Von Ulrich Goetz

Gute Freunde rieten mir, das Testament zu machen und drückten mir zum Abschied die Hand, als wär’s zum letztenmal. Nur weil ich beabsichtigte, über den Atlantik zu segeln. Dabei wollte ich natürlich die lange Reise keineswegs allein machen, und bei dem Segelboot handelte es sich um eine stattliche Aluminium-Yacht vom Typ Nordsee 53, 16 Meter lang und ebenso viele Tonnen schwer; sie besitzt zwei Masten und eine 100-PS-Hilfsmaschine, WC, Dusche, Tiefkühler und für Gäste drei Zweierkabinen mit fließendem Wasser. Die Niata (griechisch, "Jugend"), 1972 bei Dübbel und Jesse nach den Sicherheitsvorschriften des Germanischen Lloyds gebaut, wird von einem Schweizer Ehepaar geführt und ist mit einem Kurzwellensender ausgerüstet, der (wenigstens theoretisch) täglichen Funkkontakt mit zu Hause ermöglicht.

Die Reise begann wie viele andere: Flugtickets wurden vom Reisebüro zugestellt, und Düsen-Jets brachten uns in wenigen Stunden über den Atlantik zu den Virgin-Islands. Zwei Tage später verließen wir St. Thomas – mit der Niata zurück in Richtung Europa. Es war der 10. Juni: höchste Zeit, aus dieser Gegend zu verschwinden, denn der erste Hurrikan der Saison konnte sich tagtäglich zusammenbrauen. So nahmen wir zunächst Kurs auf die Bermudas, 850 Seemeilen (fast 1600 Kilometer) weiter nördlich. Das war zwar ein Umweg; der direkte Kurs nach Europa hätte eigentlich gen Osten geführt. Doch wie auch sonst so oft im Leben ist beim Segeln der kürzeste nicht immer der schnellste Weg.

Gleich zu Beginn der Reise begann der Kampf gegen die Seekrankheit. Die Niata ist zwar für eine Segelyacht verhältnismäßig groß, aber der Atlantik-Schwell war noch größer. Zusätzlich setzte mir das tropische Klima, Hitze und Feuchtigkeit, hart zu. Die ersten beiden Tage blieb ich, außer wenn ich Ruderwache hatte, in meiner Koje, aß und trank praktisch nichts. Danach war die Krise überwunden, und ich war für den Rest der Reise seefest.

Wir befanden uns auf einer Kante des berühmt-berüchtigten Bermuda-Dreiecks, wo immer wieder Schiffe und Flugzeuge auf geheimnisvolle Weise verschwinden sollen. Aber die Etappe zu den Bermudas verlief ohne größere Zwischenfälle. Nur die Mengen von Seegras aus der Saragossa-See, die auf der Wasseroberfläche schwammen, bereiteten uns einigen Ärger. Zwar wurde der Grasteppich nie so dicht, daß wir darin – wie es den alten Spaniern so öft passiert sein soll – steckenblieben. Doch setzte das zähe Kraut immer wieder die Logge ("Geschwindigkeitsmesser" und "Meilenzähler") außer Betrieb. Es kam vor, daß der Wachhabende ein dutzendmal pro Stunde in die Bilge (den tiefsten Punkt im Schiff) hinunterklettern mußte, um den Logge-Propeller zu reinigen. Das war besonders bei Seegang alles andere als ein Vergnügen.

Was tut man denn tage- und wochenlang auf einem Segelschiff mitten im Atlantik? Wird das nicht langweilig? Es wurde nicht. Erstens waren wir alle voll in die Schiffsführung eingespannt. Das Kapitäns-Ehepaar eingeschlossen waren wir sechs Personen an Bord. Jeweils zwei Mann (respektive Frauen) bildeten zusammen eine "Wache" und waren abwechslungsweise mit Steuern, Segel regulieren und so weiter beschäftigt; Tagsüber dauerte eine Wache drei, nachts zwei Stunden. Zu mehr als vier Stunden Schlaf an einem Stück kam man somit nachts nie, einen guten Teil der Freiwache. tagsüber verschliefen wir dann auch einfach.

Der Rest des Tages war ausgefüllt mit (gut) Essen und Trinken, Lesen und Sonnenbaden. Und dann gab es immer wieder Wale, Delphine, Wasservögel (mitten auf dem Atlantik!) oder auch Quallen (etwa die berüchtigten Portugiesischen Galeeren) zu beobachten, zu photographieren und zu filmen. Langweilig war es nie.