Von Gunter Hofmann

Düsseldorf, im April

Die gewünschte Melodie ertönte; ein Knopfdruck hätte genügt. "Weder in Bonn noch in Düsseldorf" gehe die CDU auf Abwertung aus, gab Oppositionschef Heinrich Köppler aus, als Herbert Wehner mitten in die Oster-Beschaulichkeit hinein vor der Neuauflage eines "Überraschungs-Coups" warnte, wie ihn die CDU bei dem Ministerpräsidentenwechsel in Niedersachsen gelandet habe. Die Liberalen versicherten pikiert, sie seien verläßliche Partner. Und selbstsicher prophezeit Finanzminister Diether Posser, von Heinz Kühn als Nachfolger favorisiert, auch noch so miserable Landtagswahlergebnisse änderten nichts: "Von hier geht keine Initiative aus" gegen den Bestand der Bonner Koalition. Also stammt die Coup-Idee aus dem Land der Wehner-Fabeln?

Natürlich hängt das Schicksal der Bonner wie eh und je in hohem Maße von dem der Düsseldorfer Regierung ab; mindestens in dem Sinn, daß gegen die politischen Optionen aus Nordrhein-Westfalen im Bund nicht regiert werden könnte. Heinz Kühn und Willi Weyer gaben mit der sozial-liberalen Koalition 1966 das Startsignal für Bonn, lieferten den moralischen Anstoß und das politische Modell. Als Königsmacher in Bonn, als Könige zu Hause haben sich die Regierungschefs hier häufig gesehen.

Ein Coup aus dem Dunkel heraus wäre möglich, wenn Regierungschef Kühn im Oktober – wie vorläufig geplant – seinen Rückzug verkündet und ihn dann nach dem gefühlsbeladenen 50. "Geburtstag" als Sozialdemokrat Anfang Dezember vollzieht. Die Koalition, die über eine Mehrheit von fünf Mandaten verfügt (105 zu 95), muß dann den Nachfolger wählen: Diether Posser oder den Wissenschaftsminister Johannes Rau, beides "Sozial-liberale", der eine stärker von seiner Fraktion, der andere von der Partei getragen. Beide wären der FDP recht: Rau, weil er Nüchternheit und Flexibilität verkörpert und in die Rolle an der Spitze hineinwachsen kann, Posser, weil er auf unverkrampfte Weise ohnehin schon die Statur eines Regierungschefs gewonnen hat.

Gewiß überglänzt der Morgentau junger Jahre nicht mehr die sozial-liberale Koalition an Rhein und Ruhr. Aber ist die Zeit zur Regeneration reif? Das Klischee breitet sich aus, die "Erosion" sei nicht mehr zu stoppen. Nach den Turbulenzen der letzten Monate genüge ein kleiner Stips, um das gebrechliche Gebilde zu kippen.

Zuerst brach die Poullain-Affäre über die Regierung herein, die so hilflos agierte, als handele es sich um die Naturgewalt eines Schlagwetters im Schacht. Dann schüttelte das überaus erfolgreiche Volksbegehren gegen die kooperative Schule die Koalition; viel aufgestauter Überdruß an Veränderungen und Sorgen vor der Zukunft wurden nach oben gespült. Jetzt ist Paullains Nachfolger als Chef der Westdeutschen Landesbank, Johannes Völling, ins Gerede gekommen. Noch hallt der Koalition das Wort seines Vorgängers im Ohr, er werde zu gegebener Zeit "auspacken", da beginnen die Geschäfte des Textilfabrikanten Herbert Reichel die FDP zu belasten. Denn Reichel konnte es mit der Düsseldorfer Parteiprominenz von Walter Scheel über Otto Graf Lambsdorff, den Ex-Landesvorsitzenden Weyer und seinen Nachfolger Horst-Ludwig Riemer überaus gut. Blumen, Grüße, Präsente, der Plausch mit den Politikern im Swimmingpool – ein Bild von bestechend-herzlicher Nähe entsteht da. Und etwas wird haften bleiben, selbst wenn – wie zu vermuten – alles seinen ganz ordentlichen Gang nahm.