paradeplatz gibt man sich gelassen. "Gesamthaft", meint SKA-Direktor Robert A. Jeker mit der gebotenen Diskretion, "erscheint uns der Verlauf des Fremdgeldgeschäfts unter den obwaltenden Verhältnissen befriedigend."

Aber, bei Chiasso ging es ja nicht allein um das Schicksal der SKA. Kurz nach der Aufdeckung des Skandals hatten viele geglaubt, der Rufschaden für die Schweizer Banken und den Finanzplatz Schweiz sei "gutenteils irreparabel" (Basler Zeitung). Doch auch da erwiesen sich die Blessuren als weit weniger schlimm, als in der ersten Aufregung befürchtet. Das Schweizer Bankgeheimnis, das auch gegenüber dem in- und ausländischen Fiskus gilt, zählt für Deutsche und Italiener, Franzosen und Amerikaner immer noch mehr als die Machenschaften eines wildgewordenen Filialleiters in Chiasso.