Von Fritz J. Raddatz

Es gilt, Tribut zu zollen einem großen deutschen Dichter – dessen Namen hierzulande kaum einer kennt; es gilt, das sei eingestanden, auch persönlichen Dank abzustatten für eine Freundschaft, die ein Vierteljahrhundert währt. Die dem blutjungen Literaturstudenten entgegengebracht wurde von dem gerade aus dem Exil Heimgekehrten.

Es begann, fast möchte ich sagen: kaum zufällig, in einem Hafen – dem von Rostock. Von dort fuhren die Schiffe nach Hiddensee. Der neunundvierzigjährige Erich Arendt war wenige Monate zuvor aus Kolumbien nach Deutschland zurückgekehrt; wir hatten einander gelegentlich in einem Verlagslektorat oder bei Veranstaltungen des Schriftstellerverbandes gesehen. Nun bat er mich, auf dem Wege nach Berlin, seiner Frau Katja in Klosters auf der Ostseeinsel Hiddensee versehentlich mitgenommene Schlüssel zu bringen. In einem bequemen, großzügig eingerichteten Haus öffnete eine Frau, deren große schwarze Augen unter einem Büschel von weißen Locken zugleich strahlen und skeptisch blicken konnten. So banal geht es manchmal zu: Sie hieß Katja Arendt, und sah aus wie eine Zwillingsschwester von Hannah Arendt.

Beide waren Boten aus einer anderen Welt. Sie lebten ein unbürgerliches Leben, sie waren "undeutsch": vom Rotwein mit Käse zu Gershwin, von der indianischen Kunst an den Wänden zum selbstgemachten Konfekt, das Katja Arendt bis heute zu Weihnachten für ihre Freunde verschickt; denn vom Herstellen des Konfekts, das der deutsche Dichter hausierend verkaufen mußte, hatten sie in den Tropen gelebt – es war die verwirrende Mischung, die es einst nur in Berlin gegeben haben mag. Großbürgerliche Bildung, aber den Ideen des Sozialismus zugewandt, die intellektuelle Wachheit des jüdischen Bürgertums mit einer verwöhnten Kultur sogar des Geschmäcklerischen verbunden.

Für den grauen Osten, für den eben an der brävlich regulierten Humboldt-Universität Immatrikulierten, öffneten die beiden Arendts eine Welt. Die Nächte literarischer Diskussionen nahmen kein Ende, die erste Lorca-Lektüre oder Whitman-Sucht kam von ihnen; lange Abende mit Gustav Seitz oder Ernst Bloch, jungen Franzosen, Spaniern, von Katja Arendt mit Abendessen von vielen fremdartigen Gängen und vielerlei exotischem Gerät serviert, glichen Inseln im Meer der Fahnen, des Marschtrittsozialismus. Arendt hatte sein Fernweh, seine Liebe zu Farbe, Rhythmus, Form in die große Wohnung am Treptower Park eingebracht, hatte sie vollgestopft mit Büchern, Bildern, alten Gläsern, schönen Möbeln, Und mit Literatur – ihr lebte er. Vor Politik warnte er. Ein seltsames Erlebnis für mich, den politisierten jungen Menschen: der Spanienkämpfer, Emigrant und Nationalpreisträger empfahl den "Rückzug vom Alltag". Walter Benjamins Konzept von der Katastrophe als Summe der Geschichte waren, wie Arendt schrieb, "Erkenntnisse, die mein Gehirn formuliert haben könnte". Er mahnte zum Traum. Sein Werk hat dessen Kraft. Arendt begann mit expressionistischen Gedichten, die von 1926 an in Herwarth Waldens Zeitschrift "Sturm" veröffentlicht wurden. Im selben Jahr trat er der KPD bei. Das Programm der Zeitschrift "Sturm" war aber alles andere als politisch; Walden selber proklamierte eine Erneuerung der Künste "von innen", das "innere Gesicht" und "Die Offenbarung". Für ihn war Dichtung a-logisch: "Die Kunst und die Tatsache sind zwei Welten, die nichts miteinander zu tun haben ... Es gibt keine Kunst für Stände und Klassen. Kunst kennt keinen Fortschritt, keine Entwicklung, Kunst ist Kunst. Fortschritt und Entwicklung werden durch Vergleich festgestellt, Kunst ist aber kein Vergleichen, Kunst ist Gleichnis. Kunst ist nicht Darstellung. Kunst ist Gestaltung. Kunst ist nicht Aufnahme des Gegebenen, Kunst ist Aufnahme des Gebenden. Kunst ist Gabe und nicht Wiedergabe."

Arendt fand sich von Beginn an in einem typisch deutschen Dilemma: progressive Politik schloß progressive Kunst aus. In seinen frühen Arbeiten überwiegt die Gebärde des Anrufs; der Wortleib von Gedichten wie "Wir" oder "Fremd" aus den Jahren 1925 und 1926 besteht überwiegend aus Verben (und zwar oft in der Infinitivform) und dem Personalpronomen:

Schwingen Wehen Biegen Fliehen