Von Bazon Brock

Man wendet sich diesem Buch mit größten Erwartungen zu, scheint Ziegler doch den Versuch zu wagen, in jeder Hinsicht völlig verschiedene Gesellschaften in ihrer Todespraxis zu vergleichen –

Jean Ziegler: "Die Lebenden und der Tod", aus dem Französischen von Wolfram Schäfer; Luchterhand Verlag, Darmstadt, 1977; 326 S., 28,– DM.

Man muß sich nachdrücklich klarmachen, daß ein solches Vorgehen tatsächlich hieße, die Funktionen zu vergleichen, die die Todespraxis in jeder dieser Gesellschaften für die Lebenden erfüllt, wobei angenommen würde, daß kein anderer sozialer Sachverhalt Gesellschaften so eindeutig identifiziere wie deren Todespraxis. Also nicht Wirtschaftsordnungen oder Rechtssysteme kennzeichneten in erster Linie die Gesellschaften, sondern die Art, in der die Erfahrung des Faktums "Tod" die Gemeinschaften begründen.

Die Frage, die man unter dieser Voraussetzung an Ziegler. stellen könnte, lautet: Welche Todespraxis gilt es zu entwickeln und zu praktizieren, damit die Lebenden ihr soziales Dasein in Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit führen können?

Ziegler analysiert zunächst die westlichen Industriegesellschaften, wobei auch er wiederholt, was andere Autoren seit der grundlegenden Veröffentlichung von Elisabeth Kübler-Ross vorgetragen haben. Allerdings setzt Ziegler andere Argumentationsschwerpunkte, so gelingt es ihm, der bisherigen Debatte eine andere Richtung zu geben. Er deckt auf, daß offensichtlich bisher um ein Mißverständnis gestritten wurde, das Ziegler so auflöst;

Die westlichen Industriegesellschaften weigern sich anzuerkennen, daß der Tod gesellschaftlich vollstreckt wird, und zwar nicht nur in dem Sinne, in dem heute Mediziner davon sprechen, daß kaum jemand eines natürlichen Todes stirbt. Es wird auch geleugnet, daß im Krieg und durch Kriegsfolgen, am Galgen und in den Konzentrationslagern, durch unterlassene Hilfeleistung für Hungernde und Diskriminierung von Minderheiten der Tod gesellschaftlich vollstreckt wird. Man redet sich darauf hinaus, daß der Tod eine natürliche Konsequenz des Lebens sei, erlaubt sich aber andererseits, ins natürliche Leben durch die Maßnahmen des Todes oder solche Maßnahmen, die zum Tode führen, einzugreifen. Der Zionismus und die Inhumanität der feldherrlichen Weisheit: "Wollt ihr denn ewig leben, Kerls" werden nicht dadurch gemildert, daß solche Feldherren und Weltherren Vertreter der Aufklärung oder einer sozialistischen Gesellschaft zu sein behaupten.